Alltag in Griechenland

  • Ich glaube, es ist allmählich an der Zeit, die viel beschworene Party im Land der Hellenen zu beschreiben, damit sich ein korrigiertes Bild in der allgemeinen Wahrnehmung festsetzt.
    Anfangen möchte ich mit einem Beitrag aus der "Süddeutschen", der einige Einzelbeispiele erwähnt, bei dem mir die Haare zu Berge standen.
    Ich möchte hier weder einen Grexit noch die linke Regierung diskutieren, dazu gibt es ausreichend Möglichkeiten.
    Hier soll es darum gehen, die Auswirkungen der Sparpolitik im griechischen Alltag zu zeigen.
    (Hämische Kommentare, die sich gegen die Griechen allgemein richten und das ganze Volk als eine Ansammlung von trunksüchtigen Partygängern verunglimpfen möchte, werden konsequent gemeldet und hoffentlich editiert)


    Zitat

    Gleichwohl geht es dem Land besser. Der Haushalt weist einen Ãœberschuss auf und die Abgeordneten haben nach der Abstimmung im Parlament gejubelt. Da ist es ja auch egal, dass es in den griechischen Wohnungen sehr kalt ist, weil die Heizungen wegen der exorbitanten Heizölpreise nicht angestellt werden. Einige haben sehr unsichere Ãœberlebensstrategien gewählt. So habe ich im Dezember die erschreckende Nachricht gelesen, dass ein Teenager und seine Mutter tot aufgefunden wurden. Sie sind erstickt, weil sie die Wohnung mit Grillkohle geheizt haben. Sie waren nicht die einzigen, aber nach einer Weile wird über solche Fälle nicht mehr berichtet. Das größte Elend ist, sich ans Elend zu gewöhnen.


    mehr....


  • Du musst einfach zwischen vorher und nachher unterscheiden.
    Der Lebensstil des Bilanzbetrügers vor und nach der Aufdeckung des Betruges ist nun einmal sehr unterschiedlich. Und es hat niemand behauptet, dass es irgendwie spaßig ist, seinen Wirtschaftskarren wieder auszugraben und aufzurichten, wenn es einen wegen Ãœbermuts aus der Kurve getragen hat. Und auch die Passagiere, die nicht mitgejohlt haben ob der rasanten Fahrt liegen dann im Schnee.


    Gruß
    Verbalwalze

  • Du musst einfach zwischen vorher und nachher unterscheiden.
    Der Lebensstil des Bilanzbetrügers vor und nach der Aufdeckung des Betruges ist nun einmal sehr unterschiedlich. Und es hat niemand behauptet, dass es irgendwie spaßig ist, seinen Wirtschaftskarren wieder auszugraben und aufzurichten, ...............


    Gruß
    Verbalwalze


    Verschuldung und Sparmassnahmen ist eine Sache, lebenswichtige Grundversorgung eine andere. Jeder Schwerverbrecher in Europa hat Essen, Heizung und medizinische Versorgung. Man kann Teile eines Volkes nicht schlimmer als Schwerverbrecher behandeln.
    Die Agenda der neuen Regierung ist für mich ein schlechter Witz, lachhaft. Nur muss mindestens die Grundversorgung des Volkes sichergestellt sein. Genau das war nicht der Fall und hat dieser unglaubwürdigen Regierung zur Macht verholfen. In der Not greift man hal nach dem kleinsten Strohhalm, ..... b.z.w. folgt Rattenfängern. Ich zeige für die Wahl Verständnis.

  • Mir sind nahezu alle deine einzeiligen wurstigen Zwischenrufe eigentlich ziemlich egal, meist reagiere ich ja darauf nur mit etwas ebenso flapsigem.
    Hier bekommst du einen etwas besseren Einblick unter die "Matratzen":


    http://www.daserste.de/informa…rung-vor-dem-aus-100.html


    Guter, sachlicher Beitrag wo viele Probleme des Landes schildert. Es gibt wohl noch viel zu tun.


    Nur steht das nicht im direkten Zusammenhang mit dem "Geld unter der Matratze". Gelder werden so lange verschwinden bis Klarheit herrscht und das Vertrauen hergestellt ist. Kein Grieche hat Lust plötzlich als Drachme umgestempelte Euroscheine aus dem Automat zu ziehen. Bleibt also die Matratze oder das Ausland. Ich möchte nicht wissen wie viele griechische Euro auf Konten von Verwanden in Deutschland schlummern. Nur hilft das der griechischen Wirtschaft nicht.
    Problem erkannt?

  • Die Gesundheitsversorgung im Land hat auch enorme Schwierigkeiten, denn durch den Zusammenbruch der Wirtschaft, sind viele Menschen aus der Krankenversicherung gefallen.


    Zitat

    Die Gesundheitsversorgung in Griechenland war lange Zeit äußerst mangelhaft; erst Anfang der 1980er Jahre wurde mit dem Nationalen Gesundheitssystem eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung sichergestellt. Im Zuge der Krise ist dieses ohnehin unzulängliche System nun von zwei Seiten unter Druck gekommen: Einerseits haben die von der EU und dem IWF geforderten Kürzungen große Löcher in die Infrastruktur gerissen, andererseits fallen aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit immer mehr Menschen aus der Krankenversicherung heraus. Noch bis 2007 bewegten sich der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt mit 9,6% im europäischen Durchschnitt (zum Vergleich: in Deutschland betrug der Anteil 10,5%).
    (...)

    Der ehemalige Gesundheitsminister Andreas Loverdos hat zugegeben, dass die Regierung zur Erfüllung der Kürzungsvorgaben »Schlachtermesser« benutzen würde. Die Zahlen sprechen für sich: Von 183 Krankenhäusern im Land sind seit Beginn der Krise etwa 100 geschlossen worden, rund 35.000 Klinikstellen fielen dabei weg. Die 350 Polikliniken, mit denen bislang die ambulante Grundversorgung sichergestellt wurde, wurden komplett geschlossen.

    (weiterlesen link oben anklicken)


    Tja Sparauflagen der Troika... letztendlich badet das der kleine Grieche aus... das kann es ja mal überhaupt nicht sein, oder?

  • Stimmt, aber die Kohle wollen sie haben, weil alternativlos....


    ....aufgezwungen mehr Sinn macht, als angepasst an die reale Situation der griechischen Bevölkerung?


    Es wäre ja ein schöner Beitrag zum Thema gewesen, wenn du auch die direkten Auswirkungen der 1:1 Diktion aus Brüssel auf das Leben der Griechen aufgezeigt hättest. Dazu müßte man aber mal zur alten Regierung zurück blättern.


    Wenn man sich nämlich anschaut, wie die damals schon absurden Forderungen in Höhe von über 13 Mrd € für die Jahre 2013 und 2014 gewütet haben, also die Situation heute erzeugt haben, und was die damalige Regierung schon von dieser Troika verlangte, nämlich Zeit (der Vorschlag der Griechen das Memorandum um 2 Jahre auf 2016 zu verlängern wurde kategorisch in Brüssel abgelehnt), dann kann man die Forderung der neuen Regierung nicht mal kritisieren.


    In Griechenland sieht es schlimm aus. Ich hab mal mit einem alten Bekannten (Selbstständiger) telefoniert, der mittlerweile fast seine ganzen finanziellen Mittel seiner in GR verbliebenen Familie zur Verfügung stellt. Seinen Bruder kenne ich auch persönlich. Er hatte mir vor langer Zeit mal ein Nachtlager angeboten, als ich mich auf einer Tour in den Kosovo befand.
    Er hat im letzten Jahr seinen Handel dicht machen können, weil er die Forderungen seiner Kreditgeber nicht mehr erfüllen konnte, die ihm vor 10 Jahren einen subventionierten Mist aus Brüssel angedreht hatten.
    Das Problem waren aber nicht die fehlenden Einnahmen sondern und vor allem die Kosten für die medizinische Versorgung. Die waren ihm wichtiger aber dementsprechend und ohne Grundversorgung hoch!
    Ich hab mir die Nachfrage nach Einzelheiten erspart. Ich bin froh, dass es ihm hier so weit gut geht.


    Diesen Bericht hatte ich schon anderen Ortes mit erwähnt doch er passt hier viel besser rein.


    Mich stört, dass es viele Lösungen am eigentlichen Problem vorbei gibt. Mich stört, dass sich als destruktiv und nachteilig entlarvte Maßnahmen im Prozess nicht veränderbar scheinen. Mich stört, dass hier eine Bevölkerung leidet, weil sie maßlos in eine Verantwortung genommen wird, an der sie vllt marginal und nur in Teilen beteiligt war. Mich stört, dass dadurch Vertrauen und Solidarität durch den Kakao gezogen werden und Mißtrauen und Vorurteile geschürt werden, deren Abbau viel länger benötigt, als deren Aufbau.


    Welche Perspektiven will man denn den jetzt 14 -16 Jährigen mit auf den Weg geben?
    Die einen reiben sich die Hände, weil ihre Profite gesichert sind und die anderen, weil sie kalte Hände haben und nicht mehr heizen können. Die wirklichen Probleme der Menschen in diesem Land (und letztlich ist es ja nicht nur GR! ITA, POR, ESP, ua) könnte sich zu einem noch größeren Problem in ganz Europa ausweiten.
    Aber den Schuldigen haben wir ja dann schon vor uns stehen. Das ist dann der Typ aus dem Schuldenland, der unser ganzes Geld verschlungen hat. :lol: .....kauft schon mal Mehl!


  • Schade das hier nur die mentalität von den usern angesprochen wird oder auf einer ca. 4 wochen alten regierung, statt über den alltag der griechen... war eine gute idee der thread. nur wollen diesen nur wenige teilen...


    Sorry für das off topic von mir jetzt. Aber irgendwie finde ich es blöd einen weiteren Strang über GR und EU zu diskutieren. Der Alltag der Griechen wäre insofern interessant, warum es eine Links/rechts Regierung geschafft hat, gegen die in Korruption verstrickte Alte regierung vom Thron zu kicken.


    Wieder mal ein Blick in den Alltag der Griechen:


    Schulwesen

    Zitat

    In Griechenland zeichnen sich für das Schuljahr 2011 – 2012 infolge der aufgezwungenen radikalen Sparmaßnahmen katastrophale Verhältnisse in den öffentlichen Schulen ab.
    Laut der Einschätzung des Staatsekretärs des Bildungsministeriums Vasilis Koulaidis “wird das kommende Schuljahr aufgrund der wirtschaftlichen Krise das schwerste Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg sein, und während seiner Dauer werden sich große Lücken einstellen“.


    Griechische Schulgeschichte

    Zitat

    Das antike Griechenland kannte private Schulen, die ausschließlich freien Bürgen männlichen Geschlechts vorbehalten waren. Die Jungen wurden in Gymnastik und Wettkampf, Tanz und Dichtkunst unterwiesen. Eine besondere Rolle spielte die staatlich gelenkte Erziehung in Sparta. Im harten Alltag staatlicher Erziehungshäuser wurden die Söhne der Adeligen dort früh für ein soldatisches Leben gedrillt. Entbehrung, Bescheidenheit, körperliche Höchstleistungen in Sport und Wettkampf sowie Kampfesübungen waren die zentralen Unterrichtsfächer. Auch die Mädchen wurden körperlich hart erzogen und gemäß einer klassischen Rollenverteilung auf das Leben als Mutter und Hauswirtschafterin vorbereitet.


    und Schule heute:

    Zitat

    Ohne private Nachhilfe schafft kaum ein Kind in Griechenland das Abitur. Jetzt können sich viele Familien die teuren Stunden nicht mehr leisten

  • [mod] 2 Beiträge gelöscht wegen Aggro-Spam


    Nachtrag: Außerdem wurde der Wunsch des Threaderstellers nach einem stärkeren Fokus auf den griechischen Alltag während dieser Krise nachgekommen. Die eher auf Makroebene stattfindende Diskussion (49 Beiträge) wurde in einen passenderen Thread verschoben und ist weitgehend chronologisch nachvollziehbar erhalten geblieben:
    http://www.politopia.de/thread…e-Drachme-Was-passiert-da
    [/mod]

    Einmal editiert, zuletzt von Zippo ()

  • Passend dazu eine sehenswerte Doku von 35 Minuten Dauer, die im "Guardian" vorgestellt wurde - sie liegt nur auf English, Griechisch und Spanisch vor, aber ich denke, das stört euch nicht (die Untertitel der verlinkten Version sind in Englisch).



    "Future Suspended" beschreibt die Entwicklung Athens und seiner Bewohner als Geschichte einer Stadt in Zeiten der Finanzkrise: der Bogen reicht von der Olympiade 2004 und Bau- und Privatisierungsprojekten über die Folgen sich ausbreitender Arbeitslosigkeit und Fremdenfeindlichkeit bis hinein in die Gegenwart. Die von einem griechisch-britischen Team von Sozialwissenschaftlern initiierte Doku entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts von Crisis Scape, das vom britischen Economic and Social Research Council (ESRC) und der University Sussex unterstützt wurde und die Auswirkungen der Finanzkrise auf den Alltag einer Stadt am Beispiel Athens bis Mai 2014 untersucht hat.


    Hier Näheres zum Hintergrund: http://www.theguardian.com/cit…fter-olympics-documentary


    .

    Einmal editiert, zuletzt von A0067 () aus folgendem Grund: form.

  • Eine schöne Doku vom WDR:


    Zitat

    Griechenland in der Euro-Krise - wie kam es dazu? Der Filmemacher Yórgos Avgerópoulos porträtiert die Eurokrise aus griechischer Sicht über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren. Er fängt die politischen und sozialen Auswirkungen in intensiven, teilweise erschütternden Bildern ein und spricht sowohl mit politischen Entscheidungsträgern als auch mit den direkt Betroffenen.



    Besonders interessant ca. ab 1:20:00 - wie ganz Europa auf Grund falscher Analysen und fehlerhafter Daten in ein Sparprogramm gezwungen wurde.