Revolution der gebenden Hand- Deutschland ein Semi-Sozialismus?

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    Die Zukunft des Kapitalismus (8)

    Die Revolution der gebenden Hand

    Sloterdijk, Peter

    13. Juni 2009 Am Anfang aller ökonomischen Verhältnisse stehen, wenn man den Klassikern glauben darf, die Willkür und die Leichtgläubigkeit. Rousseau hat hierüber in dem berühmten Einleitungssatz zum zweiten Teil seines Diskurses über die Ungleichheit unter den Menschen von 1755 das Nötige erklärt: „Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Das gehört mir!, und der Leute fand, die einfältig (simples) genug waren, ihm zu glauben, ist der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft (société civile).“
    Demnach beginnt, was wir das „Wirtschaftsleben“ nennen, mit der Fähigkeit, einen überzeugenden Zaun zu errichten und das eingehegte Terrain durch einen autoritativen Sprechakt unter die Verfügungsgewalt des Zaun-Herrn zu stellen: Ceci est à moi. Der erste Nehmer ist der erste Unternehmer - der erste Bürger und der erste Dieb. Er wird unvermeidlich begleitet vom ersten Notar. Damit so etwas wie überschussträchtige Bodenbewirtschaftung in Gang kommt, ist eine vorökonomische „Tathandlung“ vorauszusetzen, die in nichts anderem besteht als der rohen Geste der Inbesitznahme. Diese muss aber durch eine nachträgliche Legalisierung konsolidiert werden. Ohne die Zustimmung der „Einfältigen“, die an die Gültigkeit der ersten Nahme glauben, ist ein Besitzrecht auf Dauer nicht zu halten.
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    Enteignung per Einkommenssteuer
    Dies gelang ihm vor allem mittels einer fabelhaften Ausweitung der Besteuerungszone, nicht zuletzt durch die Einführung der progressiven Einkommensteuer, die in der Sache nicht weniger bedeutet als ein funktionales Äquivalent zur sozialistischen Enteignung, mit dem bemerkenswerten Vorzug, dass sich die Prozedur Jahr für Jahr wiederholen lässt - zumindest bei jenen, die an der Schröpfung des letzten Jahres nicht zugrunde gingen. Um das Phänomen der heutigen Steuerduldsamkeit bei den Wohlhabenden zu würdigen, sollte man vielleicht daran erinnern, dass Queen Victoria bei der erstmaligen Erhebung einer Einkommensteuer in England in Höhe von fünf Prozent sich darüber Gedanken machte, ob man hiermit nicht die Grenze des Zumutbaren überschritten habe. Inzwischen hat man sich längst an Zustände gewöhnt, in denen eine Handvoll Leistungsträger gelassen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommensteuerbudgets bestreitet.


    Kleptokratie des Staates
    Angesichts der bezeichneten Verhältnisse ist leicht zu erkennen, warum die Frage, ob der „Kapitalismus“ noch eine Zukunft habe, falsch gestellt ist. Wir leben gegenwärtig ja keineswegs „im Kapitalismus“ - wie eine so gedankenlose wie hysterische Rhetorik neuerdings wieder suggeriert -, sondern in einer Ordnung der Dinge, die man cum grano salis als einen massenmedial animierten, steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage definieren muss. Offiziell heißt das schamhaft „Soziale Marktwirtschaft“. Was freilich die Aktivitäten der nehmenden Hand angeht, so haben sich diese seit ihrer Monopolisierung beim nationalen und regionalen Fiskus überwiegend in den Dienst von Gemeinschaftsaufgaben gestellt. Sie widmen sich den sisyphushaften Arbeiten, die aus den Forderungen nach „sozialer Gerechtigkeit“ entspringen. Allesamt beruhen sie auf der Einsicht: Wer viel nehmen will, muss viel begünstigen.
    ...
    read on, my dear:
    http://www.faz.net/s/RubCF3AEB…Tpl~Ecommon~Scontent.html

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    Ein mehr als polarisierender Schrieb, mir ist ein wenig unverständlich wie sich Sloterdijk ernstlich daran versucht, die Duldsamkeit (die ja per se nicht vor kritischer Reflexion gefeilt sein muss) des Steuerbürgers mit Ausflügen in frühere Jahrhunderte zu kontrastieren, in blankem Unvermögen anzuerkennen, dass damals ein erschlagend höherer Anteil des Einkommens (des Untertans, ja auch des einfachen Bürgers) für Nahrungsmittel und essentiellste Güter für die Lebensbestreitung aufzubringen war, von den in den Kinderschuhen steckenden Eskalationslogiken staatlicherseits für mannigfaltigste Infrastrukturmaßnahmen aufkommen zu müssen ganz zu schweigen, ohne welche er höchstselbst sein Klagelied als Rektor einer staatlichen Hochschule (sic!) wohl anders anzustimmen hätte.

    Weitere, hoffentlich auch wohlwollendere Gedanken?

    Cheers,
    Cervantes

    PS: Einige Sentenzen sind schon sehr treffend, aber zuvorderst die Rügen, denn diese Lappsigkeiten sind es genau die ihm seine Kritiker so gerne reindrücken und die es einem trotz Sympathien schwer machen, diesen Mann zu verteidigen.

    4 Mal editiert, zuletzt von Cervantes () aus folgendem Grund: Satzteil ergänzt

  • Ich gebe Rousseau prinzipiell recht, mir fehlt allerdings das Motiv.
    Es ist davon auszugehen, dass der Besitz zusammen mit der Landwirtschaft "erfunden" wurde. Ein Feld musste monatelang bearbeitet werden, bis man es ernten konnte, es war also weitaus komplexer als der sofortige ERfolg oder Miserfolg bei einer Jagd.
    Interessanterweise gibt hier die Bibel auch einen Hinweis, wenn man sie als soziale Studie des Menschen lesen mag, und zwar erschlug der Kain den Abel, und, welch Zufall, Kain war Landwirt.


    Was ich allerdings nicht glaube, ist, dass zu der damaligen Zeit die Menschen in Kleinstfamilien siedelten, ich denke eher an größere Gruppen von ca 12 - 20 Menschen. Diese Gruppe verteidigte also ihr Angebautes vor anderen Gruppen.
    So entstand der Besitz aus einer gefühlten Notwendigkeit. Und mit dem Besitz entstand der Tausch mit Gegenleistung. Schade.



    Nunja, was die moderneren Staaten anbelangt, so ist es schwer, des Pudels Kern zu erfassen.
    Meiner Meinung nach sind es verschiedene Faktoren, die auf das Leben einwirken und die Macht des Systems gegenseitig verstärken.


    Dazu muss man ersteinmal die Funktionen eines Staates analysieren, hier hilft die Staatsphilosophie.


    "Politische Philosophie ist ein Gebiet der praktischen Philosophie, in dem normative Fragen untersucht werden. Dabei werden Gesichtspunkte der Moralphilosophie und der angewandten Ethik mit der politischen Theorie verbunden, wobei in der Regel eine Reflexion auf die politische Ideengeschichte erfolgt. Als normative Disziplin ist politische Philosophie Kritik, Sinngebung und Wegweisung politischen Handelns." (Quelle: Wikipedia)


    Es geht, wie sollte es sonst sein, um die Frage nach dem "Richtigen". Einen Staat nach seiner Funktionalität zu beurteilen, bedeutet, den Menschen in ihm genauestens zu analysieren, in wieweit dieser noch ein eigenständiger Mensch ist. Kommt man zu dem Schluss, der Staat habe eine zu hohe Priorität gegenüber dem Einzelnen, kommt man zwangsläufig zu der Frage, warum dies so sei. Hierbei sollte man die Geschichte der Machtverhältnisse und der Staatenbildung nicht außer acht lassen, denn diese haben ihre Spuren in der Mentalität der Bürger hinterlassen.


    Das Ziel eines Staates ist die Aufrechterhaltung seines Territoriums, des verbindlichen Regelwerkes der Mitglieder untereinander, sowie der Gleichheit gegenüber anderen Staaten den Fortschritt betreffend.
    Und hierbei ist eben die Gretchenfrage zu stellen, ob das richtig sei.


    Ich sage dazu eindeutig Nein.
    Deutschland betreffend kann ich am Steuersystem nur Kritik üben, denn es ist, wie alle Gesetzgebungen es innehaben, ein System, dass Symptome bekämpft, anstatt die Wurzel des Problems zu suchen. Das Steueraufkommen steht in keinem Verhältnis mehr zu den Dienstleistungen, die der Staat uns gewährt. Im Verwaltungsapparat verschwinden Gelder, das Ãœbriggebliebene wird in Dinge investiert, die der Bürger gar nicht gebrauchen kann, oder sogar strikt ablehnt. Ein Land, dass sich nicht im Krieg befindet und dies in naher Zukunft auch nicht vor hat, hat keinen Grund, Milliarden in einen Eurofighter zu investieren, gezahlt von der bürgerlichen Steuer. Ein Bürger, der nicht neben Atomkraftwerken schlafen möchte, wird überhört, sein Steuergeld zur Erschließung der Ressource Atomkraft aber genommen.
    Eine Politik, die sich Demokratie nennt, und einen nicht geringen Anteil der Bevölkerung ignoriert bei seinen Entscheidungen, landet im Kreuzverhör der Philosophie.


    Wie man Deutschland nun auch bezeichnen mag in seiner wirtschaftlichen Definition, es juckt an den immerselben Stellen; der Demokratie wird nicht Genüge getan!