Spiegel: Plädoyer für eine neue Kultur des Scheiterns

  • "Die Fehlerkultur in Deutschland ist beängstigend":
    http://www.spiegel.de/karriere…r-zu-machen-a-994442.html


    "Außerdem können Fehler durchaus Positives bewirken. Ohne Fehler keine Innovationen, "trial and error" heißt die schlichte Formel."


    Das ist auch das Prinzip der Evolution: Mutationen sind bei der Replikation auftretende "Fehler", die jedoch im Glücksfall zu positiven neuen Eigenschaften führen können.

  • wer eine sache "beherrschen" im sinne von gut können will, wird viele anläufe benötigen.
    wer laufen lernt, fällt viele male schmerzvoll aufs hinterteil und nicht selten auch auf die nase.
    und auch später, beim versuch der ersten orientierung und schnelleren/härteren gangart, und allen anderen gelegenheiten analog, stößt sich wohl jeder auch mal den (allegorischen) kopf.
    das ist auch eine art selektionsvorgang.
    die einen werden gewandter und stärker, schneller und ausdauernd, die anderen sind womöglich geschockt, vorsichtig oder gar ängstlich, bleiben lieber im bekannten raum, als sich auf (weitere) abenteuer einzulassen.
    das zieht sich dann durch das ganze leben, wie es scheint.
    eine elementare erkenntnis lautet: wer etwas neues (entdecken oder tun) will, muss tatsächlich auch etwas neues entdecken wollen und bereit sein, die erforderlichen risiken in kauf zu nehmen.
    das gilt für individuen und auch für deren summe - eine ganze gesellschaft. wenn diese das scheitern als folge einer entscheidung für neues grundsätzlich abzulehnen beginnt, wird die erneuerung als solche abgelehnt und das ist, evolutionär betrachtet, der absteigende ast. so eine gemeinschaft wird von denen verdrängt werden, die dazu ( und zu mehr risiko) bereit sind.

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  • und das ist das beste, das dir dazu einfällt?


    Ja! Schau sie dir doch an. Zivilversager, weltfremde Berufspolitiker, Wählerverächter. Machen was sie wollen, was lacostet die Welt, es sind ja nur Steuergelder.

  • eine launige geschichte, passt (fast) zum thema ....


  • "Die Fehlerkultur in Deutschland ist beängstigend":


    Ich denke, der Umgang mit eigenen Fehlern ist bei uns noch vergleichsweise normal wenn man sich China oder vor allem Japan anguckt. Ein Problem sehe ich eher beim Umgang mit den Fehlern anderer. So werden hierzulande z.B. Unternehmer, die pleite gegangen sind nahezu gesellschaftlich geächtet, ebenso wie Politiker, die Wahlen verlieren. Da gibt es weder in der Zeitung noch bei Facebook ein "Kopf hoch, immerhin habt Ihr es versucht" wie es in den USA oft üblich ist, sondern es werden Badewannen voll Häme ausgeschüttet. So ein Klima trägt sicherlich nicht dazu bei, dass jemand aufsteht und ruft: "Hurra, ich habe einen Fehler gemacht!"


  • So werden hierzulande z.B. Unternehmer, die pleite gegangen sind nahezu gesellschaftlich geächtet, ebenso wie Politiker, die Wahlen verlieren.


    Aber gerade diese Ächtung wäre doch ein logischer Grund dafür, weshalb so wenige Menschen etwas riskieren - die Angst davor, Fehler zu machen, erscheint vor dem Hintergrund der von dir genannten Reaktionen der Mitmenschen nur allzu verständlich zu sein. Stimmt deine These (und das vermute ich), dann spräche das dafür, dass tatsächlich bei vielen Menschen aus der Furcht vor beißender Kritik und Ächtung eine große Angst vor eigenen Fehlern resultiert, welche Kreativität und Eigeninitiative hemmt.

  • Es könnte auch die Angst vor den Konsequenzen sein, die es schwer macht Fehler so zu behandeln, wie es angemessen wäre.

  • Bisschen was aus meinem Nähkästchen:


    Manche Leute die gescheitert sind tun danach auch ganz tolle Dinge danach. Man kennt ja dieses Storys z.B. die so anfangen mit "wäre ich damals nicht durchs Medizin-Studium" gefallen etc. "wäre ich nie " ...
    Oder andere Geschichten aus dem Alltag wo nen Obdachloser Geld an ne Kindertagesstätte spendet. Der Mann war da wohl dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Glück ist sowieso individuell wie jeder Mensch eben auch.


    In Deutschland sind wir auch manchmal nen bisschen komisch. Da muss ich an das Interview mit Mertesacker nach dem Spiel denken.
    Das ist oft so fast wie "Deutsche Wertarbeit" kennt keine Fehler. :)
    Und den Spruch "wer den Schaden hat brauch für den Spott nicht zu sorgen" können wir auch gut.


    Ich frage mich aber auch manchmal wer definiert Scheitern und Erfolg.
    Wenn mir die gleichen Leute erzählen wollen die die letzten 40 Jahre gepredigt haben was Erfolg ausmacht (*hüst Neoliber...) was nun Scheitern ist kann ich drauf verzichten.


    Ich sehe manchmal Sonntags beim Rad fahren Leute die mit nem tollen Mountain-Bike unterwegs sind (locker 1700 €), die sich offensichtlich gesund ernähren (sportliche Figur), und rumdüsen, mit Top-Helm auf dem Kopf, durch die Gegend. Leute die so ausschauen als würden sie sicher gut verdienen, nen Job mit Karriere-Perspektive haben und ne gut ausgebuchte 40+ h Woche.
    Echte Steuerzahler die wahrscheinlich den "FDP-Way-of-Life" voll und ganz gegangen sind. (Wer jetzt mein es geht hier nur um Workaholics, das greift zu kurz).
    Wenn ich manchmal in die Gesichter dieser Menschen schaue dann sehe ich eine Frustration und Verbittertheit das ist kaum zu glauben. Einen richtigen Hass fast. Warum ist schwer zu sagen. Gelten doch solche Menschen allgemein als erfolgreich.


    Es gibt wohl viele verschiedene Beispiele für das was ich meine und auch anders gelagerte aus einer anderen Perspektive.
    Nur mal eines meiner subjektiven Erlebnisse.


    Ansonsten halt ich mich noch nun an Ford und Konfuzius:
    „Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.“ (Scheitern mit inbegriffen)
    "Einen Fehler machen und sich nicht bessern: Das erst heißt fehlen."
    "Wer einen Fehler macht und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.
    "

  • Es könnte auch die Angst vor den Konsequenzen sein, die es schwer macht Fehler so zu behandeln, wie es angemessen wäre.


    Ich finde es eine sehr große und gute Eigenschaft, wenn Menschen zu ihren Fehlern stehen können. Dazu gehört viel Intelligenz und Mut m.E.
    (jetzt schießt mir gerade das Unglück von der Loveparade durch den Kopf - da hatte wohl niemand diese Größe)

  • Laß mich 9 0der 10 gewesen sein, da hat mein Vater mal zu mir gesagt:
    "Es ist mir egal wie viel Dummheiten du anstellst, erwischt man dich, dann steh zu dem Mist, den du gemacht hast. Alles andere ist feige." Natürlich wußte ich warum er das zu mir sagte, denn ich hatte grad mal wieder eine solche begangen. Nur erwischt wurde ich nicht. :wink5:


    Am schlimmsten find ich, wenn man gefragt wird, was "der größte Fehler" war, den man bisher begangen hat.
    Ich kann mich dann immer nicht entscheiden. :sifone:


    Zitat von Mc_D.Liberal

    Wenn ich manchmal in die Gesichter dieser Menschen schaue dann sehe ich eine Frustration und Verbittertheit das ist kaum zu glauben. Einen richtigen Hass fast. Warum ist schwer zu sagen. Gelten doch solche Menschen allgemein als erfolgreich.


    Ich glaube zu wissen, was du meinst. :wink5: Mein erstes großes "Hallo" bei der Eröffnung einer Airline hier am Flughafen, sah ich ähnliches in den Gesichtern. Und das waren alles hohe Positionen von einigen ansässigen Speditionen.


    "je höher man kommt, um so tiefer der Fall??" ...ich meine, selbst wenn mein Chef mich aus irgendeinem Grund (weil ich vllt ein Fehler gemacht hab) entläßt, geht doch nicht gleich meine Existenz flöten. Davor brauch ich auch keine Angst haben.
    Natürlich reden wir dann über Einschränkungen... obwohl, so viel wärs jetzt auch nicht.


    Aber zum Glück kenn ich auch genug andere Beispiele. Wenn die nicht wären, dann.... :rolleyes:


    mfg

  • B

    Ich denke, der Umgang mit eigenen Fehlern ist bei uns noch vergleichsweise normal wenn man sich China oder vor allem Japan anguckt. Ein Problem sehe ich eher beim Umgang mit den Fehlern anderer. So werden hierzulande z.B. Unternehmer, die pleite gegangen sind nahezu gesellschaftlich geächtet, ebenso wie Politiker, die Wahlen verlieren. Da gibt es weder in der Zeitung noch bei Facebook ein "Kopf hoch, immerhin habt Ihr es versucht" wie es in den USA oft üblich ist, sondern es werden Badewannen voll Häme ausgeschüttet. So ein Klima trägt sicherlich nicht dazu bei, dass jemand aufsteht und ruft: "Hurra, ich habe einen Fehler gemacht!"


    Normal ist nicht gleich gut bzw. wünschenswert.
    Als Pädagoge erkenne ich in viel zu vielen Handlungen unserer Zeit einen falschen Umgang mit Fehlern.


    In der Schule wird meist immer noch auf eine fehlerlose (aus Sicht des Lehrers) Arbeit der Schüler/innen insestiert, schon mit der Schultüte in der Hand bekommen wir getrichtert, was sich schickt und was nicht. Die Notengebung weist Fehler als Disqualifikationsmerkmal und im Fall gehäufter Fehler als Ko-Kriterium aus. Nicht jeder hat den Nerv locker beim Papa vor zu stiefeln und die 4 Fünfen im Zeugnis als "Mut zum Fehlermachen" zu deklarieren.


    Die Arbeitswelt setzt diesen Müll weiter fort: schleimen, blenden, dressed on the Job,
    wem´s nicht passt fliegt oder soll´s gleich bleiben lassen,
    gibt genügend Popokriecher die in den Startlöchern stehen,
    um den fehlerhaften Kollegen zu ersetzen.


    Diese Auswüchse der Leistungsgesellschaft können zu einem miesen omnipräsenten Opportunismus führen, der wie so bei so einem miesen Opportunismus üblich vor lauter Angst vor den eigenen Fehlern in die Hosen scheißt und vor lauter Freude über die Fehlern der anderen in die Hose macht.


    Das stinkt so zum Himmel, dass ein ordentliches Stinktier im Vergleich zu dieser Stinkerei
    sich wie ein Waisenknabe vorkommen kann, :yesnod:

    Einmal editiert, zuletzt von Kleinlok ()

  • Schon Erich Fromm hat uns gelehrt, dass nur die tägliche Anstrengung um das stets Gleiche den Meister machen kann, ob es die Liebe sei, oder auch die zugehörige Kunst des „Streitens“. Ein Handwerk, eine Wissenschaft, gerade eben alles, was der Mensch tut und anstrebt, um in seinem „Fach“ richtig gut zu werden und dauerhaft zu bleiben. Wer darin ruht, rostet und verliert den Anschluss.
    Schon dieser Ansatz enthält zwingend den Fehler, der uns lehrt, das Gleiche beim nächsten Mal aus Erfahrung besser zu machen.

    Sprechen wir über eine Fehlerkultur, sprechen wir über die Erkenntnis und Einsicht, dass wir ohne Fehler zu machen niemals zur Meisterschaft gelangen könnten. Der gemachte Fehler erst lehrt uns, wie wir es besser machen können. An sich scheint diese Erkenntnis so gesehen als recht banal, doch wie wir wissen, oftmals vergessen.

    4 Mal editiert, zuletzt von daylight ()