Wahrheit und Erfahrung

  • Der eine sagte, er habe 20 jahre dort gelebt, und deshalb wisse er, wie es dort sei. Der andere sagt, er habe unter bestimmten Bedingungen gearbeitet, und deshalb wisse er, wie die Arbeitswelt aussehe. Wieder ein anderer sagt, daß er laufend kriminelle Roma trifft, die stehlen oder ihren Rollstuhl einpacken, wenn sie nach Hause gehen.
    So hat jeder seine Erfahrung.
    Und doch ist Wahrheit etwas ganz anderes. Wahrheit ist nicht das, was ich auf meiner Insel erfahre. Wahrheit geht immer aufs Ganze. Wahrheit ist verbindlich, nicht bloß subjektiv.
    Erfahrungen können wahr sein, und doch keine Wahrheit ausdrücken. Oder ist es wahr, daß alle Jugebdlichen kriminell sind, weil einer mich bestohlen hat?
    Ich mißtraue jedenfalls dem Erfahrungsbodensatz, wenn es um Fragen der Moral geht. Ich setze eher aufs Selberdenken als auf das, was einer schon mal erlebt hat.


  • Ich setze eher aufs Selberdenken als auf das, was einer schon mal erlebt hat.


    Natürlich ist es wichtig, selbst zu denken (und zu viele scheinen sehr "ungeübt" darin zu sein), aber ganz losgelöst von Erfahrungen und Erlebnissen (eigenen und denen anderer), sozusagen im luftleeren Raum, lässt es sich zwar denken, aber der Bezug zur Realität würde fehlen (auch in den Naturwissenschaften orientiert man sich an Dingen, die man beobachten oder messen kann, um dann darüber nachzudenken).
    Allerdings stimme ich zu, dass man sich davor hüten sollte, aufgrund von einzelnen Ereignissen Pauschalurteile zu fällen. Und ja, der Gedanke ist interessant, dass bestimmte Erfahrungen zwar real, aber dennoch nur ein sehr kleiner Ausschnitt der "ganzen" Wahrheit sind - dessen sollte man sich bewusst sein. In vielen Bereichen hilft jedoch die Statistik dabei, viele Einzelergebnisse zu einem Ganzen zusammenzufügen...

  • "erfahrung" (im sinne von kenntnisse erlangen, wissen anreichern, selbst praktizierte methoden/tätigkeiten, erlebtes usw. als bewertungs- und entscheidungsgrundlage zu generieren ...) und "denken" (im sinne von analyse, kombinatorik, induktion und deduktion, thesis, antithesis und deren synthese, ausschlussverfahren etc. ... ) sind die beiden seiten der gleichen münze, die zu guter letzt die befähigung des individuums begründen, zu richtigen schlussfolgerungen, entscheidungen und handlungen zu kommmen.
    wer nur eine dieser seiten zum einsatz bringen kann, ist auf zufall und glück oder andere, die die richtigen entscheidungen treffen, angewiesen, um das eigene handeln mit deren hilfe erfolgreich ins ziel zu bringen.

    2 Mal editiert, zuletzt von A0468 ()

  • Ein Spruch, der mir beim lesen hier einfällt....


    Der Schüler sollte nicht den Fußspuren des Meisters folgen, er sollte suchen, was sie suchten.

  • Die Realität spiegelt sich nun mal in der Summe der Erfahrungen einzelner Individuen wieder. Wenn mir jemand erzählt, er habe im Urlaub nur lila Kühe gesehen, werde ich das mit den von mir gemachten Erfahrungen vergleichen. Und eher an Farbschwäche oder exzessiven Alkoholgenuß denken. Wenn drei andere berichten, daß es solche dort gibt, weil neu gezüchtet, sieht das schon anders aus.


    In Zeiten ausufernder Meinungsmanipulation sind es genau diese persönlichen Erfahrungen, die einen Abgleich mit der Realität erst möglich machen.
    Natürlich lauert darin auch eine Gefahr, der aber mit einer gesunden Skepsis und ein bißchen Nachdenken wirkungsvoll begegnet werden kann. Das ist wohl allemal besser, als auf die Kenntnisnahme von persönlichem Erleben anderer zu pfeifen und sich seine eigene Welt zu basteln.

  • Es ging Frau Firecreek um Wahrheit und Erfahrung! Wahrheit ist objektiv, sie zu erkennen, ist an sich nur näherungsweise möglich, im Prozess der Wahrheitsfindung. Erfahrung ist immer subjektiv und nur die Summe der Erfahrungen ermöglicht uns, sich der Wahrheit asymptotisch zu nähern. Sonst müssten wir allwissende Götter sein, wäre es anders.

  • Es ging Frau Firecreek um Wahrheit und Erfahrung! Wahrheit ist objektiv, (...)


    "wahrheit" ist meiner "erfahrung" nach ein ergebnis der empirie, im gebrauch allerdings eher eine floskel, als ein zuverlässiger begriff.
    die meisten wahrheiten sind relativ. können nur bezogen auf einen standpunkt und betrachter in einer vorgegebenen anordnung bestehen.
    ändern sich nur wenige rahmenparameter, ist die "wahrheit" eine andere.
    einige der scheinbaren grundkonstanten des universums selbst unterliegen sogar der relativität zum betrachter. wie also können einzelbetrachtungen und künstliche rahmengebilde zu einer "universellen wahrheit" in durch begriffsdefinitionen erst herbeigeführten entscheidungsräumen führen?


    es gibt unzählbar viele beispiele, die den 'wert' wahrheit unmittelbar mit der definitionshoheit verbinden.
    des einen freiheitskämpfer ist der anderen terrorist...
    des einen vermögen und erfolg ist ergebnis von raub und ausbeutung...
    des einen shareholder value ist anderen raubbau an der umwelt...
    des einen verdienste sind anderer martyrium...
    des einen gott ist anderen eine last...
    recht zu haben heisst nicht recht zu bekommen....
    und weil jaki die statistik anführte.... churchill....


    und endlos so weiter...


    "wahrheit" ist nicht absolut, sondern in der überwiegenden zahl der fälle reine definitionssache derjenigen, die anderen den ereignisrahmen dieser wahrheit aufoktroieren können - mittels meinungs- und realer macht.

    8 Mal editiert, zuletzt von A0468 () aus folgendem Grund: ft

  • Der eine sagte, er habe 20 jahre dort gelebt, und deshalb wisse er, wie es dort sei.


    Wenn Du 20 Jahre am Ort XY gelebt hast und jemand anderes Aussagen zum Ort XY macht, der dort noch nie war und welche mit Deinen Erfahrungen nicht kompatibel sind, dann kannst Du Deine Wahrnehmungsfähigkeit hinterfragen und/oder Du kannst die Seriosität der Aussagen des anderen oder gar dessen Motive in Frage stellen.


    Wahrheit steht üblicherweise mit unseren Erfahrungen in Verbindung, weil Erfahrungen wahrnehmbare Objekte sind und sich Wahrheit (oder das, was wir dafür halten) durch unsere Wahrnehmung offenbart.

  • (...)


    Wahrheit steht üblicherweise mit unseren Erfahrungen in Verbindung, weil Erfahrungen wahrnehmbare Objekte sind und sich Wahrheit (oder das, was wir dafür halten) durch unsere Wahrnehmung offenbart.


    da offenbart sich nichts, sondern eine bewertung wird im besten fall zur wahrheit erklärt.
    das ist ein grundsätzlicher unterschied zu objektiv wahr.


    es gibt das schöne beispiel der vier betrachter einer litfaßsäule, die alle unterschiedliche "wahrheiten" über ein und denselben betrachteten gegenstand aufschreiben, jeder aus seiner perspektive.
    alle anders und alle subjektiv wahr, aber alle unvollständig, also in toto bezüglich des universalitätsanspruchs des begriffs unwahr.

    Einmal editiert, zuletzt von A0468 () aus folgendem Grund: +n

  • Wer bin ich, dass ich anderen ihre Erfahrungen absprechen könnte?! Davon mal abgesehen, will ich das auch gar nicht, denn in der Regel profitiere ich davon. Von Kindesbeinen an. Jeder wird von Geburt an durch die Erfahrungen anderer Menschen geprägt. Das Nachmachen, das eigene Erleben, das Erkunden und Ausprobieren zeigt dann, ob die Erfahrungen der anderen richtig sind oder nicht, ob sie mir nützen oder nicht oder ob ich Dieses oder Jenes anders machen möchte - das sind dann meine eigenen Erfahrungen.
    In Bezug auf die Wahrheit hat der Prom schon alles geschrieben, dem schließe ich mich an.


    Ähnlich verhält es sich zur Moral (die Fire macht da am Schluss ihres Eingangsposting einen Schlenker hin zur Moral). Was als Moral verstanden wird, ist ungefähr so bunt wie die Flora und Fauna des Planeten. Den Rahmen geben die Gesetze vor, der Rest ist frei gestaltbar und verstehbar.

  • Wahrheit als übergeordnetes, objektives Ideal zu erklären bedeutet m.E. zugleich, sie für unerreichbar zu erklären.

  • Diskussionen über die Frage nach der Wahrheit im philosophischen bzw. übergeordneten Sinne verzetteln sich üblicherweise, weil sie die Ebenen des Subjektiven und des Objektiven vermischen.


    Aus der Erfahrung des Menschen, dass sein Blick auf die Dinge subjektiv ist, kann man nicht schlussfolgern, dass diese Dinge keine objektive Wahrheit besitzen. Dies wird aber oft getan.


    Die logische Konsequenz aus einer solchen Form der Schlussfolgerung wäre nämlich, dass die Dinge keine Existenz (kein Sein) haben.


    Das kann man durchaus diskutieren, aber nach meiner Beobachtung bestehen gerade jene am deutlichsten auf der Existenz, welche dazu neigen, Wahrheit als ein Konglomerat des Subjektiven zu deuten. Sie widersprechen sich damit selbst.

  • # 7: Deine Ausführungen, verehrter Prometheus, stehen in keiner Weise im Widerspruch zur Objektivität der Wahrheit. Die uns sich erschließende Wahrheit ergibt sich immer aus der Summe der uns verfügbaren Informationen und deren Auslegung bzw. Deutung. Zudem kann die Wahrheitsdeutung auch Machtfragen unterliegen.

  • Mit den Erfahrungen anderer verhält es sich meistens so: entsprechen sie unseren eigenen Erfahrungen, gelten sie als Wahrheitsindiz. Widersprechen sie unseren eigenen Erfahrungen, halten wir sie für bloß subjektiv.

  • Mit den Erfahrungen anderer verhält es sich meistens so: entsprechen sie unseren eigenen Erfahrungen, gelten sie als Wahrheitsindiz. Widersprechen sie unseren eigenen Erfahrungen, halten wir sie für bloß subjektiv.


    Irgendwie muss man doch schließlich "Recht" behalten.

  • # 7: Deine Ausführungen, verehrter Prometheus, stehen in keiner Weise im Widerspruch zur Objektivität der Wahrheit. Die uns sich erschließende Wahrheit ergibt sich immer aus der Summe der uns verfügbaren Informationen und deren Auslegung bzw. Deutung. Zudem kann die Wahrheitsdeutung auch Machtfragen unterliegen.


    ich argumentiere nicht a priori-philosophisch, denn der thread-titel ist ja praktisch - also a posteriori/empirisch orientiert - angelegt.
    alles was ich hier lesen kann ist nur die bestätigung dafür, dass es eine "universelle" "allgemeingültige" "unumstößliche" "grundlegende" usw. usf. wahrheit nicht in einem alle einbindenden und berücksichtigenden grundkonsens geben kann, denn durch selektion und interpretation der fakten, auslegungen, einschränkungen und deutungen etc., wird dem die grundlage entzogen, und die reine wahrheit wird zur subjektiven (als objektiv deklarierten) essenz derjenigen, die dazu qua herrschendem ordnungsprinzip befähigt sind.

    2 Mal editiert, zuletzt von A0468 () aus folgendem Grund: +r

  • Wenn man die Threadfrage nicht „Wahrheit und Erfahrung“, sondern „Wahrheit und Information“ nannte, würde die Betrachtung der Threadfrage dann anders aussehen?


    Erfahrung ist ans eigene Erleben gebunden, Information, die wir erhalten, nicht unbedingt.


    Information ist oft eine Botschaft an uns als Unbeteiligte, Erfahrung immer an uns als Beteiligte.


    Wenn die innere Haltung zu Information dieselbe wird als die zu Erfahrung, was geschieht dann?


    In uns und mit unserer Betrachtung der Welt.

    Einmal editiert, zuletzt von A2813 ()

  • Es ging Frau Firecreek um Wahrheit und Erfahrung! Wahrheit ist objektiv, sie zu erkennen, ist an sich nur näherungsweise möglich, im Prozess der Wahrheitsfindung. Erfahrung ist immer subjektiv und nur die Summe der Erfahrungen ermöglicht uns, sich der Wahrheit asymptotisch zu nähern. Sonst müssten wir allwissende Götter sein, wäre es anders.


    Das, was man für seine eigene Wahrheit hält, sollte man nie anderen aufzwängen.

  • Nehmen wir einmal an, ich würde hier ins Forum den Satz schreiben:


    1. Ich sitze gerade an meinem Balkon und sehe dort eine Birke stehn.


    Abgesehen davon, dass der eine oder die andere sich möglicherweise fragen würde, was das soll, welchen Sinn diese Aussage jetzt haben soll, ob ich gerade ein wenig ballaballa bin, dürfte es so sein, dass kaum jemand unter Euch den Wahrheitsgehalt dieser Aussage in Frage stellen würde.


    Nun mache ich aber folgendes, denn jetzt sage ich:


    2. Ich sitze gerade an meinem Balkon und sehe einen Alligator in meinem Garten herumlaufen.


    Was geschieht jetzt?


    Im Gegensatz zur Aussage 1. dürfte es deutlich mehr unter Euch geben, welche den Wahrheitsgehalt dieser zweiten Aussage in Frage stellen werden, jedenfalls dann, wenn aus meinen letzten Beiträgen irgendwie hervorginge, dass ich mich derzeit in Deutschland in meiner Wohnung aufhalte und nicht in Südafrika usw.


    Nun nehmen wir einmal 3. an, dass ich bei Aussage 1 gelogen und bei Aussage 2 nicht gelogen hätte. Was bedeutet das grundsätzlich?


    a) Ist die Wahrheit davon abhängig, ob wir sie glauben oder nicht?


    b) Was geschieht, wenn eine Aussage mit unseren bisherigen Weltbild in Konflikt gerät? Hinterfragen wir dann unser bisheriges Weltbild oder bestreiten wir den Wahrheitsgehalt der Aussage?


    Die Aussage über die Birke berührt unser Weltbild nicht, die Aussage über den Alligator aber schon.