Religion als Instrument

  • Sehe ich definitiv anders. Nimmt man sog. "primitive" Völker, so leb(t)en entliche sehr entspannt und im Einklang bzw. in tiefer Verbundenheit mit der Natur, als deren Teil sie sich begriffen. Und genau diese Völker waren meist sehr friedlich und heiter und hatten kaum Angst, da sie sich aufgehoben fühlten.


    Regelwerke und ähnliches sind "zivilsierte" Erfindungen und menschengemacht - immer. Und als solche natürlich irgendwann überholt.


    Die Angehörigen von Naturvölkern lebten in permanenter latent existierender Angst vor den Angriffen ihrer Umgebung. Sie hatten keine sie umgebende Polizei oder Armee, keine schützenden staatlichen Strukturen, nichts dergleichen. Sie gingen lediglich anders mit dieser latenten Bedrohung und Angst um, sie hatten „Erfahrung“ darin, auf der Hut zu sein, weit mehr als wir heute, die wir in zivilisierter Umgebung selbstvergessen herumlatschen. So sieht das aus.


    Ihre Vorstellungen über „den Naturmenschen“ kommen daher aus meiner Sicht allzu verklärt und naiv rüber, auch deshalb, weil es erheitert, als könnten wir uns auch nur annähernd in ein solches Leben, dass der willkürlichen Wildnis schutzlos ausgeliefert war, nachgerade hinein versetzen.

  • Das Internet - unendliche "Weisheit". Wir schreiben das Jahr 2016. Dies ist der ultimate Anti-Gottesbeweis von Genosse Rotflügel, der mit seinem Sermon auf Politopia unterwegs ist um Meinungen zu veröffentlichen, mit denen er seit dem Urknall hausieren geht. Viele Lichtjahre von ehrlicher Gesprächsbereitschaft entfernt trifft Rotflügel dabei auf Spezies die nie einen klaren Gedanken zuvor gesehen haben... :p



    geiler Kommentar!!! :thumbsup:

  • Richtig, aber eher wird doch umgekehrt ein Schuh draus. Im Normalfall wird in Sachen NATURvölker romantisiert das die Schwarte kracht. Da werden Traditionen wie der Todschlagen nach bösem Blick, angedichteter Hexerei ( einige Stämme, hier Papua Neuguinea ...


    Du immer mit Deinen unromantischen Beispielen. Diogena und ich denken dabei eher an Melanie und Hamonie und Stefanie... :sifone:


  • Du immer mit Deinen unromantischen Beispielen. Diogena und ich denken dabei eher an Melanie und Hamonie und Stefanie... :sifone:



    Jaja, heute mit Ihrem netten Derriere wackeln dabei hat Hamonie's Opa einst ...




    The killing of Captain Cook by Hawaiian islanders.....



  • Sehe ich definitiv anders. Nimmt man sog. "primitive" Völker, so leb(t)en entliche sehr entspannt und im Einklang bzw. in tiefer Verbundenheit mit der Natur, als deren Teil sie sich begriffen. Und genau diese Völker waren meist sehr friedlich und heiter und hatten kaum Angst, da sie sich aufgehoben fühlten.


    Die haben sich nicht als Teil der Natur "begriffen", sondern die hatten gar keine Wahl und auch keinen Gedanken daran.
    Wenn man gerade mal so über die Runden kommt und darauf angewiesen ist, jetzt endlich mal eine Hirschkuh zu erwischen, oder dass die Beeren auch dieses Jahr wieder das sind und nicht etwa deutlich weniger, weil das Wetter anders war, dann macht auch nicht mehr Viecher nieder, weil doch gerade mal mehr da sind, man kann ja das Fleisch nicht konservieren und die Häute nicht durch die Gegend tragen (warum auch) und man sammelt auch nicht mehr Beeren als man kann.
    Und ich glaube in einer uralten GEO habe ich mal eine Geschichte von einem Anthropologen gelesen, der Naturmenschen mal eine Ausflug im Flugzeug gönnen wollte, die haben dann Steine mitgebracht - um sie über dem Nachbardorf abzuschmeißen. Doof sind die also nicht, der zivilisierte Mensch hat da etwas länger gebraucht um diese naheliegende Kulturtechnik systematisch anzuwenden.


    Gruß
    Verbalwalze

  • Richtig, aber eher wird doch umgekehrt ein Schuh draus. Im Normalfall wird in Sachen NATURvölker romantisiert das die Schwarte kracht.


    Ja, ich weiß. Aber weißt Du was: Lieber ein realistischer Bezug zur Natur bei einem Gefühl der Verbundenheit und einer Prise Demut vor allem, was wir (noch) nicht wissen, als der teilweise sehr romantisierte und reichlich realitätsferne Blick auf die Natur, den der eine oder andere - bevorzugt in der Stadt lebende - Zeitgenosse heutzutage so lebt. Da seh ich dann Hunde mit Schuhen und Mäntelchen, gelbe Entchen und gleichzeitig einen völlig gefühllosem Raubbau an ihr durch ungebremsten Ressourcebverbrauch und Massentierhaltung.


    Dann doch lieber echte Natur - Machetenhieb und Blutvergiftung inklusive. Der Schaden für uns als Ganzes ist kleiner.


    Aber jetztz wirds OT ....

  • Ja, ich weiß. Aber weißt Du was: Lieber ein realistischer Bezug zur Natur bei einem Gefühl der Verbundenheit und einer Prise Demut vor allem, was wir (noch) nicht wissen, als der teilweise sehr romantisierte und reichlich realitätsferne Blick auf die Natur, den der eine oder andere - bevorzugt in der Stadt lebende - Zeitgenosse heutzutage so lebt. Da seh ich dann Hunde mit Schuhen und Mäntelchen, gelbe Entchen und gleichzeitig einen völlig gefühllosem Raubbau an ihr durch ungebremsten Ressourcebverbrauch und Massentierhaltung.


    Dann doch lieber echte Natur - Machetenhieb und Blutvergiftung inklusive. Der Schaden für uns als Ganzes ist kleiner.


    Aber jetztz wirds OT ....


    [FONT=&quot]Sie sind es eher, die einen romantisierenden Blick auf eine sogenannte "Naturverbundenheit in Demut" vor sich her schiebt, während es sich in Bezug auf z. B. bemäntelte und geschmückte Hündchen um 'pervertierte' Praktiken mancher Traumtänzer handelt.

    [/FONT]

  • [FONT=&amp]Sie sind es eher, die einen romantisierenden Blick auf eine sogenannte "Naturverbundenheit in Demut" vor sich her schiebt, während es sich in Bezug auf z. B. bemäntelte und geschmückte Hündchen um 'pervertierte' Praktiken mancher Traumtänzer handelt.

    [/FONT]


    Wer "Naturverbundenheit in Demut" belächelt, hat keinen Bezug zur Natur, war noch nicht im Schneesturm (zu Pferd und verirrt) oder bei Sturm vor einer engen Hafeneinfahrt auf einer gottverlassenen italienischen Insel irgendwo bei Sizilien.


    Die Natur ist nicht romantisch.

  • Wer "Naturverbundenheit in Demut" belächelt, hat keinen Bezug zur Natur, war noch nicht im Schneesturm (zu Pferd und verirrt) oder bei Sturm vor einer engen Hafeneinfahrt auf einer gottverlassenen italienischen Insel irgendwo bei Sizilien.


    Die Natur ist nicht romantisch.

    Wem sagen Sie das? Daher ja mein Hinweis bzw. die Empfehlung, diese Natur und die dazu gefühlte Verbundenheit nicht zu romantisieren, sondern in all ihrer Schönheit und Härte zugleich wahrzunehmen.

  • So einfach ist das nicht. Wenn alle Menschen an Gott glauben und nach den Geboten, die sie ihm zusprechen, handeln, ist es so, als ob es ihn gäbe. Eine solche Als-Ob-Existenz muß man den diversen Göttern schon zusprechen, losgelöst von ihrer realen Nicht-Existenz.

    Wenn man ihnen, den Göttern, diese "Als-ob-Existenz" zuspricht, ist das contradictio in se, denn jedes "als-ob" beweist den Unglauben.


    Zitat

    Ein Gott nämlich kann keiner sein, wenn ihm nicht wenigstens ein rudimentäres Interesse an seinen Gläubigen, den Menschen, zugesprochen werden kann. Dieses zugesprochene Interesse macht den Menschen zum Auserwählten des Universums und Gottes und hebt ihn aus seiner möglicherweise völlig belanglsoen Existenz heraus.

    Allein das Zusprechen von Interesse beweist ebenfalls den eigentlichen Unglauben. Dass die sog. primitiven Völker an eine Wechselwirkung geglaubt haben, ist wahrscheinlich, aber vielleicht war es auch nur ein "man weiß es nicht, besser ich opfere das Kalb". Menschen sind aber generell leicht ins Bockhorn zu jagen, sie glauben gern und alles. Nichts dagegen zu sagen, wenn sie nicht andere dauernd zwingen würden, dasselbe zu glauben.


    Zitat

    Aber Religion ist noch ein zweites. Sie gibt nämlich Regeln vor für das Zusammenleben der Menschen. Das Deuteronomium und die Bergpredigt sind solche Regelwerke, von deren Erfüllung man sich die Befriedung der Menschen erhofft. Aber leider hat die Befolgung der Zehn Gebote, der Bergpredigt und daß Gott seinen eigenen Sohn für die Menschen opferte, nie genügt, die Welt besser zu machen. Wie auch der Koran nicht. Sie sind nie verwirklicht worden und blieben immer das hohe Ideal in den Wolken.

    Ein leicht zu opferndes Ideal, wie man an den Umgang des tiefreligiösen Erdogan denkt, der auch die religiösen Forderungen nach Einhaltung der Menschenrechte expressis verbis ablehnt, weil sie in der Moderne aus säkularer Feder stammen.


    Tendenziell aber finde ich zu weitgehend deckungsgleichen Schlüssen wie Anakoluth, denn es spricht mehr dagegen als dafür, dass es ein solches Ãœberwesen gibt.

    Erstaunlich aber immer wieder, dass sogar Menschen, die die Existenz einens Gottes für weniger wahrscheinlich halten als eine solche Existenz, immer wieder für einen irgendwie gearteten Glauben kämpfen, und sei es nur für eine diffuse Art von Spiritualität.


    Sehe ich definitiv anders. Nimmt man sog. "primitive" Völker, so leb(t)en entliche sehr entspannt und im Einklang bzw. in tiefer Verbundenheit mit der Natur, als deren Teil sie sich begriffen. Und genau diese Völker waren meist sehr friedlich und heiter und hatten kaum Angst, da sie sich aufgehoben fühlten.

    Entspannt und im Einklang mit der Natur (was auch immer das heißt, auch das sollte genauer definiert sein) heißt nicht zwangsläufig "friedlich". In den meisten Religionen wurde oder wird ein gewisser Blutzoll gefordert.


    Zitat

    Regelwerke und ähnliches sind "zivilsierte" Erfindungen und menschengemacht - immer. Und als solche natürlich irgendwann überholt.

    Auch religiöse Regelwerke.


    Richtig, aber eher wird doch umgekehrt ein Schuh draus. Im Normalfall wird in Sachen NATURvölker romantisiert das die Schwarte kracht. Da werden Traditionen wie der Todschlagen nach bösem Blick, angedichteter Hexerei ( einige Stämme, hier Papua Neuguinea hatten dadurch gemessen eine der höchsten Mordraten überhaupt ) groteskes Schamanentum in Bezug auf Krankheiten, oder auch nur die 1/2 Jährlich gepflegte Hackmesserattacke dezent wegfolklorisiert.

    Eben weil alle Regeln menschengemacht sind, ließ sich auch immer und überall eine religiöse Rechtfertigung für Mord und Totschlag finden.

  • Wenn man ihnen, den Göttern, diese "Als-ob-Existenz" zuspricht, ist das contradictio in se, denn jedes "als-ob" beweist den Unglauben.

    Abgesehen davon, daß es "contradictio per se" heißen muß, hast Du anscheinend die Pointe nicht verstanden. Denn genau so funktioniert Religion: man erhöht ein Idol, und als erhöhtes kann man an ihn glauben. Es geht mir keinenswegs darum, zu beweisen, daß es Gott nicht gibt - das ist banal, aber der beliebete Fehler jeglicher Religionskritik -, sondern darum, zu beschreiben, wie Religion funktioniert und welche Bedürfnisse sie erfüllt hat in der Menschheitsgeschichte und warum anscheinend diese Bedürfnisse immer noch nicht befriedigt sind. Die Jetztzeit zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, daß es Gott zwar nicht gibt, aber der Glaube an dieses nicht existente Wesen wieder zunimmt. Und das gilt es zu erklären.

    Zitat

    Allein das Zusprechen von Interesse beweist ebenfalls den eigentlichen Unglauben. Dass die sog. primitiven Völker an eine Wechselwirkung geglaubt haben, ist wahrscheinlich, aber vielleicht war es auch nur ein "man weiß es nicht, besser ich opfere das Kalb". Menschen sind aber generell leicht ins Bockhorn zu jagen, sie glauben gern und alles. Nichts dagegen zu sagen, wenn sie nicht andere dauernd zwingen würden, dasselbe zu glauben.


    Ein leicht zu opferndes Ideal, wie man an den Umgang des tiefreligiösen Erdogan denkt, der auch die religiösen Forderungen nach Einhaltung der Menschenrechte expressis verbis ablehnt, weil sie in der Moderne aus säkularer Feder stammen.

    Das besagt nichts, ist eher ein Beweis, daß meine Fragestellung richtig und wichtig ist. Warum darf er das, und warum folgen so viele Menschen ihm auf diesem Weg?


    Zitat

    Erstaunlich aber immer wieder, dass sogar Menschen, die die Existenz einens Gottes für weniger wahrscheinlich halten als eine solche Existenz, immer wieder für einen irgendwie gearteten Glauben kämpfen, und sei es nur für eine diffuse Art von Spiritualität.

    Auch hier: es genügt nicht, die Erscheinungen zu bejammern, man muß sie ergründen und verstehen.

    3 Mal editiert, zuletzt von Anakoluth ()

  • Erstaunlich aber immer wieder, dass sogar Menschen, die die Existenz einens Gottes für weniger wahrscheinlich halten als eine solche Existenz, immer wieder für einen irgendwie gearteten Glauben kämpfen, und sei es nur für eine diffuse Art von Spiritualität.


    Das mag so sein und wird an einem Vakuum an „Spiritualität“ solcher Leute liegen, die andere wie auch ich ebenso wenig nachvollziehen können, wie den Glauben an Religionen. Auch das liegt vermutlich wieder begründet in einer unstillbaren Hoffnung vieler Narzissten nach einem Fortleben im Jenseits, die nicht mit der eigenen Endlichkeit fertig werden.

  • Abgesehen davon, daß es "contradictio per se" heißen muß,

    Ich habe contradictio in se gelernt, mal eben der Geschwindigkeit halber Google um Rat gefrgt und genauso viele "in" wie "per" gefunden. Vielleicht waren sich die alten Römer selbst nicht einig...


    Zitat

    hast Du anscheinend die Pointe nicht verstanden. Denn genau so funktioniert Religion: man erhöht ein Idol, und als erhöhtes kann man an ihn glauben.

    :)


    Zitat

    Es geht mir keinenswegs darum, zu beweisen, daß es Gott nicht gibt - das ist banal, aber der beliebete Fehler jeglicher Religionskritik -, sondern darum, zu beschreiben, wie Religion funktioniert und welche Bedürfnisse sie erfüllt hat in der Menschheitsgeschichte

    Dann habe ich Deine Einlassungen missverstanden, denn genau diese Erklärungen sind auch meine. Dass Menschen glauben wollen, egal woran, und dass jeder Glaube anscheinend ein tiefsitzendes Bedürfnis erfüllt, ist meine Rede seit 100 Jahren. Dich habe ich allerdings als Apologeten des Glaubens empfunden, nicht als den, der seine von der Realität unabhängige Enstehung erklärt.


    Zitat

    Die Jetztzeit zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, daß es Gott zwar nicht gibt, aber der Glaube an dieses nicht existente Wesen wieder zunimmt. Und das gilt es zu erklären.

    Aha. Dann wollen wir doch mal versuchen, die Zunahme des Glaubens an ein nicht existentes Ãœberwesen zu erklären. Eine solche Erklärung habe ich Deinen Beiträgen nämlich nicht entnehmen können, außer, dass ein (gemeinsamer) Glaube das Gemeinwesen regeln kann und früher geregelt hat - mehr oder weniger - , aber das ist ja hier schon oft geschrieben worden.


    Vielleicht sind wir uns einig, dass das Tier Mensch ein immanentes Bedürfnis nach Führerschaft hat, nach einem Silberrücken, der die Sache regelt, innerhalb und außerhalb der Gruppe. Menschliche Führer können dieses Bedürfnis dauerhaft nicht erfüllen, ihre Untertanen erkennen Fehler und stutzen die Führer auf Normalmaß zurück. Deshalb bedienen sich menschliche Führer gern auch des angeblichen Willens einer noch höheren Macht, weshalb die Glaubensorganiationen so häufig den Schulterschluss mit den politischen Führern suchen. Die kaiserliche Einheit von Thron&Altar, Putin und der neue Einfluss der Orthodoxen, die kirchennahe polnische Regierung und viele andere sind dafür gute Beispiele. Sie versuchen, ihre Macht durch den Glauben an den Beistand des Ãœberwesens zu erhöhen.


    Aber haben wir das nicht alles schon hier und überall gelesen? Die Frage ist doch: Warum ist dem Menschen das Leben in seiner geregelten Gruppe nicht genug?


    Yves hat das Wort "Narzissmus" benutzt. Das scheint mir ein guter Hinweis zu sein. Der Mensch, dem sein Ich bewusst wird, kann sich einem als "Du" erkannten Gleichwertigen nicht unterwerfen und braucht ein Ãœberwesen zum das "Ich" hervorhebenden Dialog.

  • Ich habe contradictio in se gelernt, mal eben der Geschwindigkeit halber Google um Rat gefrgt und genauso viele "in" wie "per" gefunden. Vielleicht waren sich die alten Römer selbst nicht einig...

    Na gut, die Römer sind schuld. Ich habe auch geguckelt und als erstes "per" gefunden. Schreckliches Durcheinander, diese Römer! Kennen ihre eigene Sprache nicht! Wie die Italiener Daß die sich auch nie entscheiden können! Wie soll man denen noch glauben?


    :)


    Zitat

    Dann habe ich Deine Einlassungen missverstanden, denn genau diese Erklärungen sind auch meine. Dass Menschen glauben wollen, egal woran, und dass jeder Glaube anscheinend ein tiefsitzendes Bedürfnis erfüllt, ist meine Rede seit 100 Jahren. Dich habe ich allerdings als Apologeten des Glaubens empfunden, nicht als den, der seine von der Realität unabhängige Enstehung erklärt.

    Hast Du. Es interessiert immer mehr, wie etwas funktioniert, als das, was da funktioniert. Das liegt vielleicht an meiner wissenschaftlichen Profession. Vor undenklichen Zeiten war ich mal Soziologe, und da lernt man - der große René König war einer meiner ersten Professoren -, daß man sich vor unilinearen und zu eindimensionalen Erklärungen hüten soll. Die Realität ist immer weitaus komplexer.


    Zu meiner Position: ich bin seit vielen Jahren Atheist, aber ich verstehe, warum Menschen an einen Gott glauben wollen. Manchmal sogar bedauere ich, daß mir dieser einfache Weg versperrt ist. Aber das liegt ein bißchen auf dem zynischen Spruch meiner Generation: lieber dumm und glücklich als intelligent und unglücklich. In dieser Alternative habe ich die zweite gewählt, aber heute bin ich deswegen nicht mehr unglücklich. Mich interessiert einfach, warum Menschen etwas völlig anderes vertreten können, als das, was ich vertrete. Der Menschen Möglichkeit, zu denken, führt sie manchmal, aber zu selten, zur Genialität, genauso oft aber ins Abseits.

    2 Mal editiert, zuletzt von Anakoluth ()

  • Wem sagen Sie das? Daher ja mein Hinweis bzw. die Empfehlung, diese Natur und die dazu gefühlte Verbundenheit nicht zu romantisieren, sondern in all ihrer Schönheit und Härte zugleich wahrzunehmen.


    Woraus schließen Sie, dass ich "romantisiere"?


    Zitat

    Entspannt und im Einklang mit der Natur (was auch immer das heißt, auch das sollte genauer definiert sein) heißt nicht zwangsläufig "friedlich". In den meisten Religionen wurde oder wird ein gewisser Blutzoll gefordert.


    Enstpannt und im Einklang heißt für mich, dass man Risiken und Schonheit kennt und respektiert, nicht mehr entnimmt, als was die Natur "vertragen" kann, nicht meint, sie kontrollieren oder beherrschen zu können und sich nicht um Ressourcen prügeln muss, weil genug für alle da sind.


    Solche Gesellschaften sind häufig friedlich, egalitär oder matriarchalisch organisiert und heiter. Es scheint also durchaus einen Zusammenhang zu geben zwischen ausreichend Ressourcen, Genügsamkeit, Zufriedenheit und Heiterkeit.


    Vielleicht ist es auch das, was "Mensch" braucht: Das Gefühl, in etwas sinnvolles Ganzes eingebunden zu sein, Teil von so etwas zu sein. Schaut man in die Medizin, so ist die Heilkraft der Natur ja mittlerweile zweifelsfrei erwiesen. Schon der Blick auf einem Baum vorm Krankenzimmer führt zu weniger Schmerzen und schnellerer Heilung, Waldspaziergänge helfen bei Angst und Depression, Kinder entwicklen sich in der Natur besser u.v.m.. Dasselbe gilt für die Wirkung von Haustieren.

  • Zitat von Anakoluth

    Zu meiner Position: ich bin seit vielen Jahren Atheist, aber ich verstehe, warum Menschen an einen Gott glauben wollen. Manchmal sogar bedauere ich, daß mir dieser einfache Weg versperrt ist. Aber das liegt ein bißchen auf dem zynischen Spruch meiner Generation: lieber dumm und glücklich als intelligent und unglücklich. In dieser Alternative habe ich die zweite gewählt, aber heute bin ich deswegen nicht mehr unglücklich. Mich interessiert einfach, warum Menschen etwas völlig anderes vertreten können, als das, was ich vertrete. Der Menschen Möglichkeit, zu denken, führt sie manchmal, aber zu selten, zur Genialität, genauso oft aber ins Abseits.

    Wenn Du das Warum verstehst: Vielleicht kannst Du es über das hinaus, was als Dauererklärung generell angeboten wird, nämlich der gemeinschaftsregelnde Aspekt, auszuführen versuchen? Das fehlt mir nämlich hier ein bisschen.


    Ich bin auch Atheist, immer schon, und kann mich nicht erinnern, als Kind oder überhaupt jemals an einen Gott geglaubt zu haben, möglicherweise, weil ich im Grunde alles immer auf Plausibilität prüfe. Eine Zeitlang habe ich mich als Agnostiker betrachtet, unter dem Motto "Wie unglaubwürdig auch immer, es könnte eventuell doch sein", aber selbst das ist mir abhanden gekommen, ich halte jeden üblichen Glaubensinhalt für unglaubwürdig und könnte mir höchstens eine übergeordnete, in Gang setzende physikalische Kraft vorstellen, die aber nur da ist, kein handelndes Bewusstsein hat und nichts ist, was jemand ehren oder anbeten müsste.


    Ansprechbar bin ich nicht auf den Glauben, aber gelegentlich auf dessen Inszenierungen, was oft verwechselt wird. Ich habe mal in einem Forum erzählt, wie toll dieses katholische Fest, Mariä Schnee, zu Ehren des Baus von Santa Maria Maggiore in Rom gefeiert wird, bei dem in Erinnerung an angeblich dunnemals im August gefallenen Schnee, der nach einem Gelübde zu eben diesem Kirchenbau geführt hat, etwa eine halbe Stunde lang weiße Blüten aus verborgenen Dachöffnungen auf den Altarbereich fallen. Anblick und Duft der Blüten sind unbeschreiblich und nur zu vergleichen mit dem Duft, der sich von den nach Diana Windsors jähem Tod niedergelegten Blumen in ganz London verbreitete. Das Kirchenfest Anfang August ist ein Riesenauftrieb mit den höchsten Würdenträgern und Busladungen von Nonnen aus aller Welt. Das hat mir sehr gefallen, wohlbemerkt: die Inszenierung.


    Als ich das erzählt habe, hat ein User geantwortet, meine begeisterte Erzählung beweise, dass ich sehr wohl einen Glauben hätte... So etwas lässt mich immer staunen. Auch darüber, dass Menschen mit dieser Logik und Denkart imstande sind, sich selbst zu ernähren.

  • Nein. Es gibt in meinen Augen keinen übergeordneten "Sinn", es gibt nur das, was eine Gemeinschaft intelligenter Wesen als solchen für sich bestimmt.


    Sinnstifter - so nannte man ja auch die Verkünder der großen Religionen.


    Wohl eher Un-Sinnstifter, wie heute allgemein bekannt, was inzwischen auch die Theologen eingestehen.

  • Wohl eher Un-Sinnstifter, wie heute allgemein bekannt, was inzwischen auch die Theologen eingestehen.

    "Die" Theologen? Diese Formulierung impliziert, es seien alle. Da wüsste ich gerne genauer, wie Du darauf kommst.