Welchen persönlichen und gesellschaftlichen Wert hat Kultur?

  • Gemäß der Anregung Wiebens im Elbphilharmonie-Thread:

    Ich bin kurz davor, diese Frage ins Forum zu stellen: "Welchen persönlichen und gesellschaftlichen Wert hat Kultur?" […]

    […] erscheint es mir sinnvoll, einen solchen Thread an dieser Stelle unterzubringen.


    Eine Gesellschaft ohne kulturelles Fundament ist im Prinzip nicht denkbar; ursprünglich mag Kultur hauptsächlich dem Wunsch bzw. der Vorstellung geschuldet gewesen sein, der Vanitas, der Vergänglichkeit allen Lebens und Strebens, die Materialisierung der Erinnerung entgegenzusetzen - es geht also ums Bewahren.
    Zu den identitätsstiftenden und ältesten Zeugnissen kulturellen Schaffens zählen hauptsächlich die mündliche Ãœberlieferung (oftmals mythologischer Stoffe, die in bildhaft=einprägsamer Weise eine Vorstellung vom Beginn und dem Wesen der Welt und ihres dem Menschen möglicherweise nicht restlos zu ergründenden Wesens), aber auch das Angedenken an vormalige und verstorbene Sippenälteste/Respektspersonen/Persönlichkeiten und Autoritäten, das im Laufe der Zeit ins buchstäblich Sagenhafte vernebelte, zählt dazu. - Bald darauf entstandene Schriftzeichen fixieren, was sonst jene kulturelle Ursuppe im Laufe der Zeit (über Generationen gerechnet) zu verwässern oder auf andere Weise zu verderben drohte.


    In der Höhlenmalerei sehen wir u.a. Erinnerungen an Jagderfolge, Eroberungen und die Vorstellung der Figürlichkeit/Personifizierung all dessen, was in seiner Abstraktheit gedanklich nicht zu fassen war - Ideale, charakterliche Eigenschaften etc. - es entstand eine ganze Sippschaft unterschiedlichster Götter, Götzen, Helden, Fabelwesen, Geister u.v.a., die kaum vollständig zu entschlüsseln sind, weswegen sich die Wissenschaften, die dies zu ergründen versuchen, längst in Einzeldisziplinen je nach Kulturkreis aufgeteilt haben. Der Wunsch, sich des Schutzes eines übernatürlichen Wesens zu versichern war so groß, dass bald auch Alltagsgegenstände (Werkzeuge, Waffen, Gefäße) figürlich verziert worden sind - das Bekenntnis zum persönlichen Schutzgeist nahm also die Form eines Amuletts an.


    Dass Kultur ausgerechnet in heutiger Zeit, die sich doch im Schlepptau der Philosophie der Aufklärungszeit wähnt, zumeist als lästig empfunden wird, kann man nur als Ironie der Geschichte deuten.

    Einmal editiert, zuletzt von I'm a Substitute () aus folgendem Grund: Tippfehler bereinigt

  • (..)Dass Kultur ausgerechnet in heutiger Zeit, die sich doch im Schlepptau der Philosophie der Aufklärungszeit wähnt, zumeist als lästig empfunden wird, kann man nur als Ironie der Geschichte deuten.


    Na ja, sie kostet Zeit und Geld. Kulturelle Erziehung setzt nicht nur Interesse und Hingabe, sondern auch eine gewisse Disziplinierung neben dem oftmals nötigem Kleingeld voraus, weil Fächer wie Kunst oder Musik an allgemeinbildenden Schulen in der Regel als Mangelfächer gelten oder nur mit wenigen Wochenstunden unterrichtet werden. Da gilt es, Prioritäten zu setzen und ggf. auf anderes zu verzichten, wenn man es ernst meint damit, was von Menschen mit einem anderen, möglicherweise enger gefassten Kulturbegriff gern als elitäres und daher unerwünschtes Distinktionsmerkmal gedeutet wird.

  • Es war Johan Huizinga, der das Postulat aufstellte, der Ursprung der Kultur läge im Spiel - denn dort, wo der Mensch, ahnend, dass er abweichend von zwingender Notwendig handeln kann, ausprobiert, was er könnte, entsteht Neues - der Mensch, so hat sich's schließlich im Laufe der zehntausenden von Jahren, in der die Menschheit zu dem wurde, was sie heute ist, hat schließlich immer dort die Mühe seines Daseins gemindert und seine Sicherheit sowie die seiner Artgenossen vergrößert, wo er sein Habitat kultivierte, d.h. die feindliche Natur auf Distanz zu halten vermochte. Also Raubtiere und Naturgewalten etwa. Unter dem Begriff Kultur ist letztlich alles subsumiert, was von Menschenhand geschaffen wurde - und dazu zählt in besonderer Weise die Fähigkeit, sich diese Naturgewalten dienstbar zu machen.


    Seit dem 19. Jahrhundert etwa neigt das Bürgertum dazu, die Natur zu verklären - die gezähmte Natur der ornamented farm mag seiner Vorstellung der idealen Natur entsprechen (wie 60-100 Jahre zuvor die in der Malerei favorisierte italienische Landschaft) - Natur, das ist seit dem Biedermeier das vor den Toren der Stadt gelegene Tagesausflugsziel. Natur bzw. Landschaft ist auch das, was vom Abteilfenster der Zugfahrt aus ins Blickfeld gerät, um gleich darauf wieder zu entschwinden. Der Mensch von heute will das Naturerlebnis jedoch intensivieren, indem er ein Survivaltraining absolviert, mit der Enduro die Wüste durchquert oder im Alleingang eine Weltumsegelung wagt. Nur im Extrem glaubt der Mensch, zur Natur zurückzufinden… man könnte sagen, dass sein Verhältnis zu der ihm eigenen Natur recht ambivalent ist.


    Kultur, das ist, in den Augen gewöhnlicher Menschen, ja leider auch eine gehörige Anpassungsarbeit - nämlich das Bekenntnis zur ideellen Ãœbereinstimmung mit den anderen Bewohnern seines Kulturkreises, seines Erfahrungsraums; was ihm kulturell bedeutsam oder wertvoll erscheint, ist (ein Wertekanon, der zugleich einem konservativen Bildungskanon entspricht) gleichbedeutend mit dem, was die gesellschaftliche Elite der jeweiligen Lebenszeit goutiert… - und so gilt in der Malerei hauptsächlich als Alter Meister, wer sich der Gunst reicher und mächtiger Gönner erfreuen durfte; auch im Bereich der Musik sind die Komponisten und ihre Werke eher dem Vergessen anheim gefallen, deren Name in Urkunden der Archivbestände größerer Residenzstädte nicht erwähnt wird und deren Notenhandschriften bloß im Nachlass des Organisten einer dörflichen Kirchengemeinde aufzustöbern wären…

  • […] Fächer wie Kunst oder Musik [gelten] an allgemeinbildenden Schulen in der Regel als Mangelfächer […|

    Es stimmt, dass diese Fächer als nebensächlich gelten - die brotlosen Künste waren im Bürgertum nie sonderlich hoch angesehen. Andererseits es nur natürlich, dass das individuelle Interesse daran sich oftmals erst nach Beendigung der Schulzeit zu entwickeln vermag. Andererseits ist die Zahl derer, die im Kindesalter bereits ein Instrument zu spielen lernen und deswegen außerschulisch mit dem "Grundrepertoire" von Werken der Ernsten Musik vertraut gemacht werden, ja nicht gerade gering. Dass Kultur […]

    […] von Menschen mit einem anderen, möglicherweise enger gefassten Kulturbegriff gern als elitäres und daher unerwünschtes Distinktionsmerkmal gedeutet wird, […]

    […] ist schlimm genug - man könnte argwöhnen, dass dies wiederum Folge der Massenkultur ist, die über Massenmedien eben den Bevölkerungskreisen, für die Musik ist, was aus dem Radio erklingt, aufgedrängt wird. Andererseits ist folglich die soziokulturelle Bedeutung der verschiedenartigen Formen und Stile der Unterhaltungskultur wiederum nicht zu unterschätzen.

  • Na ja, sie kostet Zeit und Geld. Kulturelle Erziehung setzt nicht nur Interesse und Hingabe, sondern auch eine gewisse Disziplinierung neben dem oftmals nötigem Kleingeld voraus, weil Fächer wie Kunst oder Musik an allgemeinbildenden Schulen in der Regel als Mangelfächer gelten oder nur mit wenigen Wochenstunden unterrichtet werden. Da gilt es, Prioritäten zu setzen und ggf. auf anderes zu verzichten, wenn man es ernst meint damit, was von Menschen mit einem anderen, möglicherweise enger gefassten Kulturbegriff gern als elitäres und daher unerwünschtes Distinktionsmerkmal gedeutet wird.


    Naja... kann das jetzt nur von meinen Kids reflektieren - aber Kunst und Musik sind mittlerweile Fächer, bei denen die dementsprechenden Lehrer so viel verlangen, dass den Schülern schon die Lust vergeht - zumal es sich um reine Begabungsfächer handelt.
    Kann ich nicht zeichnen, stehe ich dumm da - bin ich total unmusikalisch, hab ich ein Problem. Dagegen kann man auch nicht mehr anlernen. Außerdem wird immer mehr auf den "Notendurchschnitt" geachtet(z.B. bei der Begabtenförderung), da zählt die Musiknote genau so viel wie die Note im Fach "Deutsch".
    Zu meiner Zeit hat das dann allerdings durchaus noch für ein "Befriedigend" ausgereicht, jetzt gibt es auch ein "Mangelhaft".

  • Den Kunst- und Musikunterricht in der Schule habe ich meinerzeit eher als Bestrafung und Qual empfunden, und weniger als inspirierende Erfahrung, um die eigenen Fertigkeiten zu entdecken und weiter zu entwickeln.
    Mir wurde der Zugang zur Kunst in der Schule folgerichtig geradezu verstellt und verleidet. Ich musste mir später, gegen den entstandenen inneren Widerstand, den Zugang durch den Verschütteten Interessenkanal erst wieder freischaufeln.
    Der Umweg war die damals aktuelle Musik, die Posterkunst und deren Wurzen (Andy Warhol und Co.), der Dadaismus und Kubismus von Dali und Picasso, sowie der Wunsch, selbst kreativ sein zu wollen und können.

    Hätte ich einen Kunstunterricht genießen dürfen, der sich auf meine Neigungen und Fähigkeiten konzentriert, und mich nicht gegen meine Neigungen und Fähigkeiten in das Korsett von statischen Lernschablonen pressen wollte, ich wäre sicherlich viel früher und mit mehr Freude an der Kunst zum Rand meiner individuellen Begabungsgrenzen gelangt.

    Ich weiß heute, im reifen Alter, noch immer nicht, wozu ich fähig bin und überrasche mich im Gegenzug mitunter selbst. Wenn ich das als Pluspunkt hernehme, ist wenigstens dieser gelegentliche Ãœberraschungsmoment von der künstlerischen Nichtförderung während meiner Schulzeit geblieben.

    6 Mal editiert, zuletzt von A3243 () aus folgendem Grund: Leerstellenbug

  • So ganz nebenbei: was ist eigentlich "Kultur"??


    Kultur (von lateinisch cultura ‚Bearbeitung‘, ‚Pflege‘, ‚Ackerbau‘) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt.


    Also egal, ob "Die Moldau" oder "Berlin, Tag und Nacht".

  • Kultur (von lateinisch cultura ‚Bearbeitung‘, ‚Pflege‘, ‚Ackerbau‘) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt.


    Also egal, ob "Die Moldau" oder "Berlin, Tag und Nacht".


    Das wird subjektiv je nach geschmacklichen Vorlieben durchaus anders gesehen. Für einige ist z.B. Subkultur weder bewahrungs- noch förderungswürdig, während man für klassische Kultur oder elitäre Pseudokunst wie Fettstühle durchaus mal ein paar Milliönchen verbrennen kann.

  • ...
    Zu den identitätsstiftenden und ältesten Zeugnissen kulturellen Schaffens zählen hauptsächlich die mündliche Ãœberlieferung (oftmals mythologischer Stoffe, die in bildhaft=einprägsamer Weise eine Vorstellung vom Beginn und dem Wesen der Welt und ihres dem Menschen möglicherweise nicht restlos zu ergründenden Wesens), aber auch das Angedenken an vormalige und verstorbene Sippenälteste/Respektspersonen/Persönlichkeiten und Autoritäten, das im Laufe der Zeit ins buchstäblich Sagenhafte vernebelte, zählt dazu. - ...


    Du hast zu dem Thema einen guten Text geschrieben, den ich gar nicht ergänzen möchte, weil es mir irgendwie überflüssig vorkäme. Nur das mit der Identitätsstiftung will ich hervorheben, weil das im Sinne der Fragestellung aus der Ãœberschrift aus meiner Sicht die größte Rolle spielt. Sowohl persönlich als auch gesellschaftlich geht es im wesentlichen um Identitätsstiftung bei Kultur, weniger in der Kunst aber auch darüber. Den Hinweis auf Höhlenmalereien kann ich ohne Skrupel mit protzigen Statuen in Schlössern und anderen Prunkbauten in eine Reihe bringen und auch da spielt die Identität eine Rolle.

  • Zu meiner Zeit hat das dann allerdings durchaus noch für ein "Befriedigend" ausgereicht, jetzt gibt es auch ein "Mangelhaft".


    Wir hatten einen grässlichen Klassenlehrer, der so seine Lieblinge hatte und andere tyrannisierte. Bei ihm bekam ich einmal einen Blauen Brief (Mathe 5; Musik 5). Bei ihm (einem Geigenspieler) musste man vorsingen (!) - furchtbar!


    Kurz darauf zogen wir um, ich kam auf eine bessere Schule, und dann wurden auch meine Zensuren besser: Mathe 2; Musik 2 (hier wurde Wert auf Musiknoten gelegt).

  • Wir hatten einen grässlichen Klassenlehrer, der so seine Lieblinge hatte und andere tyrannisierte. Bei ihm bekam ich einmal einen Blauen Brief (Mathe 5; Musik 5). Bei ihm (einem Geigenspieler) musste man vorsingen (!) - furchtbar!


    Kurz darauf zogen wir um, ich kam auf eine bessere Schule, und dann wurden auch meine Zensuren besser: Mathe 2; Musik 2 (hier wurde Wert auf Musiknoten gelegt).


    zu meiner Zeit waren Kunst und Musik Chilli-Willi-Fächer ohne schriftliche Lernkontrolle- wenn ich jetzt teilweise die Klassenarbeiten in der Unterstufe sehe, habe ich eher den Eindruck, Abiprüfungen vor mir zu haben.

  • Dass Du so zielstrebig Formulierungen wie […]

    […] elitäre Pseudokunst wie Fettstühle […]

    […] wählst, zeigt, dass auch Du nicht davon frei bist, Kunst subjektiv je nach geschmacklichen Vorlieben durchaus anders zu betrachten… Kunst ist jedenfalls keineswegs nur das, was "gefällt" - diese Aufgabe hat für große Bevölkerungsteile längst (und dies erfolgreich!) der Kitsch übernommen. Im Altertum übernahm, was den Anspruch, Kunst zu sein, verkörperte, stets zugleich die Aufgabe, Lebensweisheit zu vermitteln; Äsops Fabeln veranschaulichen Lebensklugheit, griechische Statuen und die Bildmotive auf all jenen Schalen und Vasen, deren Scherben in den letzten Jahrhunderten ausgegraben wurden, verkörpern jene Mythologie, die damals wohl im Allgemeinwissen verankert war, und das den Lebenden erneut zu eröffnen Auslöser der abendländischen Antikensehnsucht war, welche in der Renaissance einsetzte und sich im Laufe etwa dreier Jahrhunderte bis nach Nordeuropa ausbreitete. Die Baukunst löste in ihrer Rückbesinnung auf antike Vorbilder, die an ihren Originalstätten längst zu verfallen begannen bzw. als Steinbruch genutzt wurden, weil man das Material einem neuerlichen Verwendungszweck meinte, sinnvoller zuzuführen, jenen Boom aus, der bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem Neubauten ihre Form und Proportionen gab und so gewissermaßen den Schock der Moderne (Umwälzung der bisherigen Ordnung, Geschwindigkeitssteigerung, die zunehmende Fülle an zuvor stillen und unbelebten Orten) milderte… die Retrostilistik des Klassizismus schuf die Illusion einer am Ort gewachsenen Tradition. Kein Wunder also, dass gerade jene Zeugnisse des Lebens einer Vorgängergeneration in der nächsten Phase ungezügelten Fortschrittsglaubens - im Düsenzeitalter ab den späten 40er Jahren - weitestgehend ausgetilgt wurde und heute ihrerseits zum Abriss freigegeben ist, um Platz für wiederum Neues zu schaffen, nur mit dem Unterschied, dass kein Architekt sich heute mehr der Illusion hingeben wird, seine preisgekrönten Bauten würden auch nur dreißig Jahre überdauern.


    Kunst übrigens ist immer auch eine Kommentierung seines Schöpfers - zur Kunstrezeption im Allgemeinen, seiner persönlichen Stellung zu künstlerischen Vorbildern, der möglichen Richtung, die das Kunstschaffen zunächst einmal einnehmen muss, um überhaupt im jeweiligen Metier arbeiten zu können. Wenn Joseph Beuys' bevorzugte Materialien zeitweilig also Fett und Filz waren, denn mindert das den künstlerischen Wert seiner Arbeiten nicht. Und dass es Sammler gibt, denen manches Werk Unsummen wert ist, braucht niemanden zu interessieren - wenn der Künstler selbst am Erlös seiner Werke partizipiert, sei es ihm doch gegönnt - auch wenn das Idealbild der Künstlers in den Augen des Kleinbürgers in Carl Spitzwegs armen Poeten in seiner Dachkammer verkörpert scheint… ein Kunstwerk nach seinem Materialwert bezahlen zu wollen, verkennt, was der Künstler an Zeit zu investieren gezwungen ist. Und das ist eben nicht bloß die Zeit an der Staffelei, die etwa Hobbymaler bei ihren Nacheiferungen der Farbigkeit van Goghs benötigen, um eine Meeresküste in sattem Lila als Urlaubsbildchen zu pinseln.

    Einmal editiert, zuletzt von I'm a Substitute () aus folgendem Grund: kleinen Schreibfehler berichtigt

  • Das wird subjektiv je nach geschmacklichen Vorlieben durchaus anders gesehen. Für einige ist z.B. Subkultur weder bewahrungs- noch förderungswürdig, während man für klassische Kultur oder elitäre Pseudokunst wie Fettstühle durchaus mal ein paar Milliönchen verbrennen kann.



    da liegt der hase im pfeffer ...
    einiges aus dem musikunterricht ist bei mir durchaus hängengeblieben, z.b. "die moldau" von smetana, oder bachs präludium in C-dur ... da bekomme ich heute noch sofort gänsehaut ... sehr geile musik.
    aber ... ich höre heute auch nicht mehr pink floyd, und nur noch ganz selten beatles oder elvis presley, was mich in jungen jahren durchaus begeistert hat ... weil musik sich eben ständig weiterentwickelt, und der synapsenkitzel nach dem 500. genuß von darkside of the moon eben nachlässt.
    weil gerade subkultur immer im aktuellen kontext der zeit stattfindet.


    ich sehe da ein großes problem, weil der lehrbetrieb große schwierigkeiten hat aktuelle subkultur wie hip-hop oder techno zu reflektieren und zu vermitteln, die fokussierung auf klassische musik wirklich elitären charakter hat.
    im deutschunterricht war man da schon weiter, da wurden dann wenigstens auch hermann hesse, kinder vom bahnhof zoo oder albert camus geboten ...


    und nicht zuletzt wären auch computerspiele als lehrinhalt wünschenswert ... kritische reflektion von ballerspielen z.b. ... oder auch TV-inhalte zu hinterfragen.
    die sind nämlich längst ebenfalls kultur.


    gruß baku

  • da liegt der hase im pfeffer ... […]

    Gab's da nicht ein Kinderlied? "Der Hase liegt im Pfeffer, ganz still und stumm…"

    […] ich sehe da ein großes problem, weil der lehrbetrieb große schwierigkeiten hat aktuelle subkultur wie hip-hop oder techno zu reflektieren und zu vermitteln […]

    An allgemeinbildenden Schulen soll der Musikunterricht die Grundlage einer für den Erwerb musikalischer Allgemeinbildung schaffen - und das dürfte bei grob geschäfzt 80% der Schülerinnen und Schüler vergebliche Müh' sein. Während in den ersten Grundschuljahren, der Schwerpunkt des Musikunterrichts noch darin besteht, die Kinder zum Singen zu animieren, soll der Unterricht ab der Mittelstufe wohl Grundkenntnisse der Musikgeschichte vermitteln. Hierzu zählen sicher auch die Basics der Harmonielehre - wenigstens eine Tonleiter sollte man lesen können, später vielleicht sogar beim Hören einer musikalischen Darbietung imstande sein, auf der Partitur zu verfolgen, in welchem Takt man gerade angekommen ist… HipHop besitzt dagegen ganz eigene Wurzeln und wird ja auch nicht vom Blatt gespielt, und so sehr die Schüler womöglich selbst gern als Stars in Videoclips zu sehen wären (deswegen kopieren sie ja den Outfit ihrer Idole und ahmen auch die typischen Gesten nach), wäre es für die Schulen wohl kaum zu bewerkstelligen, die Schulräume mit zwei Turntables und einem Battlemixer für jeden Schüler auszustatten, nur damit sie mal ausprobieren können, wie's ist, als DJ zu werkeln.

    […] im deutschunterricht war man da schon weiter, da wurden dann wenigstens auch hermann hesse, kinder vom bahnhof zoo oder albert camus geboten […]

    Diese Öffnung für die Moderne sollte ja auch das Interesse und die Lernbereitschaft wachhalten - und in der Tat habe ich auch erst bei Zweitlektüre der im Schulunterricht durchgenommenen Bücher (etwa ein Jahrzehnt nach Verlassen der Schule) wirklich Gefallen an jenen Werken gefunden.

    […] nicht zuletzt wären auch computerspiele als lehrinhalt wünschenswert […] die sind nämlich längst ebenfalls kultur […]

    Computerspiele sind Teil der Popkultur, richtig, und deswegen kommt's an einzelnen Schulen auch vor, dass dieses Thema durchgenommen wird. Computerspiele verweisen oftmals übrigens auf andere Medien (literarische oder Filmvorlagen) - aber allein eine Analyse des Storytelling einer Multiplayer-Rollenspiels würde wiederum eine entsprechende Koordination der Unterrichtsinhalte mehrerer Fächer erfordern, und das können die meisten Schulen nicht leisten - ganz zu schweigen davon, dass bei schätzungsweise 26 Schülern in einer Klasse der Wunsch nach 19 verschiedenen Spielen, die auf fünf unterschiedlichen Systemen laufen (PC, X-Box, Playstation, Gameboy und Nintendo Wii), laut würde…

  • Die persönliche Wertschätzung von Kultur, zeigt sich in erschreckender Deutlichkeit in manchen Beiträgen auch der Nachbarthreads: Wenn es scheinbar als Skandal empfunden wird, ein Sinfonieorchester, das praktisch vier Bundesländern zugutekommt, wie folgt als […]

    […] ein ohnehin schon aus Zwangsgebühren finanziertes Rundfunkorchester […]

    […] zu titulieren, dann steht Kultur offensichtlich in keinem sonderlich hohen Ansehen; der Rundfunk mag in den Jahren seiner Entstehung ja in Wechselwirkung mit der seinerzeit aufkommenden Schallplattenindustrie aufgebaut worden und gewachsen sein, aber die Veranstaltung Live-Auftritten war immer schon ein wirksames Mittel zur Hörer-/Kundenbindung. Und eine Groß- und Millionenstadt wie Hamburg müsste ohne den NDR wohl ein vergleichbares Orchester aus der Stadtkasse finanzieren - oder auf ehrenamtlich ihr Repertoire einstudierende Musiker hoffen. Ãœbrigens: Wie Kultur, die hauptsächlich dem Markt überlassen ist, aussieht, kann man im Buchhandel recht deutlich erfahren. Zwar gibt es weiterhin Förderprämien, Stipendien und Literaturpreise, über deren Vergabe Stiftungen, Vereine, Jurys entscheiden, aber da die Preisträger de facto immer dieselben sind, ist der Kahlschlag unübersehbar. Selbst in der Grabbelkiste des Buchhändlers, wo Mängelexemplare, Ladenhüter und preisreduzierte Restauflagen verramscht werden, sind kaum noch Entdeckungen möglich.

  • Die persönliche Wertschätzung von Kultur ...


    ist eine zutiefst subjektive Veranstaltung, ähnlich wie Religion.


    Zitat

    Gegen den Kulturstrom kann man nicht schwimmen, doch man kann sich an Land retten.


    August Strindberg

  • Sind hier ja teilweise wahre Gruselgeschichten, wenn es um Musik- und Kunstunterricht geht:D.Das es früher reine Spaßfächer waren kann ich nicht bestätigen.Meine Mitschüler die Kunst in der Oberstufe gewählt haben waren ganz schön am Schwitzen, denn neben der Malerei war eine fundierte Analyse in Wort und Schrift der verschiedenen Kunstrichtungen Voraussetzung für eine gute Note.


    Meine Musiklehrerin war sehr ambitioniert (auch hübsch und jung:p) was die Analyse und Interpretation klassischer Musik anging und sie gab uns auch immer den Raum unsere eigenen Gefühle darzulegen wie bestimmte Kompositionen auf uns wirkten.Neben dem Umgang mit Noten brachte sie uns auch das Lesen und verstehen von Kompositionen bei.Ich bin immer gerne in die Doppelstunde Musik gegangen und höre mir heute auch noch gerne ganze Konzerte (Klassik) auf Youtube und ARTE an.



    Kultur und Kunst ist jenes, was am Ende übrig bleibt, wenn Zivilisationen und ihre Protagonisten schon längst zu Staub zerfallen sind:wink5:.