Literatur-Zeit

  • Es wurde gefordert, dass ein Strang eröffnet wird, der die Leselust auf Literatur....
    Na gut, es ist so, dass vor sehr vielen Jahren, 1989, eine Wende stattfand, die zur Folge hatte....
    Naja, Literatur gab es plötzlich nicht mehr. Die Verblödung nahm seinen Lauf.
    Das ist jetzt knapp dreißig Jahre her, und ist noch längst nicht vorbei.


    Und doch, es gibt vage Versuche von Dichtern:


    "BELLA triste" - Zeitschrift für junge Literatur http://www.bellatriste.de/?page_id=13


    Johanna Hühn
    Zitat:
    Erinnerung ist wie Dreck unter den Nägeln
    wenn es soweit ist, kann man immer noch unverrichteter Dinge
    aus dem Fenster springen

  • […] Erinnerung ist wie Dreck unter den Nägeln […]

    Ich nehme doch mal stark an, dass trotz Namensgleichheit diese manikürende Lyrikern nicht identisch ist mit der gleichnamigen Technical Support Managerin bei AMPri… da aber Literatur als Nebensache gilt, als Freizeitvertreib, und zugleich "Marktgesetzen" unterworfen ist, um als Verbrauchsware wenigstens die mit ihrem Handel und Vertrieb beschäftigten Personenkreise zu beglücken, kann die in der Textprobe ausgedrückte Geringschätzung des Erinnerns nicht verwundern.
    Man könnte, wäre man von Ambrose-Bierce'schem Wesen, glatt als Bonmot formulieren, dass Literatur sei, was heutzutage aus den Bibliotheksbeständen aussortiert würde und deswegen zu Centbeträgen über Onlineantiquariate verramscht wird…

  • […] Literatur gab es plötzlich nicht mehr. Die Verblödung nahm seinen Lauf. […]

    Es ist nicht so, dass es keine Literatur mehr gäbe, das Problem ist eher, dass literarische Werke den Anforderungen des Buchmarktes nicht entsprechen und deswegen seltener aufgelegt werden… In nur fünf Jahren reduzierte sich der Umsatz gedruckter Bücher um dreizehn Prozent auf etwa acht Milliarden Euro im Jahr 2016, liest man beispielsweise in Tanja Tricaricos erschreckendem Blick auf die aktuelle Situation des Buchhandels - aber das kann nicht verwundern, wenn, wie's dort eingangs heißt, Bücher wie Peter Wohllebens "Das geheime Leben der Bäume" wiederum mit 150.000 verkauften Exemplaren zu den Bestsellern unserer Tage zählt. Die Zahl der Käufer geht zurück, das Leseverhalten hat sich gravierend verändert - Laktüre hat nichts mehr mit intellektuellem Vergnügen zu tun, und die Harry-Potter-Bücher sind halt mittlerweile komplett und zudem verfilmt. Wer muss sie dann heut' noch lesen? Schon vor geraumer Zeit hatte man sich ja mal den Spaß gemacht, und Werke im Laufe der Zeit vergessener Literaturnobelpreisträger unter falschem Namen bei Verlagen eingereicht, und vom Lektorat klare Absagen erhalten… in einer Zeit, in der verlangt wird, dass Texte in einfacher, in vereinfachender Sprache verfasst sind, ist schwere Kost unverkäuflich. Und das zuletzt so gehypte eBook zeigt ebenfalls rückläufige Umsatz- und Verkaufszahlen. Deswegen ist auch die Zahl neuer Titel gesunken. Um immerhin 5% gegenüber 2015. Wenn also Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates steif und fest behauptet, dass die Verlage keine Bücher, von denen sie nicht glauben, dass man sie verkaufen kann, dann beschreibt er den Kern des Problems. Der Buchmarkt lebt nämlich nicht von Bestsellern, sondern davon, dass es eine Vielzahl unterschiedlichster Titel gibt, die unterschiedlichste Leser ansprechen. Sprechen die angebotenen Bücher hingegen nur noch Personenkreise an, die üblicherweise keine Bücher zur Hand nehmen, schwindet die traditionelle Stammkundschaft.

  • Es wurde gefordert, dass ein Strang eröffnet wird, der die Leselust auf Literatur […]

    […] weckt? … stärkt? … animiert? Die Literatur ist eine Kunst, die, wie wohl alle Kunstformen, ein größeres Publikum wohl nur erreicht, wenn sie sich veralteter Formen bedient… in seiner Frühzeit ist, was Text wurde, in mündlicher Form weitergegeben worden, und noch heute ziehen beträchtliche Mengen unserer Zeitgenossen Formulierungen vor, die einprägsam sind. Deswegen haben Werbesprüche längst das Bedürfnis nach komplexeren Formen sprachlichen Ausdrucks getilgt… dem Laien ist Gedicht, was sich reimt, also Zeile für Zeile in einem Gleichklang endet… und auch, wenn die gebräuchlichste Form literarischer Werke heute in der Gattung des Romans vermarktet wird, sind die meisten der unter dieser Bezeichnung vermarkteten Bücher bloß eine Aneinanderreihung von Erzählungen oder Episoden…


    Interessanterweise hat, wohl wegen der bald startenden Frankfurter Buchmesse, heute eine Art "literarischen Kanon" der Gegenwartsliratur zusammengestellt, also eine Auflistung der Titel, die (angeblich) gelesen haben muss. Es handelt sich ausnahmslos um solche Bücher, die in den letzten Jahren für einige Zeit in den Bestsellerlisten vertreten waren. Unnötig, zu gestehen, dass ich keines dieser Bücher jemals zu kaufen bereit wäre. Immerhin habe ich in Uwe Tellkamps "Der Turm" wegen der vielen rezensionsbedingten Vorschusslorbeeren mal hineingeschaut und das Buch an drei, vier Stellen aufgeblättert und ein paar Zeilen überflogen, die mich dann auch nicht zu überzeugen vermochten, zu erwarten, dass das Buch insgesamt zu lesen lohnen werde.


    Es wundert mich nicht, dass die Textanthologieform der Chrestomathie so gänzlich aus der Mode gekommen ist. Das Buch als modischer Verbrauchsartikel entspricht der allgemeinen Ephemerisierung sämtlicher Lebensaspekte und all der Dinge, mit denen wir unseren Alltag schmücken… ein gedrucktes und illustriertes Bestandsverzeichnis der Evanion Collection würde man im Buchhandel dagegen vergeblich suchen. Und das wäre doch ein Buch, das beispielsweise nach Lektüre von Jean Baudrillards "Das System der Dinge" die angemessene Lektüre wäre.

  • […] Wär das nichts?

    Danke für den Tip, aber weder bin ich Student noch halten meine Regale den Platz für größere Mengen weiterer Bücher vor… insofern wird die Auswahl zunehmend strenger, die entscheidet, ob ein weiteres Druckerzeugnis in meinen Bestand eingepflegt wird.


    In diesem Thread erscheint es mir jedoch passend, auf das Jubiläum einer (zugegebenermaßen etwas trivialen) Taschenbuchserie hinzuweisen; der Ehapa-Verlag hat damit durchaus Geschichte geschrieben - und zudem in der Adaption zahlloser literarischer Stoffe, die von Comicfiguren nachgespielt bzw. nacherlebt werden, sicher für die Leseförderung junger Menschen beachtliches geleistet.

  • Früher habe ich viel und gern gelesen, was der elterliche Bücherschrank hergab. Aber wann immer ich später Bücher noch lebender Autoren gelesen habe, oft auf Empfehlung diverser Literaturkritiker, hab ich mich über den empfohlenen Mist gewundert und konnte ihm auch bei wohlwollendstem Lesen nichts abgewinnen.
    Es gab eine Buchreihe, die von der Süddeutschen empfohlen und wohl auch herausgegeben worden war, da war auch wenig nach meinem Geschmack dabei, und interessanterweise sehe ich diese Buchreihe immer wieder komplett second hand in den einschlägigen Läden wie Oxfam, wo ich entbehrliche Werke auch hintrage.
    Es ist schwer, Bücher zu finden, die so gut geschrieben und so interessant sind, dass sie gegen die vielen Ablenkungen ankommen können. Spannung allein reicht mir nicht.

  • […] Es gab eine Buchreihe, die von der Süddeutschen empfohlen und wohl auch herausgegeben worden war […]

    Tatsächlich hat der Süddeutsche Verlag Bestseller und Romanvorlagen erfolgreicher Filme als "Bibliothek der Weltliteratur" vor etwas mehr als einem Jahrzehnt wiederaufgelegt und die anfänglich auf 50 Bände angelegte Reihe sukzessive erweitert.
    Oxfam ist übrigens kein einschlägiger Laden, sondern eher als eine Art "Sozialkaufhaus" anzusehen, wo Sachspenden jeweils für geringes Geld an (meist bedürftige) Folgebesitzer weitergereicht werden.

  • […], wo ich entbehrliche Werke auch hintrage. […]

    Bedenkt man, weiche Verbreitung jene Titel, die von der Feuilletonredaktion der SZ bereits erreicht hatten, bis ihr lizensierter Nachdruck erfolgte, der wegen nicht vollständig abebbender Nachfrage wohl lohnend schien, ist die Einschätzung dieser Bücher als entbehrliche Werke recht vermessen. Die Gesamtauflage dieser SZ-Edition wird mit 11,3 Millionen verkaufter Bände angegeben, woraus folgt, dass durchschnittlich jeder Band auf mehr als 220.000 Exemplare gekommen ist. Und das, nachdem die gebundene Ausgabe ebenso wie Taschenbuchausgaben ebenfalls im mindestens sechsstelligen Bereich Verkaufsschlager gewesen sind. Von eventuellen Buchclubausgaben ganz zu schweigen.

  • Es wären übrigens […]

    […] die vielen Ablenkungen […]

    […] unserer Zeit, die als Motivbausteine heutiger Literatur zu größerer Lebensnähe verhülfen. Das Problem des Buchmarktes ist doch wohl eher, dass das Buch seinerseits nur als Ablenkung betrachtet wird, als Zerstreuung, und dass seine Attraktivität trotz einer Vielzahl jährlicher Neuerscheinungen hinter anderen "Thrills" weit zurückbleibt.

  • Bundeskanzlerin Merkel hat jetzt kurz vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse verkündet, dass Lesen wie Nahrung ein Grundbedürfnis sei. Wie schade nur, dass das Gros der marktgängigen Bücher analog zum Convenience-Food in Selbstbedienungsmärkten zwar leichtbekömmlich zu sein pflegt, aber nicht unbedingt sättigt… vielleicht bräuchten wir, um die Bedeutung der Worte unserer Kanzlerin vollumfänglich zu erfassen, neben den doch geläufig gewordenen Ernährungsberatern auch bald auch Buch- oder Lektpreberater. Aber wer soll diese wieder bezahlen?

  • (Mal ganz OT: Ich wette oft mit mir selbst, wenn ich was Kulturbetreffendes schreibe, wie viele Substi-Antworten auf dem Fuße folgen, was auf mich wie Schnappatmung wirkt :smilielol5:)

  • […] was auf mich wie Schnappatmung wirkt [,…]

    […] ist üblicherweise doch das hauptsächliche Pläsier der Teilnahme an einer Diskussion, nämlich inhaltsbezogene Antworten zu erhalten… aber es ist recht vielsagend, wenn Du anscheinend ein Gespräch für beendet hältst, nachdem ein Beitrag von Dir darin zu lesen ist. Andererseits stellt die Editionstätigkeit des Süddeutschen Verlags keineswegs das Ende der Literatur dar… auch wenn Du mit verschiedenen Titel, die die Redaktion für jene Buchreihe ausgewählt hat, offenbar nicht so recht einverstanden gewesen bist.


    Dieses Jahr präsentiert die Frankfurter Buchmesse übrigens die Literaturnation Frankreich als Ehrengast - und dennoch wird mit Sicherheit keine deutschsprachige Ãœbersetzung der Werke Marc Saportas auf den Markt kommen… und auch von Marcel Bénabou ist doch schon recht lange Zeit so gar nichts mehr erschienen.

  • Ach Substi, du weißt doch, dass ich Deine Beiträge schon lange nicht mehr lese, weil ich schwache Nerven habe und mir Deine Beleidigungen und Hochmütigkeiten schrecklich zu Herzen nehme. Daran muss ich dich erinnern, weil ich annehme, dass Deine Beiträge so knapp nach meinen immer darauf abzielen, mich und jeden wissen zu lassen, was für ein Klotzkopf ich doch bin.
    Na jut, wenn´s Dir Spaß macht...

  • Ach Substi, du weißt doch, dass ich Deine Beiträge schon lange nicht mehr lese […]

    Um so verwunderlicher ist's, dass Du dann drauf antwortest… könnten wir so langsam wieder das Thema Literatur fokussieren? Du präsentierst in Deiner Signatur ja schon mal einen Schriftsteller, dessen zeitweiliger Erfolg verlagsseitig vergriffen scheint.

  • Es […] ist so, dass vor sehr vielen Jahren, 1989, eine Wende stattfand, die zur Folge hatte....
    Naja, Literatur gab es plötzlich nicht mehr. […]

    Es stimmt ja, dass am 12. Februar 1989 Thomas Bernhard nach langer Krankheit verstorben ist - aber dass dies die Literatur über Österreich hinaus nachhaltig mit ins Grab gezogen hätte, ist eine nicht gelinde Ãœbertreibung. Zumal es ja zweifellos einer der Vorteile bedruckten Papiers ist, dass es Schrifttum über Jahrhunderte konserviert! Nicht zufällig hat das Städtchen Mainz dem Erfinder des Buchdruckes ein Museum errichtet.

  • A propos Literatur: Als ich vorhin im "Smalltalk"-Thread über den Star einer heutigen Veranstaltung im Literaturhaus witzelte, musste ich natürlich mal nachschauen, wer dieser Philipp Blom so sei, und dabei stieß ich auf die Anpreisung einer schier unübertrefflichen Kompilation all jener aktuellen und täglich aufs neue geschürten Sorgen zahlreicher unserer Zeitgenossen, denen jener zukunftsbesorgte Historiker jetzt auf 180 Druckseiten einen wohlfeilen Warnruf in den heimischen Bücherschrank zu stellen anbietet… jetzt fehlt noch ein Ergänzungsband mit dem Titel "Das Geschäft mit der Angst".

  • Morgen ist es soweit: Die Frankfurter Buchmesse wird eröffnet - und zur Präsentation französischsprachiger Literatur aus aller Welt ist, ganz EXPO-mäßig, ein hölzerner Pavillon, bestückt mit rund 40.000 Büchern überwiegend jüngerer Autoren errichtet worden, der eine Art virtueller Reise simulieren soll… die Offenbacher Presse schätzt den Bestand auf etwa 30.000 Bücher, aber lesen werden die Besucher ohnehin nur Häppchen des Gebotenen - und am Ende der Messe werden garantiert keine 20.000 Bände mehr wieder abzutransportieren sein…

  • A propos Literatur […]

    Der Buchmarkt schrumpft weiter - und der Handel, der sichtlich hilflos auf "zugekräftigen" Namen setzt, um die immer selben Geschichten in "relokalisierter" Form neu erzählen zu lassen, schiebt die Schuld auf Internethandel und die Konkurrenz durch die sozialen Medien im Internet… naja, noch ein paar Jahre, und Langenscheidt wird uns ein Wörterbuch der Unwörter des Jahres präsentieren…