Deutsches Läuten

  • Mir war eigentlich schon recht klar, als ich von den Kirchenglocken in Herxheim und Schweringen las, dass dies wohl nicht die einzigen Reliquien des Tausendjährigen Reiches sind, die den deutschen Alltag beschallen.
    Die Geschichte zieht viel weitere Kreise, sogar mit Dunkelziffer.
    Und mit Ansätzen zur Differenzierung.
    Das könnte fast schon ein Konjunkturprogramm werden, wenn man die alle einschmölze und neue Glocken daraus gießen würde.
    http://www.spiegel.de/panorama…bt-es-noch-a-1203281.html


    Da erscheinen Beschwerden über den Ruf des Muezzin in einem ganz anderen Bild.

  • Was mir (auch) beim o. a. Geläute unangenehm aufstößt ist, dass die Kirchen so wenig belangt werden. Es wird auf die Nazizeit geschimpft und auf die verbliebenen Symbole, es werden die noch verbliebenen Aktivisten aus der damaligen Zeit nach wie vor verhaftet, aber die Kirchen sind wegen der Verbrechen damals so gut wie gar nicht im Fokus. Wundert mich. Als dürfte darüber nicht gesprochen werden. Es sind halt Kirchen.


    Frdl. Grüße
    Christiane

  • Was mir (auch) beim o. a. Geläute unangenehm aufstößt ist, dass die Kirchen so wenig belangt werden. Es wird auf die Nazizeit geschimpft und auf die verbliebenen Symbole, es werden die noch verbliebenen Aktivisten aus der damaligen Zeit nach wie vor verhaftet, aber die Kirchen sind wegen der Verbrechen damals so gut wie gar nicht im Fokus. Wundert mich. Als dürfte darüber nicht gesprochen werden. Es sind halt Kirchen.


    Frdl. Grüße
    Christiane


    Ja, das spiegelt sich auch in den Reaktionen wieder, die die Kirchen nun zu ihrem Geläut veranlassen, wenn es denn eine entsprechende Symbolik aufweist.
    Siehe die Karte im Spiegel-Artikel oben.[FONT=&amp][FONT=&amp][FONT=&amp]
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    [FONT=&amp][FONT=&amp][FONT=&amp]Also incl der 9 nicht benannten Orte sind das 22 Glocken, von denen bekannt ist, dass sie auf den Nationalsozialismus zurück gehen. Dabei wird dann so getan, als hätte man Opa erwischt, weil er eine Ausgabe von "Mein Kampf" auf dem Dachboden aufbewahrt hat.
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  • Die Symbolik ist schwerwiegend, und das jahrzehntelange Nichthandeln - im Grunde ja nur aus monetären Gründen, denn die Glocken hängen und klingen, das ist bequem, angemessene Aktivitäten und Arbeiten daran kosten dagegen nicht gering ... - ist ein Armutszeugnis, denn wissen konnten es viele, vor allem diejenigen, die dort arbeiteten. Die Kirchenfürsten wussten es sicher alle.


    Andererseits ist es mir eigentlich egal, von welcher Bimmel ich sonntags aus dem Schlaf gerissen werde, bloß weil die Hirten ihre Schäflein zum Rapport vor die Kanzel rufen.
    Meinetwegen könnten alle Kirchenglocken durch einen Sender ersetzt werden, der den freiwillig Unterwürfigen eine eMail oder ein Signal an einen speziellen Kirchenwecker schickt, um sie an ihre Plichten gegenüber ihrer Kirche zu erinnern.
    Damt wären gleich mehrere Probleme gelöst.
    Ich kann übrigens akustisch nicht unterscheiden, ob die Bimmel, die mich unerwünscht beschallt, mit oder ohne Hakenkreuz tönt. Ich halte die Diskussion um dieses Thema auch für vergleichsweise nachrangig - und angesichts dessen für ziemlich aufgebauscht. Es gäbe weissgott wichtigeres, wofür sich die Leute interessieren sollten. Aber jede Ablenkung vom Wesentlichen ist recht, so lange die Menschen sich ablenken lassen und nicht auf die Idee kommen, sich mal wieder auf das zu besinnen, was wirklich zählt...

    2 Mal editiert, zuletzt von A0468 ()

  • Das kann man auch ganz anders sehen. Da kommt der typische "aus dem Auge-aus dem Sinn"-Virus ins Spiel. Kaum ein Fernsehpfaffe, der nicht brav die Pflicht zur Erinnerung abspult. Welche Glocke tönt dann zu seiner Messe?
    Die Symbolik ist ja nicht nur ein seltsames Zeichen, mit dem Außerirdische erst einmal gar nichts verbinden würden, es ist auch ein Symbol dafür, wie mit der Erinnerung umgegangen wird.
    Die Rechtfertigungen dafür gehen sogar soweit, dass man diese Symbolglocken als Teil deutscher Erinnerungskultur schützen will. Ja warum werden die dann erst jetzt öffentlich?
    Mir zeigt die Debatte, dass D mit dem NS in Sachen Erinnerung noch lange nicht auf dem Höhepunkt ist. Mir zeigt die Debatte, dass man sich ertappt fühlt. Sicherlich mit viel Psychologie gewürzt, aber der Unterschied zwischen massenhafter Verirrung und kollektivem Achselzucken, der interessiert mich schon.
    In Schweringen mutmaßt man übrigens, dass die Schleifaktion den Klang der Glocke beeinträchtigt haben könnte. Dann dürfte man an dieser Bimmel zumindest nun hören, dass da kein Hakenkreuz mehr drauf ist. :-)

  • Selbstverständlich kann das anders gesehen werden - und wird es auch.
    Doch sehe ich in dieser Frage weder diese besondere Symbolik in unserer Gegenwart als derart bedeutsam an, noch die Dringlichkeit gegeben, hier ausradierend wirken zu müssen.
    Denken wir den Gedanken konsequent weiter, müssten alle Symbolträger vernichtet werden.


    Das beinhaltet Bücher, Kunstwerke, Briefmarken, Münzen usw.
    Diese Symbole können uns erinnern, an eine Zeit, die wir besser nicht vergessen sollten. Diese Zeit ist Teil der Geschichte. Man kann sie nicht ausmerzen - und ich halte es auch gar nicht für sinnvoll, das tun zu wollen und alles zu eliminieren, was die Symbolik trägt.
    Als den besseren Weg bewerte ich den aktiven und erklärenden Umgang. Aus meiner Sicht muss darauf hingewiesen werden, und nicht verschämt entfernt, wie ein unwillkommenes Graffiti. Einen positiven Sinn ergibt das Erinnern und daraus zu lernen doch erst dann, wenn es auch wirklich getan wird, darauf hinzuweisen und die gesamten Implikationen in Erinnerung zu rufen.


    Wie wäre es mit einer Gedenktafel in jeder Kirche, in der eine solche Glocke hängt, die an die Gräuel und an den Personenkult erinnert, an die Konsequenzen unbedachter Gefolgschaft hinter sinisteren Gestalten und deren Symbolen...
    Das wäre viel sinnvoller, weil bleibend, als eine Auslöschung der Erinnerung durch Eliminierung der Symbolik.
    Denn erst dadurch entsteht das Vergessen.
    Aus den Augen, aus dem Sinn. Eben.

    4 Mal editiert, zuletzt von A0468 () aus folgendem Grund: t

  • Ist deutsches Läuten lauter ? Also jetzt nicht akustisch sondern anständig, rein ? Wie läute ich deutsch ? Mit Haken am Kreuz oder mit geläutertem Geschichtsbewusstsein ? Eine Glocke steht für Langlebigkeit. Das macht sie zu einem Symbol, welches Geschichte in sich trägt. Es macht sie aber auch zu einem Museumsstück und da ist das Abschleifen von Verzierungen völlig sinnlos, denn es bleibt nur ein Stück Eisen zurück.

  • 73 Jahre sind mittlerweile vergangen - und dass die Hakenkreuze und Naziparolen bis heute nicht aus den Glocken geflext wurden, was am Klang nix ändert, ist ein absolutes Armutszeugnis für die Kirchen.


    Mehr muss man dazu absolut nicht sagen.

  • Selbstverständlich kann das anders gesehen werden - und wird es auch.
    Doch sehe ich in dieser Frage weder diese besondere Symbolik in unserer Gegenwart als derart bedeutsam an, noch die Dringlichkeit gegeben, hier ausradierend wirken zu müssen...VZ


    Sehe ich aus dieser Perspektive genau so.Allerdings ist dieses Symbol auf einem Kirchengegenstand absolut pietätlos.


    Man könnte aber durchaus argumentieren, dass dieses Verbrecherregime sogar die älteste Wertegemeinschaft der Gesellschaft durchdrungen hat und uns dies immer als Warnung dienen sollte.

  • ...Man könnte aber durchaus argumentieren, dass dieses Verbrecherregime sogar die älteste Wertegemeinschaft der Gesellschaft durchdrungen hat und uns dies immer als Warnung dienen sollte.


    Da hab ich mich doch glatt verschluckt, als ich dies las. Zwei erzreaktionäre Banden haben sich in dieser Zeit gefunden und umarmt.

  • Da hab ich mich doch glatt verschluckt, als ich dies las. Zwei erzreaktionäre Banden haben sich in dieser Zeit gefunden und umarmt.


    Das ändert aber nichts daran, dass diese Wertegemenschaft 2000 Jahre bestand hatte und eben nicht Behinderte und Schwache in ihren Schriften in die Gaskammern abkommandiert, Dio.


    Man muss bei aller Kritik nicht immer alles gleichsetzen.

  • Das ändert aber nichts daran, dass diese Wertegemenschaft 2000 Jahre bestand hatte und eben nicht Behinderte und Schwache in ihren Schriften in die Gaskammern abkommandiert, Dio.


    Man muss bei aller Kritik nicht immer alles gleichsetzen.


    Mit Ausnahme einiger weniger anständiger Pfarrer stand doch der größte Teil der deutschen Christen, insbesondere die Führungsebene, geschlossen an der Seite der Nazis. An ihren Taten muss man sie messen, nicht an ihren Worten.

  • Mit Ausnahme einiger weniger anständiger Pfarrer stand doch der größte Teil der deutschen Christen, insbesondere die Führungsebene, geschlossen an der Seite der Nazis. An ihren Taten muss man sie messen, nicht an ihren Worten.


    So wenige waren das nicht, Dio.Aber der Unterschied ist halt, dass die NS-Ideologie kein Mißverständnis in ihrer Definition und Auslegung offen ließ und die andere eine weltumspannende Religionsgemeinschaft ist, welches in ihrem Manifest das genaue Gegenteil ipropagiert.
    Das Menschen fehl gehen ist wohl nicht zu vermeiden.Aber wenn das Grundgerüst mit den verbindlichen Wertmaßstäben schon rött ist, dann ist ja wohl Hopfen und Malz von Anfang an verloren.

  • […] Mehr muss man dazu absolut nicht sagen.

    Du hast den Sinn des Diskutierens wieder mal nicht so recht verstanden. Da findet derzeit eine künstliche Aufregung statt, weil besagte Jakobskirche in Herxheim nach einem Brand im Jahre 1934 im selben Jahr wieder neu aufgebaut und bereits 1935 neu geweiht wurde… wie konnte man innerhalb dieser dieser Zeit nur eine Kirche wieder errichten?! Die jetzt als Stein des Anstoßes betrachtete Glocke soll übrigens vom Sprössling einer Apoldaer Glockengießerdynastie angefertigt worden sein.
    Und jetzt werden Kirchen- und Bauhistoriker wahrscheinlich nicht ruhen, bis eine Gesamtliste aller bösen Glocken, die zur falschen Zeit in Auftrag gegeben wurden und nicht kriegsbedingt wieder rechtzeitig zerstört wurden, erstellt ist. Der Spiegel-Artikel nennt ja bereits die Johanneskirche in Ämoneburg… bedenkt man, zu welcher Zeit die jeweils kriegsbedingt eingeschmolzenen Glocken wieder ersetzt worden sind, verwundert natürlich, dass dort nach Informationen des Spiegel zwei Glocken jeweils ein Hakenkreuz zeigen sollen.

  • […] Da erscheinen Beschwerden über den Ruf des Muezzin in einem ganz anderen Bild.

    Aha, einer pensionierten Lehrerin missfällt die Geschichte der Kirchengemeinde, deren Orgel sie spielt… um die Brandstiftung, die den Wiederaufbau der Kirche und auch eine Neuanschaffung der Glocke erforderte, ranken sich Legenden - lt. Wikipedia (sich auf diese Quelle berufend) war schon damals der Brandstifter aber ein Dorfschullehrer…


    Ãœbrigens: Mit Beschluss vom 7.9.2017 wird die böse Glocke gar nicht mehr geläutet! So soll vermieden werden, dass auch schwarze Schäfchen zur Andacht herbeigebimmelt werden.

    Einmal editiert, zuletzt von I'm a Substitute () aus folgendem Grund: Quellennachweis nachgeliefert

  • Ja, das spiegelt sich auch in den Reaktionen wieder, die die Kirchen nun zu ihrem Geläut veranlassen, wenn es denn eine entsprechende Symbolik aufweist.
    Siehe die Karte im Spiegel-Artikel oben.

    Also incl der 9 nicht benannten Orte sind das 22 Glocken, von denen bekannt ist, dass sie auf den Nationalsozialismus zurück gehen. Dabei wird dann so getan, als hätte man Opa erwischt, weil er eine Ausgabe von "Mein Kampf" auf dem Dachboden aufbewahrt hat.




    Im Jahre 2011 hat das Pfarramt aus Anlass „60 Jahre Kirchenglocken“ auf die Existenz der Glocke von 1934 in einer Presseinformation an die oben erwähnte regionale Tageszeitung mit dem Hinweis auf die besondere Kreuzform: „Hakenkreuz“ aufmerksam gemacht.


    http://www.evkirche-herxheim-a….de/historisches/glocken/


    Also kein neuer Skandal, nur etwas, was man eigentlich im Sommerloch verorten könnte.


  • Ist deutsches Läuten lauter ? .................. denn es bleibt nur ein Stück Eisen zurück.


    Es gibt zwar eiserne Glocken, doch üblicherweise werden Glocken aus Bronze gegossen, woraus sich ihr Klang ergibt. Und Klang hat keine Nationalität! Zudem sind die betreffenden Glocken geschichtliche Zeugnisse aus einer dunklen Zeit, die man mit entsprechendem historischen Wissen durchaus einordnen kann. Man meidet ja auch keine Reise nach Indien, weil einem dort die Swastika an fast allen aktuellen Sehenswürdigkeiten begegnet. Eher erinnert man sich, woher bestimmte Symbole, die einst für etwas ganz andere Ideen als Faschismus standen, entlehnt worden sind.


  • Ok. Das war mir nicht bekannt. Ich sehe allerdings auch keinen Skandal. Ich bin eher erstaunt darüber, dass wie zum Beispiel die Glocke in Herxheim 60 Jahre lang vor sich hinbimmelt, aber keiner darüber nachdenkt, dass man dazu vielleicht mal eine Gedenktafel aufhängt. Gerade öffentliche Institutionen sollten auch einen offenen Umgang mit der Geschichte pflegen, vorne weg gehen, wenn es darum geht, Wertegerüste zu gestalten und zu erhalten. Insofern ist das m.E. ein Versäumnis.

  • ... Gerade öffentliche Institutionen sollten auch einen offenen Umgang mit der Geschichte pflegen, vorne weg gehen, wenn es darum geht, Wertegerüste zu gestalten und zu erhalten. Insofern ist das m.E. ein Versäumnis.


    Es soll auch öffentliche Institutionen geben, wo über ein Nazisymbol einfach eine Hausnummer angebracht wird.
    Gedenktafel meinethalber, aber wofür? Dass die Kirche 1935 nach einem Brand wieder aufgebaut wurde und dabei eine Glocke mit Hakenkreuz angebracht wurde? Das würde vermutlich nur diejenigen anlocken, die auch immer beim Hess vor dem Grab standen.

  • .... Das würde vermutlich nur diejenigen anlocken, die auch immer beim Hess vor dem Grab standen.


    Das kommt auf die Aufmachung und die "Begleitmusik" an. Es hätte jedenfalls überhaupt keinen Grund für ein Geschmäckle gegeben, wenn die Kirche diese Glocke offensiv für die Aufarbeitung der eigenen Geschichte genutzt hätte. Dagegen spricht gar nichts.