Ist Arbeit tugendhaft?

  • In einer Zeit des Wertewandels, der Umwälzung der Arbeitswelt und des Nachdenkens über das Bedingungslose Grundeinkommen ist die Frage im Titel durchaus berechtigt, wenn nicht sogar zwingend.


    Die Frage lautet mit voller Absicht nicht: "Ist Faulheit tugendhaft?"


    Die Antwort wird dazu beitragen, den eigenen Lebensentwurf zukunftsorientiert zu gestalten und kann sogar in einem schon fortgeschrittenen Leben Impulse liefern, einen Lebensplan zu revidieren.

  • Arbeit ist zunächst einmal völlig wertneutral (ein Mittel zum Zweck). Auf das Ergebnis kommt es an. Erreiche ich durch Arbeit, dass es mir, anderen Menschen, der Umwelt, ..., ... danach besser geht als vorher, dann war die Arbeit sinnvoll. Schade ich durch Arbeit mehr als ich nutze (Herstellung von Waffen, Raubbau an der Natur, lautes Getöse + Aufwirbelung von Keimen durch Laubbläser, ..., ...), dann wäre es eindeutig besser gewesen, nicht zu arbeiten als zu arbeiten.


    Ich sehe es als Problem an, dass viele Menschen Arbeit als Wert an sich betrachten ("Hauptsache er arbeitet, statt nichts zu tun!") statt als Mittel zum Zweck.
    Einen längeren Artikel darüber habe ich hier verfasst.

  • Arbeit ist zunächst einmal völlig wertneutral (ein Mittel zum Zweck) […]

    Zunächst einmal beruht der Leistungsethik der Neuzeit (etwa also mit der Reformationszeit einsetzend) auf der Erkenntnis, dass der Mensch es in der eigenen Hand hat, sein Leben bzw. seine Lebenszufriedenheit zu gestalten bzw. zu bessern.
    In der antiken Philosophie mögen ja Modelle oder Strömungen wie der Stoizismus die gottergebene Hinnahme propagiert haben, in der Epoche Calvins bzw. Luthers hatte die Tätigkeit längst einen bedeutenderen Stellenwert für's gesellschaftliche Miteinander errungen - und man sollte bei Betrachtung derartiger Themen nicht vergessen, dass die Freizeit erst im Zeitalter der Industrialisierung als ebenfalls bedeutungsvoll wahrgenommen wurde und wahrgenommen werden konnte.


    Zudem wäre zu unterscheiden, dass der Wert von Arbeiten einerseits an ihrem gesellschaftlichen Nutzen und andererseits an der Freude, die sie dem, der sie ausübt, bereitet, zu bemessen wäre. Insofern wäre die Tätigkeit in der (freiwilligen) Feuerwehr sehr wohl als tugendhaft anzusehen; jedoch ist die hobbymäßige Stickarbeit, die jemand als persönliches Geschenk f+r eine nahestehende Person anfertigt, um jener eine Freude zu bereiten, nicht minder nützlich - bloß eben auf einer persönlichen Ebene.
    Wie sieht es aber mit entfremdender Arbeit aus? Obwohl nach allgemeiner Auffassung die dem gerichtlich verurteilten Straftäter angeordnete Tätigkeit des Tütenklebens ja gleichfalls einer Wiedergutmachung an der Öffentlichkeit gilt, und vergleichbare Arbeiten (etwa in einer Tischlerei) immerhin ein sinnvolles Handwerk darstellen, und den Delinquenten an die nützliche Werktätigkeit im arbeitstäglichen Rhythmus gewöhnen sollen, wäre demnach noch nicht tugendhaft, wohl aber ein Schritt auf dem Weg dorthin.

  • Man sollte in erster Linie vom Status quo ausgehen und sich dessen bewusst sein, was ist und was (voraussichtlich) sein wird. Rüchwärtsorientiertes Suchen nach Erkenntnissen bei den Antwortsuchenden der Vergangenheit kann reizvoll sein, beantwortet aber in seltensten Fällen die Fragen, die sich heute stellen, weil die Antworten der Vergangenheit auf Fragen der Vergangenheit abstellten, die heute nur noch eingeschränkte Relevanz aufweisen. Es ist klug und zielführend, sich dessen bewusst zu sein.


  • Die Frage lautet mit voller Absicht nicht: "Ist Faulheit tugendhaft?"
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    Faulheit ist die Triebfeder jeglicher Innovation.
    Druck,Motorfahrzeug,Computer etc.sind letztlich auf (sinnvoll eingesetzte)Faulheit zurückzuführen.Ohne den Antrieb immer grösserer Bequemlichkeit würden wir vermutlich noch Rohfleisch zu Fuss verzehren.

  • Das ist des Pudels Kern. Sehr treffend.
    Wenn es nicht erforderlich ist, arbeitet kein Lebewesen freiwillig.
    Arbeit aus Notwendigkeit und Arbeit zur Erleichterung des Lebens, das hängt unmittelbar zusammen.
    Die Zwänge zur Arbeit sind von Menschen "erfunden" worden, die andere für sich und ihre eigenen Ziele, zur Erleichterung und Verbesserung des eigenen Lebens arbeiten lassen wollten - auch, um Menschen zu kontrollieren. Kontrolle ist ein nicht unwesentlicher Zweck und Aspekt der abhängigen Beschäftigung. Aus reinem Eigennutz der Beschäftigenden.


    Und genau diese Sorte Menschen fürchtet sich davor, dass die abhängige Beschäftigung obsolet wird. Nicht aus prinzipiellen, gesellschaftstheoretischen Erwägungen, sondern wegen der drohenden Zerrüttung der künstlichen Abhängigkeitsstrukturen, denen sie ihren Wohlstand und ihre Macht verdanken.

  • "Faulheit als Innovationsfaktor" ist inhaltlich ok, liefert aber unnötig Munition für diejenigen, die gegen Modelle wie "BGE" aus welchem Grund auch immer feuern.


    Die "Faulheit" ist in der belebten Natur ein ökonomisches Prinzip. Sie trägt dazu bei, mit minimalem Aufwand die maximale Verbreitung von Genen zu erreichen.


    Für Polemiker: Rationalisierung als Ausdruck der Faulheit von Unternehmen …


    Noch ein Stichwort: Zwänge in der Arbeitswelt als Ergebnis von der zu erzielenden Sache unabhängigen Realisierung persönlicher Machtbedürfnisse: "Ich Chef, Du Arsch!"

  • "Faulheit als Innovationsfaktor" ist inhaltlich ok, liefert aber unnötig Munition für diejenigen, die gegen Modelle wie "BGE" aus welchem Grund auch immer feuern.


    Der innovativ-faule Mensch wird nahezu immer jemanden begeistern können,mit ihm mitzumachen.Sei es,dass die Idee ihn fasziniert,sei es,dass ihn Geld oder sonstige Vorteile reizen.Und dieser Mitmacher wiederum wird Nachahmer finden, denen dessen Tun(und "Einkünfte") reizvoll erscheinen -und irgendwie kopiert werden wollen. Und dann: artet es in Arbeit aus :hehehe:

  • Der innovativ-faule Mensch wird nahezu immer jemanden begeistern können,mit ihm mitzumachen.Sei es,dass die Idee ihn fasziniert,sei es,dass ihn Geld oder sonstige Vorteile reizen.Und dieser Mitmacher wiederum wird Nachahmer finden, denen dessen Tun(und "Einkünfte") reizvoll erscheinen -und irgendwie kopiert werden wollen. Und dann: artet es in Arbeit aus :hehehe:


    Bleibt nur zu hoffen, dass dies keine Utopie einer humanen Leistungsgesellschaft bleibt.


  • Zunächst einmal beruht der Leistungsethik der Neuzeit (etwa also mit der Reformationszeit einsetzend) auf der Erkenntnis, dass der Mensch es in der eigenen Hand hat, sein Leben bzw. seine Lebenszufriedenheit zu gestalten bzw. zu bessern.


    Bleibt die Frage, ob es sich um eine gesichterte Erkenntnis handelt, dass der 'moderne Mensch' glücklicher sei als Menschen früherer Epochen ... Ich denke darüber hinaus, dass die meisten glücklichen Menschen das trotz und nicht wegen ihrer Arbeit sind, viele ihrer Arbeit wegen unzufrieden sind, und nur ein kleiner Prozentsatz eine Arbeit ausübt, die zugleich als glücksbringende Berufung empfunden wird.

  • […]


    Ich denke darüber hinaus, dass die meisten glücklichen Menschen das trotz und nicht wegen ihrer Arbeit sind, viele ihrer Arbeit wegen unzufrieden sind, und nur ein kleiner Prozentsatz eine Arbeit ausübt, die zugleich als glücksbringende Berufung empfunden wird.


    Das beschreibt die aktuelle Arbeitswelt, und das BGE kann einer der leistungsfähigsten Hebel sein, dies grundlegend zu ändern.

  • Zunächst einmal beruht der Leistungsethik der Neuzeit (etwa also mit der Reformationszeit einsetzend) auf der Erkenntnis, dass der Mensch es in der eigenen Hand hat, sein Leben bzw. seine Lebenszufriedenheit zu gestalten bzw. zu bessern....


    Ja, der Quatsch mit der Möhre vor der Nase, die man nur zu greifen braucht um satt zu werden. Vom Tellerwäscher zum Millionär, der Mythos der mehr Verlierer als Gewinner produziert. Der ganze ideologische Müll, angefangen bei der Gottgefälligkeit der Arbeit seit Calvin bis zum angeblichen Trickle-Down-Effekt, lauter Lügen um dem einen Prozent den Rücken freizuhalten vor den Begierden der Mitte und den Nöten der Unterschicht.

  • Die Zwänge zur Arbeit sind von Menschen "erfunden" worden, die andere für sich und ihre eigenen Ziele, zur Erleichterung und Verbesserung des eigenen Lebens arbeiten lassen wollten - auch, um Menschen zu kontrollieren. Kontrolle ist ein nicht unwesentlicher Zweck und Aspekt der abhängigen Beschäftigung. Aus reinem Eigennutz der Beschäftigenden.


    Sorry, aber das ist absoluter Blödsinn.
    Gedankenexperiment: Versuche es mal ohne "Arbeit".
    Manche werden echt knülle, vom Herumphilosophieren.


    Gruß
    Verbalwalze

  • Warum von dir auf andere schließen.;)
    Urvölker haben eine völlig andere, noch unverfälschte Lebensweise.
    Sie tun, was getan werden muss, um des Ãœberleben zu sichern.
    Sie kennen und haben keine arbeitsteiligen Hierarchien, sondern arbeiten als gleichberechtigte - Gleiche unter Gleichen - in Gruppen. Erst die Gliederung der Arbeit schafft Abhängigkeiten, Ungleichheiten und Hierarchien. Und genau darum geht es.

  • Dieses Modell taugt aber nur für Kleingruppen. In größeren Gruppen, in denen nicht mehr jeder alles machen kann, entstehen zwangsläufig Hierarchien und Abhängigkeiten.

  • Ich bin nicht davon überzeugt. Ich habe schon ausgezeichnet funktionierende Firmen mit ganz flachen Hierarchien erlebt.
    Dass es einen Vorgesetzten, einen Inhaber gibt, ist im Ãœbrigen auch gar nicht gemeint.


    Gemeint ist vielmehr die vielfältige Abstufung, und das immanente Wertigkeitsgefüge, das künstlich geschaffen wird.
    Warum ist ein Altenpfleger weniger wert als eine administrativ arbeitende Kraft? Warum der zuverlässige Streifenpolizist weniger als der Staatsekretär im Innenministerium, der sich jede Menge teurer Fehlentscheidungen leistet? Die Liste könnte ohne Ende weiter geführt werde.
    Diese hierarchischen Gliederungen sind weitgehend willkürlich, überkommen, traditionell begründet und dienen der maßstäblichen Bewertung der Menschen und deren Einordnung. Weder die wahre Fachkompetenz noch die tatsächliche Leistung können damit korrekt erfasst und gemessen werden.

    Einmal editiert, zuletzt von A0468 () aus folgendem Grund: t

  • Sorry, aber das ist absoluter Blödsinn..................................


    Es ist längst nicht alles, das Deinen Tellerrand übersteigt, absoluter Blödsinn. Und es geht durchaus auch in unseren Gesellschaften völlig ohne Arbeit, wenn man entweder superreich oder superarm ist.

  • Ich habe selbst einige Leute kennen lernen müssen, die als Erben im Grunde das Nichtstun durch Zeitvertreib auf der eher kostspieligen "Lifestyle"-Ebene als "Beschäftigung" definieren.
    Den Vogel hatte eine junge Frau abgeschossen, die als formale Geschäftsführerin einer "Vermögensverwaltung" den Laden maximal einmal im Monat von innen gesehen hat und die operative Geschäftsführung faktisch der Holding der Familie überließ.
    Es machte sich eben besser auf der Visitenkarte, wenn dort in Gold eine Firma und als Funktion CEO steht, als "Erbin und Nichtsnutz" - immer erreichbar und stets verfügbar, weil immer abkömmlich, unter...... :cornut:

  • Sorry, aber das ist absoluter Blödsinn. […]

    Es stimmt, dass die oftmals als lästig empfundene Arbeit durchaus schon mühevoll gewesen sein mag, als der Mensvh noch als zotteliges Wesen und kaum von anderen Primaten Unterscheidbar begann, seine manuellen, visuellen und kognitiven Fähigkeiten zu nutzen, um sein Leben bzw. sein Habitat an seine Bedürfnisse anzupassen und gegen die Aussenwelt abzusichern…
    Auch die hinsichtlich der in den Vorbeiträgen so gehuldigten Faulheit getätugten Arbeiten, sind ja zunächst mehr Mühe - in Erwartung späteren Ertrags. Und somit nur ein Anwendungsbeispiel der von Sigmund Freud bereits postulierten Triebökonomie, die den Menschen zur überlegenen Spezies aufsteigen ließ.

    Einmal editiert, zuletzt von I'm a Substitute () aus folgendem Grund: nur 1 falscher Buchstabe

  • […] Und es geht durchaus auch in unseren Gesellschaften völlig ohne Arbeit, wenn man entweder superreich oder superarm ist.

    Richtig: In unserer heutigen Gesellschaft geht's auch ohne Arbeit; problematisch wär's, wenn nun alle Personen dieser Gesellschaft ihre jeweilige Arbeit niederlegten… unsere stark arbeitsteilige Gesellschaft verlangt vielerlei reibungslos funktionierende Abläufe, sonst würde nicht bereits ein befristeter Warnstreik im Öffentlichen Dienst rasch Wirkung zeigen.