Spiegelgate

  • Hast Du mit "Nun, schuldig sind dann ja alle" Relotius gemeint?

    Relotius hat geliefert, wonach Chefredaktion und Spiegel-Leser verlangt haben - er hat dies bewusst getan, genau, wie der "mündige Bürger" sich allzu leichtgläubig darauf verlassen hat, dass schon stimme, was da geschrieben steht - das war ja im Mittelalter auch stets "Beleg" dafür, dass unanzweifelbar war, was in der Bibel etwa in Schriftform festgehalten ist… insofern ist's jetzt lächerlich, Herrn R. vorzuwerfen, getäuscht zu haben, denn das Verlangen danach, getäuscht zu werden, hat erst ermöglicht, dass seine "Reportagen" zum unverzichtbaren Bestandteil der Nachrichtenlektüre des informationsaffinen Bürgers erhoben wurden.

  • Das hieße, dass auch der Enkeltrick im Grunde keine Täuschung ist, denn verlangt es nicht die alten Herrschaften nach Kontaktaufnahme der Enkel? Lächerlich, daraus einen Straftatbestand zu machen...


    Ich meine: Der "mündige Bürger", der den Spiegel im Bewusstsein der Existenz einer 60-köpfigen Recherche-Abteilung liest, möchte durch diese Wahl gerade verhindern, dass er getäuscht wird. Sonst könnte er ja RT lesen. Dass diese Abteilung versagt hat, steht auf einem ganz anderen Blatt.

  • […] Sonst könnte er ja RT lesen. […]

    Wenn man jetzt noch wüsste, welches Medienerzeugnis mit "RT" gemeint sein soll… der "mündige Bürger" meint doch, via Facebook, Twitter und dem Videotext über alles informiert zu sein, und der statistisch durchschnittliche SPIEGEL-Leser oder gar Abonnent ist solvent genug, dass ihn die wöchentliche Ausgabe im einstelligen EURO-Bereich nicht kratzt.
    Im Gegensatz dazu findet beim Enkeltrick eine Schädigung des Opfers in Größenordnungen bis hin zum Totalverlust der Ersparnisse eines ganzen Lebens statt - auch wenn in beiden Fällen die Leichtgläubigkeit des Opfers die Tat ermöglichte…
    Claas Relotius hat aber nur den falschen Lack des ausgeprägten Selbstbewusstseins seiner "Opfer" hinsichtlich ihrer Medienkompetenz angekratzt.

  • Strafrechtlich relevant ist an dem Sachverhalt eh nichts außer der mutmaßlichen Spendengeschichte. Er ist "nur" ein weiterer Sargnagel auf das Vertrauen in Journalismus auch größer Blätter / Medien und liefert ein weiteres Beispiel, warum dieses Misstrauen durchaus gerechtfertigt ist. Mit Medienkompetenz hat das wenig zu tun. Der Leser muss sich darauf verlassen, dass der Autor tatsächlich vor Ort war, genannte Personen auch tatsächlich existieren und im Kontext auch richtig zitiert werden. Er hat nämlich keine Möglichkeit, das zu überprüfen.

  • Strafrechtlich relevant ist an dem Sachverhalt eh nichts […]

    Eben, Insofern empfand ich ArgoNauts zum "Vergleich" herangezogenes Beispiel des "Enkeltricks" als unpassend.

    […] Mit Medienkompetenz hat das wenig zu tun. […]

    Von wegen. Zur Medienkompetenz zählt es auch, Medienbeiträgen nicht blindlings zu vertrauen… und betrachten/reflektieren lässt sich das Weltgeschehen von jedem Punkt dieses kleinen, blauen Planeten aus… die Zeiten, in denen der Reporter direkt vor Ort sein musste, um darüber zu berichten, sind längst vorbei - dem Mediennutzer dürfte dies aus den Fernsehnachrichten bekannt sein, dass da nur ein Hintergrundbild eingeblendet wird, um da ein Restchen von Authentizität bzw. der Illusion, näher am Geschehen zu sein, zu vermitteln.

  • Eben, Insofern empfand ich ArgoNauts zum "Vergleich" herangezogenes Beispiel des "Enkeltricks" als unpassend.

    Keineswegs, da Du auf die Erwartungshaltung abgestellt hast.

    Zitat

    Von wegen. Zur Medienkompetenz zählt es auch, Medienbeiträgen nicht blindlings zu vertrauen… und betrachten/reflektieren lässt sich das Weltgeschehen von jedem Punkt dieses kleinen, blauen Planeten aus… die Zeiten, in denen der Reporter direkt vor Ort sein musste, um darüber zu berichten, sind längst vorbei

    Relotius hat vorgegeben, am Ort seiner Reportagen gewesen zu sein. Dass sich zudem von jedem Punkt "dieses kleinen, blauen Planeten aus" das Weltgeschehen betrachten ließe, ist eine kühne Behauptung. Ich z. B. könnte nicht von meinem Punkt aus sagen, was gerade in Kenia oder Schweden geschieht. Kannst Du es, von Deinem Punkt aus? Läufst Du heute Deinen Widerspruchs-Amok?

    Zitat

    dem Mediennutzer dürfte dies aus den Fernsehnachrichten bekannt sein, dass da nur ein Hintergrundbild eingeblendet wird, um da ein Restchen von Authentizität bzw. der Illusion, näher am Geschehen zu sein, zu vermitteln.

    Genau. Alles nicht wahr, was übertragen wird. Sind alles nur Hintergrundbildchen. Bei uns liegt gar kein Schnee.

  • […] Genau. Alles nicht wahr, was übertragen wird. Sind alles nur Hintergrundbildchen. Bei uns liegt gar kein Schnee.

    Die Unsitte der Symbolbilder hat in der Tat überhand genommen. Ihre Signalwirkung ist die, dabei gewesen zu sein - und Nachrichten ein Gesicht beizufügen. Und was Claas Relotius betrifft, da ist es wirklich ziemlich gleichgültig, ob er nun jeden Ort besucht hat, den und dessen Bewohner er für die treuen SPIEGEL-Leser portraitiert hat… dass dies vor Ort dann wahrgenommen und eine Gegendarstellung veröffentlicht wurde, konnte er ja nicht ahnen. Das Amerika-Bild der deutschen Leserschaft durfte Herr R. doch in keiner Weise beflecken. Irgendwie erinnert die Relotius-Affäre an genau das Klima, in dem der strafversetzte Postbeamte in "Willkommen bei den Sch'tis" bei seinen Familienheimfahrten seinen alten Freunden und Verwandten berichten muss, wie es sich in der ungewohnten Umgebung lebt…

  • Der (tiefe) Fall Claas Relotius beschäftigt die Berufskollegen des preisgekrönten Blenders doch recht heftig. Beim Tagesspiegel sieht man die ganze Gattung der Reportage in Gefahr, bei der ZEIT wird die auch hier in diesem Thread mehrfach erwähnte 60-köpfige Spiegel-Dokumentationstruppe genannt, die im Fall Relotius irgendwie unwirksam geblieben ist…

  • Und stimmen sie Dir zu bei Deiner Meinung?

    Zitat von I´m a Substitute

    Relotius hat geliefert, wonach Chefredaktion und Spiegel-Leser verlangt haben - er hat dies bewusst getan, genau, wie der "mündige Bürger" sich allzu leichtgläubig darauf verlassen hat, dass schon stimme, was da geschrieben steht -

  • Relotius hat geliefert, wonach Chefredaktion und Spiegel-Leser verlangt haben […]

    Und, wie sich zeigt, ist auch James Kirchick zur exakt selben Erkenntnis gelangt; den Startschuss zu dieser Erwartungshaltung der SPIEGEL-Redaktion und der verbliebenen Leserschaft vermutet er allerdings im medialen Nachspiel der Snowdon-Enthüllungen - als hätte es nicht zuvor schon einen ausgeprägten Antiamerikanismus und eine allzu stark ausgeprägte Vorurteilsanfälligkeit in der deutschen Bevölkerung gegeben; und zwar sowohl rechts als auch links von der Mitte - und die bürgerliche Mitte selbst ist ja auch keineswegs vorurteilsfrei.
    Witzigerweise greift die FAZ den Fall Relotius und dessen journalistische Aufarbeitung auf, um mal zu fragen, wie es denn um die Parallelen zwischen dem Bild, das Claas Relotius von Fergus Falls gezeichnet hat, und dem, das in der deutschen Medienlandschaft der öffentlichen Meinung hinsichtlich Sachsens vorgegeben wird, bestellt ist…

  • Und, wie sich zeigt, ist auch James Kirchick zur exakt selben Erkenntnis gelangt; den Startschuss zu dieser Erwartungshaltung der SPIEGEL-Redaktion und der verbliebenen Leserschaft vermutet er allerdings im medialen Nachspiel der Snowdon-Enthüllungen - als hätte es nicht zuvor schon einen ausgeprägten Antiamerikanismus und eine allzu stark ausgeprägte Vorurteilsanfälligkeit in der deutschen Bevölkerung gegeben; und zwar sowohl rechts als auch links von der Mitte - und die bürgerliche Mitte selbst ist ja auch keineswegs vorurteilsfrei.


    Bitte was ? Wo gabe es denn hier einen ausgeprägten Antiamerikanismus in der Mitte der deutschen Gesellschaft, sagen wir mal vor 5 bis 10 Jahren ? C'mon.


    Au contraire, nach den bitteren Mission Accomplished Jahren (!!) gab es in Yes we can einen Pop Messias der quer von Links, den Spezialdemokraten bis hin zum konservativen Flügel gejazzt wurde bis zum geht nicht mehr. Nur langsam entblätterte er sich als das was er war. Ein Potus der ureigene Interessen verfolgte. Die seines Landes. Er hatte nur ein viel gewinnenderes Lächeln als das seiner Vorgänger oder Nachfolger.


    Und irgendwie scheint bei diesem Thema immer so eine Art des wohligen Schleier des Vergessens verbreitet zu werden - was wiederum eigentlich logisch ist. Hat man nämlich mit der konservativen Mitte und/oder beinharten Freunden der transatlantischen Brücke mal das Thema dt. Souveränität angesprochen, was erntete man dann ? Eben, man war entweder Kommunist oder
    rechter Demokratiefeind, denn nichts war so wichtig war das politisch rektale Vordringen bei unseren amerikanischen Freunden - obwohl diese Heuchelelei ja nun eindeutig bei den 2+4 Verträgen aufflog.


    Ergo sehe ich da eher eine FAZige Entäuschung über das endgültige Zerbröseln diese Lebenslüge einer ehemals zementierten DAF.



    Witzigerweise greift die FAZ den Fall Relotius und dessen journalistische Aufarbeitung auf, um mal zu fragen, wie es denn um die Parallelen zwischen dem Bild, das Claas Relotius von Fergus Falls gezeichnet hat, und dem, das in der deutschen Medienlandschaft der öffentlichen Meinung hinsichtlich Sachsens vorgegeben wird, bestellt ist…


    Sorry, das klingt nun wirklich billig...genauso könnte ich jetzt anfangen eine Verteidigungsvolte für AM vorzubringen was Ihr bis dato auch seitens der Medienlandschaft so alles unterstellt oder vorgeworfen wurde.