Die Mentalität des Vergessens, der Umgang mit der Geschichte und der Wandel von Freizeit- und Konsumgewohnheiten

  • Eigentlich hatte ich vor, einen würdigen Nachfolgethread zum "Videotheken sterben … was als nächstes?"-Themenstrang zu eröffnen, aber das steht schließlich nicht in lediglich wirtschaftlichem Bezug. Der Niedergang einer kompletten - und zeitweilig doch sehr erfolgreichen - Branche weist einen weit größeren sozialen Zusammenhang auf.

  • Man nennt es auch Marktwirtschaft. Danach war diese Branche im Sinne der Fähigkeit, für angemessen gehaltene Gewinne innerhalb eines für angemessen gehaltenen Zeitraums abzuwerfen, nicht erfolgreich.


    Marktwirtschaft hält sich nicht mit der Glorifizierung vergangener goldener Zeiten auf.

  • Ich zum Beispiel habe gar keine Möglichkeit eine Videothek zu nutzen, da es keine mehr im Stadtteil gibt und ich von berufswegen genug günstige und vielfältige Filminhalte zur Verfügung habe.


    Das, was mich am meisten stört, ist das Verschwinden der typischen Eckkneipe im Ruhrgebiet, wo man abends sein Feierabendbier getrunken hat; stattdessen geht man jetzt alle 14 Tage in ein Restaurant, bevorzugt Steakhouse und Kroate.

    Das wird man doch wohl noch Fragen dürfen!!


    Uneingeschränkte Solidarität für Israel - gegen Antisemitismus und Antizionismus.



    So geht Internet heute

  • Das, was mich am meisten stört, ist das Verschwinden der typischen Eckkneipe im Ruhrgebiet, wo man abends sein Feierabendbier getrunken hat; stattdessen geht man jetzt alle 14 Tage in ein Restaurant, bevorzugt Steakhouse und Kroate.

    NIcht nur im Ruhrgebiet, sondern in Ganzdeutschland hat seit dem Rauchverbot das große Sterben der Eck- und sonstigen Kneipen eingesetzt, was sich sogar auf viele Gastronomiebetriebe ausgedehnt hat.


    Zudem haben viele Leute nicht mehr so viel Geld, wenn sie in Rente sind. Weiterhin sind schon viele ältere Kneipengänger verstorben.

    Einmal editiert, zuletzt von Kojo no Tsuki () aus folgendem Grund: Bin noch dabei, mich zu orientieren ...;)

  • […] was mich am meisten stört, ist das Verschwinden der typischen Eckkneipe […]

    Richtig - auch die typische Quartierskneipe stirbt so langsam aus, und die aus dem Boden sprießenden Coffeebars, Lounges, Shisha- und Cocktailbars in den Szenevierteln von Ballungsgebieten sind kein Ersatz, weil sie ein völlig anderes Publikum anziehen.

  • […] Zudem haben viele Leute nicht mehr so viel Geld, wenn sie in Rente sind. Weiterhin sind schon viele ältere Kneipengänger verstorben.

    Der demographische Wandel mag ebenfalls zum Kneipensterben beitragen - der Wandel der Arbeitswelt ist jedoch ebenfalls nicht zu unterschätzen. Das after-office-beer, ein zwangloses Beisammensein mit aufgeklappten Laptops verlangt offenbar ein anderes Ambiente, als eine typische Arbeiterkneipe es bietet.

  • Eigentlich hatte ich vor, einen würdigen Nachfolgethread zum "Videotheken sterben … was als nächstes?"-Themenstrang zu eröffnen, aber das steht schließlich nicht in lediglich wirtschaftlichem Bezug. Der Niedergang einer kompletten - und zeitweilig doch sehr erfolgreichen - Branche weist einen weit größeren sozialen Zusammenhang auf.

    Kurz und knapp hätte die Headline auch heißen können: Tempora mutantur et nos mutamur in illis.

    Oder schlag nach bei Goethe ;-) ...Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.


    In einer Sendung zeigen Promis ihren Kindern diverse tolle Erzeugnisse aus ihrer (Jugend)Zeit und die Kinder entscheiden dann, ob der jeweilige Artikel ein Comeback erleben sollte/könnte.


    Und bezogen auf die "kleine Kneipe", die es in alter Form nicht mehr gibt - da haben viele Menschen quasi "ein Stück Heimat" verloren.

  • Der demographische Wandel mag ebenfalls zum Kneipensterben beitragen - der Wandel der Arbeitswelt ist jedoch ebenfalls nicht zu unterschätzen. Das after-office-beer, ein zwangloses Beisammensein mit aufgeklappten Laptops verlangt offenbar ein anderes Ambiente, als eine typische Arbeiterkneipe es bietet.

    In unserem Ortsteil gab es noch in den 50ern fast 60 Kneipen und das Sterben dieser Orte hat lange vor dem Rauchverbot, dem Wandel in der Arbeitswelt oder gar dem demographischen Wandel begonnen. Meistens recht klein, verräuchert und rustikal mit stark eingeschränktem Angebot waren das für die männliche Bevölkerung Treffpunkte um den Tag ausklingen zu lassen und nicht so lange von Frau und Bälgern genervt zu werden, bevor man(n) kurz an der Matratze horchte um dann wieder einen Tag in der oft körperlich anstrengenden Tretmühle zu verbringen. So eine kleine Flucht aus dem Alltag. In den Fünfzigern hatte die Verbreitung des Fernsehers erst richtig begonnen und es hatten noch recht wenige ein eigenes Auto. Auch ein Telefon-Festnetzanschluss war in vielen Haushalten noch nicht angekommen. Die Kneipenszene und die männlichen Gewohnheiten und deren Arbeitsalltag entsprach von daher auch noch eher den Jahrzehnten davor. Die typische "Kneipe" (eine Gastwirtschaft ist eine andere Kategorie) mit ein paar wenigen engen Tischen, dem Tresen und dem mürrischen Wirt dahinter, dürfte inzwischen äußerst selten sein, weil das Klientel dafür einfach weg ist und das begann schon Anfang der Sechziger. Ich kenne diese Kneipen zwar noch, aber besonders bedauerlich finde ich deren Fehlen auch wieder nicht. Die Kneipen-Zeiten sind vergangen. :biertrinken:

  • Richtig - auch die typische Quartierskneipe stirbt so langsam aus, und die aus dem Boden sprießenden Coffeebars, Lounges, Shisha- und Cocktailbars in den Szenevierteln von Ballungsgebieten sind kein Ersatz, weil sie ein völlig anderes Publikum anziehen.

    Wenn es das "andere" Publikum noch geben würde, wäre sie ja doch noch da, die berühmt berüchtigte Eckkneipe. Das ganze hat doch nicht nur marktwirtschaftliche Verdrängungsaspekte. Sehe ich doch in dem Stadtteil in dem ich mometan lebe, ehemals reines Arbeiterviertel. Aber dieses Publikum stibt aus, die Präferenzen. die Lebensgewohnheiten sind andere geworden, kann man mögen oder auch nicht. Einstiges Hauptgeschäft, die rotnasigen und qualmenden Barflys die stundenlang dort abhängen gibt es kaum noch.

    Und generell gibt es doch auch keinen gefühlten Aufwärtstrends mehr bei Coktailbars, Lounges etc. Au contaire, Abfüllung bei Flaschenbier möglichst billig aus dem 24 Stunden Kiosk ist anscheinend die Devise, oder warum sonst rumort es beim Gastgewerbe auf dem Kiez gerade ganz kräftig ?

  • Kleine Kneipen mit Niveau haben auch heute ihr Publikum. Nach einer verräucherten Spelunke, nach deren Besuch man es mit jedem Stinktier aufnehmen kann und wo die Sachen danach einer Reinigung bedürfen, sehnt sich wohl kaum noch jemand.

  • Das Aussterben der Eckkneipe hat viele Gründe. Früher saß man dort zusammen und ratschte, weil man sonst keine andere Beschäftigung hatte.

    Heute gibt es viele Möglichkeiten, nach Feierabend den Tag sinnvoll/sinnlos auszugestalten.

    Auch ist das Familienbild anders als früher, wo es normal war, wenn der Mann nach dem Abendbrot wegging - jetzt verbringt der Mann doch glatt seine Zeit mit den Kindern.


    Muss jeder selbst wissen, ob es besser oder schlechter ist.

    Laut einer Studie ist einer vom fünf AfD-Wählern genau so dumm wie die anderen Vier

  • […] In einer Sendung zeigen Promis ihren Kindern diverse tolle Erzeugnisse aus ihrer (Jugend)Zeit und die Kinder entscheiden dann, ob der jeweilige Artikel ein Comeback erleben sollte/könnte. […]

    Um so schlimmer, als es des Fernsehens und darin auftretender Prominenter bedarf, um dem gemeinen Volk "vorzuleben", was aus dessen Alltag und somit aus dessen Bewusstsein wegzudämmern droht oder bereits verschwunden ist.

    Die Groteske des gegenwärtigen Nannyism offenbart sich in manchen Kurzmeldungen, wie beispielsweise der eines freiwilligen Vorstoßes der Bierbrauer, die künftig - bevor sie gesetzlich dazu verpflichtet sein werden - auf den Flaschenetiketten über den Nährwert ihrer Produkte informieren wollen; das Einzige, was sie damit bewirken, ist, dass der Gesetzgeber somit den nächsten Schritt einleiten wird, also einen verpflichtenden Warnhinweis und die sukzessive Ersetzung der zur Verfügung stehenden Fläche für's Firmenlogo durch Schockbilder, die dem Verbraucher die Folgen des Getränkekonsums veranschaulichen sollen…

  • […] das Sterben dieser Orte hat lange vor dem Rauchverbot, dem Wandel in der Arbeitswelt oder gar dem demographischen Wandel begonnen. […]

    Du vergisst, dass der Rückgang der Kneipenzahl durchaus mit gesellschaftlichem Wandel einherging - schon in den 60er/70er Jahren - damals setzten bereits Umwälzungen (Betriebsschlie0ungen, Arbeitszeitverkürzung, Generationenkonflikt und schließlich die Ölkrise) ein.

    Schon damals verlor die Kneipe ihre ursprüngliche Funktion als ausgelagertes Wohnzimmer des Arbeiters (Friedrich Engels hat die Bedeutung des Pubs für britische Industriearbeiter sehr detailliert beschrieben) - und der wachsende Wohlstand der privaten Haushalte im Wirtschaftswunder) und die sozialen Fortschritte der Ära der sozialliberalen Koalition von 1969 bis 1982 milderten die arbeitnehmerseitige Bereitschaft zum Klassenkampf stark ab; somit entpolitisierte sich das Kneipenleben der Gäste, die sich dort bald zum Skatspiel oder zur "Nachbesprechung" des gemeinsam gesehenen Heimspiel ihres ortsansässigen Vereins oder der im Rundfunk verfolgten Bundesligaspiele getroffen haben.

  • ...somit entpolitisierte sich das Kneipenleben der Gäste, die sich dort bald zum Skatspiel oder zur "Nachbesprechung" des gemeinsam gesehenen Heimspiel ihres ortsansässigen Vereins oder der im Rundfunk verfolgten Bundesligaspiele getroffen haben.

    Sorry, ich weiß momentan nicht was Du da gerade idealisierst. Selbst viele der härtesten, klassenkämpferischen Werftarbeiter hatten nach Ertönen der Betriebsdampfpfeife nur eins im Kopp. Saufen. Dafür haben viele von den Brüdern, speziell am Freitag - Lohntüte - selbst KM lange Umwege zu Fuß über die Elbbrücken in Kauf genommen weil Elli an den Landungsbrücken ( mit unzähligen Ihrer Leidensgenossinnen ) die Fähren mit ihren Saufehemännern abgepasst haben.

    Im Pott haben die Muttis ebenso vor den Zechen auf Ihre Pappenheimer gewartet.


    Nix mit Klassenkampf. Nur ganz wenige Kneipen, wie der Silbersack oder die Kneipe von den Eltern von Jan Fedder unten am Baumwall haben den Schommies erst Ihre Geldbörsen abgenommen um so zu verhindern das Sie Ihren gesamten Wochenlohn an einem Abend in Alk umtauschen.

  • Es gibt immer noch "Kneipen", allerdings haben die meisten den Küchenkittel an, d. h. man kann da auch richtig essen und viele tun es auch wegen des andernstrangs beweinten Unwillens der Leut, abends noch zu kochen.


    Ich kenn eine in München, zu der wir eigens regelmäßig hinfahren. Da ist jede Altersgruppe, JEDE, viele Stammtische (obwohl sich dort meist ältere Semester einfinden), man MUSS nicht essen, aber trinken, man kann Freunde treffen, sich da verabreden, es ist immer voll, mmer laut, immer lustig. Wer im bayerischen Süden wohnt, kann ja mal reinschauen, es ist das "Rolandseck".


    OT: Ich kann keine Likes geben, drück ich auf die Symbol-Hand, passiert nix.

    Plötzlich, gerade jetzt, während des Schreibens, ist das ganze Bild, einschl. der Schrift, viel kleiner geworden. Im Prinzip gut, aber sooo klein? Kann man selbst dran drehen? Aber insgesamt: :danke:

  • Es gibt immer noch "Kneipen"[…]

    Richtig - aber es sind wohl weniger geworden… und genau darum geht's in diesem Thread. Auch eine Passantenbefragung bestätigt, dass die Attraktivität von Innenstädten irgendwie nachlässt… das wird sich wohl kaum bessern lassen, wenn die Innenstädte manchenorts zur Wohnlage umgewidmet wird.


    Im Übrigen ist das von Dir hier so siegessicher erwähnte "Rolandseck" Geschichte - in den Räumlichkeiten befindet sich jetzt ein Steakhaus mit dem seltsamen Namen "Kapitales vom Rind".

  • Übrigens und nur nebenbei bemerkt, diese Art des Bejammerns von liebbgewonnen und vertrauen Einrichtungen wird jeder wirkliche und wahrhaftige Marxist als kleinbürgerliche Gefühlsduselei auf das Schärfste verurteilen.

    Das wird man doch wohl noch Fragen dürfen!!


    Uneingeschränkte Solidarität für Israel - gegen Antisemitismus und Antizionismus.



    So geht Internet heute

  • Übrigens und nur nebenbei bemerkt, diese Art des Bejammerns von liebbgewonnen und vertrauen Einrichtungen wird jeder wirkliche und wahrhaftige Marxist als kleinbürgerliche Gefühlsduselei auf das Schärfste verurteilen.

    8)... und dabei sind es doch die wahrhaften Marxisten die am allermeisten die verlorenen aber einst liebgewonnenen "Einrichtungen" hinter hertrauern...

    zum Thema Klassenkampf und so....