Die Mentalität des Vergessens, der Umgang mit der Geschichte und der Wandel von Freizeit- und Konsumgewohnheiten

  • Naja, die ersten Schreibmaschinen mit Korrekturfunktion kamen gegen Ende der 60er Jahre von IBM - da war vom Internet noch nix zu sehen.

    Religion wird von den einfachen Leuten als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschern als nützlich angesehen.

    Lucius Annaeus Seneca

  • Auch bei einer neuen Schreibmaschine hätte man den Text vor Ausdrucken oder Versenden nicht korrigieren können. […]

    Man merkt, dass Dir auch die Technik der Schreibmaschinen unbekannt ist… im Vor-PC-Zeitalter gab es bereits die unterschiedlichsten "Schreibautomaten" mit Speicher- und Korrekturmöglichkeiten. Und spätestens als die Carbonfarbbandcassetten aufkamen, die mit einem Handgriff zu wechseln waren, setzten sich auch Korrekturbänder durch, bei denen, im Gegensatz zu Tipp-Ex, nicht der Tippfehler weiß übertüncht wurde, sondern wie von Zauberhand vom Schreibpapier wieder abgehoben wurde. um Platz für das richtige Schriftzeichen zu machen…

  • Nur war das ganze spätestens ab dem Moment gegessen, wenn man den Tippfehler erst feststellte, wenn man das Blatt aus der Maschine gezogen hatte. Heute kann ich selbst Texte, die ich vor Jahren geschrieben habe, noch korrigieren, als Vorlage für einen inhaltlich ähnlichen benutzen oder Teile daraus zum Abfassen eines neuen Schriftstückes kopieren und einfügen.

    Nur noch hartgesottene Masochisten setzen sich heute noch an eine Schreibmaschine. Es gibt einzelne Schriftsteller und Journalisten, die davon nicht lassen können, aber die machen halt ihrem Verlag/Herausgeber ein wenig mehr Arbeit, wenn der Text zusätzlich digitalisiert werden muss.

    Religion wird von den einfachen Leuten als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschern als nützlich angesehen.

    Lucius Annaeus Seneca

  • Brand eins erinnert an sechs Dinge, die unverdient aus unserem Alltag verschwunden sind.

    alte Karten mit Bahnlinien, die es teils schon lange nicht mehr gibt,

    sind der Hit und zumindest digital abrufbar.


    https://www.landkartenarchiv.d…hland_eisenbahnkarten.php


    Das waren noch Zeiten, als nach Zollenspieker noch 3 Bahnlinien verkehrten....


    https://www.landkartenarchiv.d…s_300K_Bl_13_HAMBURG_1937


    Nur die Kehdinger Kreisbahn ....


    cache_2470581094.jpg


    http://www.ag-osteland.de/s/cc_images/cache_2470581093.jpg


    ....ist in folgender tollen Karte von 1945 leider nicht mehr eingezeichnet.


    https://www.landkartenarchiv.d…s_300K_Bl_13_HAMBURG_1937


    Da muss wiki aushelfen:


    Map_elbe_mouth_1910.jpg


    https://upload.wikimedia.org/w…1/Map_elbe_mouth_1910.jpg


    Es wird Zeit, dass ich Verkehrsminister werde....

  • Es ist das Kennzeichen unserer Zeit, gewissermaßen einen Schlussstrich unter jegliches historische Bewusstsein zu ziehen - aber weniger der "technische Fortschritt" noch der eher auf Fahrlässigkeit beruhende Umgang mit Traditionen, Bausubstanz und sonstigem Erbe vorväterlicher Generationen stellt den Kern des Problems dar, sondern jeglicher Mangel an bzw. die rabiate Lossagung von allen Werten - und der Erziehung. Insofern ist eine NZZ-Reflexion über das Missvergnügen des Bahnreisens fast schon eine paradigmatische Quintessenz dieser allgemeinen Tagödie des Zwischenmenschlichen.

  • [Im] Nachfolgethread zum "Videotheken sterben … was als nächstes?"-Themenstrang […]

    […] ist es an der Zeit, darauf hinzuweisen, dass der der sich abzeichnende Fachkräftemangel längst nicht nur die MINT-Fächer und den HiTech- und Zukunftstechnologiebereich betrifft, sondern längst im ganz traditionellen Handwerk Spuren hinterlässt - dessen Betriebsschließungen sich im Alltag weit stärker auswirken.

  • […] Es stellt sich die Frage nach der Definition von "Werten".

    In der Tat. Das Sterben inhabergeführter Einzelhandelsgeschäfte und der Niedergang des doch etwa ein Jahrhundert lang florierenden Kaufhauses wird zumeist ja überwiegend dem Onlinehandel angelastet - aber wie man liest, scheinen doch Outletcenter den konventionell einkaufenden Mitbürger anzuziehen.

  • Es ist das Kennzeichen unserer Zeit, gewissermaßen einen Schlussstrich unter jegliches historische Bewusstsein zu ziehen - aber ...

    ..das ist nicht unbedingt ein Zeichen unserer Zeit. Wer sich diese grausame Doku über Stadtplanung in der Nachkriegszeit auf...


    https://programm.ard.de/TV/Pro…r=0&sender=28725&archiv=1


    ...Phönix History ( unsere Städte nach 45', Teil 1+2) sich angetan hat ist aus dem gruseln nicht mehr raus gekommen.


    Es unterstützt die These das in den 50er/60er Jahren bewusst stilprägende Bauten auf den Laster gekommen sind um teils absurde Pläne der damaligen hippen Stadtarchitekten umzusetzten. Zwar war denen ganz explizit die Gründerzeit ein Dorn im Auge, aber auch Fachwerk, Kirchen und teils Klöster aus der Gothik ( wie in Bremen ) sind radikal abgerissen worden um innerstädtisch Luft und Raum für Ihre Verkehrsplanung und Neubebauung zu schaffen.


    Die wiederum, interessanterweise schon Ende der 60er Jahre wieder obsolet waren. Also auch klar dokumentiert das nicht wie oft später beschönigend/entschuldigend gelogen wurde das der 2 Weltkrieg diese hässlichen und teils sogar menschenverachtenen Schneisen gezogen hat, nein es waren besagte Archtekten, teils in der Naziära geschult und geprägt und die sich dann in der nach Hitler/Speer Ära so richtig ausleben durften.


    Die aufgezeichneten Begründungen in Schwarz-weiß sind aus heutiger Sicht ( aber auch wohl schon damals ) an einer unsäglichen Arroganz gegenüber den Bewohnern nicht zu übertreffen.


    Es sind so absurde Beispiele gezeigt worden wie die komplette Zerstörung von Baustrukturen aus dem Spätmittelalter oder dem 18 Jahrhundert wie im Ruhrgebiet wo ganze Innenstadbereiche eingeebnet wurden. Oder wie gesagt Bremen, Hamburg, Berlin oder auch Städte wie Ulm etc..


    Ein recht zufriedener Graf von und zu Wied wird interviewt wie er im Hintergrund sein Stadtschloss mit Hilfe der freiwilligen Feuerwehr kontrolliert abbrennen lässt um darauf Platz für einen Parkplatz zu schaffen.


    Das ganze ist so furchtbar anzuschauen das man eigentlich viele dieser Protagonisten ausgraben und sie an den Monstrositäten die Sie geschaffen haben zur Schau stellen möchte.


    Nur ein wenig Balsam auf diese Wunden waren ganz ganz wenige Einzelfälle wo im Anfang der 1960er Jahre historische Gebäude "bürgerlich" besetzt wurden um Sie vor der Spitzhacke zu bewahren.

  • Die von Dir erwähnte Phönix-Doku, in der […]

    […] die These[,] das[s] in den 50er/60er Jahren bewusst stilprägende Bauten auf den Laster gekommen sind um teils absurde Pläne der damaligen hippen Stadtarchitekten umzusetzen, […]

    […] vertreten wird, verkennt, dass es gute Gründe gar, die Städte weiträumiger wieder aufzubauen, wo sie größtenteils sowieso zerstört waren - erstens hatten Wohnungsbau und Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit bzw. des zivilen Lebens Vorrang (mit entsprechend einem die Lebenszufriedenheit stimulierenden Wohlstand), zweitens wurde so kurz nach dem Krieg vieles von dem, was an die Vergangenheit erinnerte, als historische Altlast empfunden, drittens boten die breiten Schneisen/Verkehrstrassen eine Veranschaulichung neuer und ungewohnter Großzügigkeit.

    im Gegenteil wird das aktuelle Dogma der "Nachverdichtung" in ein paar Jahren sicher auch wieder als zeittypische Fehlentwicklung betrachtet werden. Die Nachkriegsmoderne, die Versachlichung des bisweilen übereilten Wiederaufbaus, hat jene Sättigung, die die später einsetzende "Protestkultur", die jetzt nachträglich dem beengenden und kleinteiligen "Altstadtcharme" verlorengegangener Vorkriegsarchitektur nachtrauert, erst ermöglicht.

  • Die von Dir erwähnte Phönix-Doku, in der […]

    […] vertreten wird, verkennt, dass es gute Gründe gar, die Städte weiträumiger wieder aufzubauen, wo sie größtenteils sowieso zerstört waren - erstens hatten Wohnungsbau und Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit bzw. des zivilen Lebens Vorrang (mit entsprechend einem die Lebenszufriedenheit stimulierenden Wohlstand), zweitens wurde so kurz nach dem Krieg vieles von dem, was an die Vergangenheit erinnerte, als historische Altlast empfunden, drittens boten die breiten Schneisen/Verkehrstrassen eine Veranschaulichung neuer und ungewohnter Großzügigkeit.

    Genau diese Gedankengänge sind in der Doku ja sehr anschaulich und fundiert wiederlegt worden.


    Von der schon selbstherrlich und Bauwillenstechnisch faschistoid geprägten Architektenschar gar nicht erst gesprochen.


    Und völlig ab von den anderen Tatsachen wie über die Menschen hinweg und bar jeden Kulturverstands dieser angeblichen Kulturnation diese Bebauung durchgedrückt wurde...


    Es wurden ja nicht nur die Bausünden aufgezeigt, sondern die ( auch schon damals durchaus bekannten ) architektonischen Kardinalsfehler die Städtebaulich begangen wurden.


    Ausserdem wurde dort auch reinster Schwachsinn dokumentiert, wie eben z.B. den Komplettabriss des (Gründerzeit) Rathausses in Essen weil sich die dortigen Stadtkämmerer ein "modernes" Rathaus wünschten. Das Problem war nur das bei oder kurz nach dem Abriss festgestellt wurde das man ja noch gar neues Rathaus geplant hatte !

    Also gabe es die tolle Notlösung ( bis heute ) sämtliche obdachlosen Behörden auf die gesamte Stadt zu verteilen.

    Auf das ehem. Rathausgelände kam dann ein Hertiegebäude was nach nichtmal 20 Jahren auch abgerissen wurde.


    Oder in Bremen wo man die alten Klostergebäude abriss um es mit einem Parkhaus zu ersetzen. Eine versteckte, alte Backsteinwand wurde zur Anschauung stehen gelassen. Und, und....

  • @Substi: Von "größtenteils sowieso zerstört" kann gar keine Rede sein, es wurde auch in großem Stil abgerissen, was eine Zeitlang als "vergruftet" galt. Das war übrigens auch in London so, der Thronfolger hat einmal bemerkt, dass die Nachkriegsarchitektur größere Wunden im Stadtbild verursacht hat als die Luftwaffe.

    Ich staune immer -. und hab es bei Dir schön öfter bemerkt - dass Du, der altem Schriftwerk so zugetan ist, von alter Architektur nichts hältst und sogar die 50er und 60e-Jahre-Bauten als Kulturgut anzuerkennen bereit bist. Mir scheint das ein Mangel an eigenständigem Urteil zu sein.

  • Wie es scheint, fällt die stark ideologisch gefärbte Intention der Filmerinnen bei Dir auf sehr fruchtbaren Boden:

    […] Von der schon selbstherrlich und Bauwillenstechnisch faschistoid geprägten Architektenschar […]

    Weswegen wohl lagen die bereits existierenden Pläne für eine lichtdurchflutete und aufgelockerte Erneuerung der Städte während der Nazizeit in den Schubladen?! Erdacht worden waren diese Bauprinzipien bereits in der Ära des Jugendstils, erste Versuche, sie zu realisieren, fanden in der Weimarer Republik statt, wo die nicht realisierten Pläne konkrete Formen annahmen, weil sie sich dort, wo ihre Realisierung bereits stattgefunden hatte (etwa in Gusav Oelsners Tätigkeit als Stadtbaudirektor in Altona) bewährt hatten - in der NS-Zeit wurde ja der Heimatstil bevorzugt, wo nicht Aufmarschplätze und Monumentalarchitektur vorgesehen waren…


    Die hauptsächliche Funktion einer Stadt besteht darin, ihren Einwohnern nützlich zu sein, ihnen Bequemlichkeit zu bieten, was eine vielfältige Infrastruktur erfordert - die aktuell bevorzugte "Entschleunigung" mit Fahrbahnverschwenkungen, die "Belebung" von Freiflächen mit Pollern oder Bügeln, an die dann clusterartig zahlreiche Fahrräder angekettet werden, von denen wiederum die brauchbaren Kleinteile in Selbstbedienung abgeschraubt werden, so dass irgendwann nur nch der Rahmen dort am Bügelschloss hängt, und deswegen von seinem rechtlichen Eigentümer dort stehengelassen wird, verbessert den Wohnwert der Städte jedenfalls nicht.

  • […] Mir scheint das ein Mangel an eigenständigem Urteil zu sein.

    Aha. Die Meinung des britischen Thronfolgers kritiklos zu teilen, wäre dagegen die Bildung eines eigenständiges Urteils… Prince Charles irrt übrigens, wenn er die Nachkriegsarchitektur pauschal ablehnt - erstens hat auch diese bislang kaum ein Menschenalter umfassende Ära recht unterschiedliche Baustile hervorgebracht, und zweitens sind die jüngsten Erzeugnisse und "kreativen Leistungen", auch zahlreiche der preisgekrönten, in weitaus stärkerer Weise stadtbildschädigend.

  • W- die aktuell bevorzugte "Entschleunigung" mit Fahrbahnverschwenkungen, die "Belebung" von Freiflächen mit Pollern oder Bügeln, an die dann clusterartig zahlreiche Fahrräder angekettet werden, von denen wiederum die brauchbaren Kleinteile in Selbstbedienung abgeschraubt werden, so dass irgendwann nur nch der Rahmen dort am Bügelschloss hängt, und deswegen von seinem rechtlichen Eigentümer dort stehengelassen wird, verbessert den Wohnwert der Städte jedenfalls nicht.

    Eine doch wohl zugegebenermassen recht kleinliche Retoure angesichts der Abrissmentalität geschichtsträchtiger Bauten ( auch aufgrund des angenommen Wachstums des Strassenverkehrs ) wie in der Doku oder auch anderswo festgehalten....

  • Eine doch wohl zugegebenermassen recht kleinliche Retoure angesichts der Abrissmentalität geschichtsträchtiger Bauten ( auch aufgrund des angenommen Wachstums des Strassenverkehrs ) wie in der Doku oder auch anderswo festgehalten....

    Ich habe die Doku gesehen und kann dir und Argo nur Recht geben.

    Der damalige Leiter des Historischen Museums in Frankfurt hat Ende der 80er einen Bildband herausgegeben: "Frankfurt - ehemals, gestern und heute". Dort wurden Aufnahmen von verschiedenen Orten in Frankfurt aus der selben Perspektive nebeneinander gestellt, aus der Zeit vor dem Krieg, unmittelbar nach dem Krieg und aktuell , das ganze zurückhaltend kommentiert. Es war auffällig, wie viel alte Architektur ohne weiteres hätte gerettet werden können. Aber die Sozis wollten den "wilhelminischen Mief" aus der Stadt haben. Ergebnis waren Neubauten, die nicht nur architektonisch nichts hergaben, sondern vor allem ohne Rücksicht auf vorhandene Bausubstanz hingek(l)otzt wurden und offenbar nur der Selbstbefriedigung einiger Architekten dienten. Und dabei ging es vielfach gar nicht einmal um die "autogerechte" Stadt.