Die Mentalität des Vergessens, der Umgang mit der Geschichte und der Wandel von Freizeit- und Konsumgewohnheiten

  • Der "Beratungsdiebstahl" macht aktuell auch andernorts einem Elektrogerätehändler zu schaffen - er wehrt sich jetzt mit einem bei Kauf zu verrechnenden Entgelt für's Kundengespräch… wahrscheinlich wird der stationäre Einzelhandel in absehbarer Zeit ein Eintrittsgeld verlangen müssen, um von den "Kunden", die nur schauen, einen Teil der Ladenmiete und der Kosten für die Warenpräsenz erstattet zu bekommen…

    Aber das ist ja schon seit Anbeginn der Shoppingmöglichkeiten im www. so der Fall. Allerdings muss man dazu sagen das solche "Vollsortimenter" aber auch wieder dem Zeitgeist sind. Die Schrauben, Nägel, Schlüssel, Werkzeuge, Öle und Farben auf 100-150 qm haben halt ausgedient. Iss so.

    Die übrig gebiebenen "Spezialgeschäfte" deren Personal selbst bei den ungewöhnlichsten Wünschen ohne mit der Wimper zu zucken in die Untiefen des Lagers mit einem "Ich schau mal" schlurfen, die kann ich hier in HH als zweit grösste Stadt Deutschlands an einer Hand abzählen.

    Und die Baumärkte holen da in Sachen Kundenservice, Onlinehandel enorm auf, der ahnunglose Hiwi der dort zwischen den Regalen rumschleicht hat dort ebenso ausgedient.

    Ob ich jetzt dort die schicke Auswahl ( die Grossen verhökern ja meist Ihre Eigenmarken oder werfen charmant schnell langjährige und bewährte Fremdprodukte aus dem Sortiment ) geniese oder mich teils über die Preise wundere - Marktmacht/Alleinanbietermerkmale - das steht auf einem anderen Blatt.


    Wie gesagt, Bsp. Hamburg, jene die sich dort in der Richtung halten sitzen meist auf dem eigenen Grundstück, egal ob Buchhandel, Werkzeug oder anderes. Und natürlich hoffen das entweder Ihr Nachwuchs oder ein anderer das Geschäft mal übernimmt. Allerdings ist die Abfolge ja bekanntlich so das dann nach 2 Jahren max. diese Leute den Verlockungen des Betongoldes erliegen.

  • Die übrig gebiebenen "Spezialgeschäfte" deren Personal selbst bei den ungewöhnlichsten Wünschen ohne mit der Wimper zu zucken in die Untiefen des Lagers mit einem "Ich schau mal" schlurfen, die kann ich hier in HH als zweit grösste Stadt Deutschlands an einer Hand abzählen.

    Aber das sind die geilsten!Unser Eisen-Karl ist eine Institution.Ladenfläche oben und im Keller vielleicht 50-60qm (Lager?). Da bekomme ich jede Schraube, auch die, welche es gar nicht gibt^^. "Und ich kann, wenn ich denn möchte, einfach nur 2 Stück kaufen.

    Und man will es kaum glauben, es scheinen in diesem Laden bis zu 5 Angestellte rumzulaufen. Es kann aber scheinbar nur ein Laden überleben, bei einer Einwohnerzahl von ca. 170.000.

  • Aktuell geistert ja durch die Presse, dass TV-Publikums-Lieblingsphilosoph Richard David Precht dich für eine zusätzliche Besteuerung des Onlinehandels ausgesprochen hat - das Geld soll dann kommunalen Innenstadtbelebungsinitiativen zugutekommen - und der Onlinehandel würde gegenüber dem stationären Einzelhändler keinen Preisvorteil mehr aufrechterhalten (jedenfalls, bis der ortsansässige Krauter dank Mieterhöhungen, CO2-Steuer und was der lieben Politik sonst noch so einfällt doch wieder soweit belastet ist, dass er nicht mehr konkurrenzfähig kalkulieren kann)


    Interessanterweise hat ein Wirtschaftsredakteur namens Jochen G. Fuchs im digital pioneers T3N-Magazin aus subjektiver Sicht eine Reihe von "Gegenargumenten" geliefert - und hat dabei vergessen, darauf hinzuweisen, dass mancher Ladenbesitzer parallel auch einen kleinen Onlineshop betreibt… wenn er aber erzählt, wie sehr er große Kaufhäuser schätzen würde, um den Alltag fremder Länder anschauen zu können, versäumt er gleichzeitig, zu bedenken, dass eben dieser Alltag mit Schließung eines solchen Kaufhauses zumindest in Kleinstädten schon längst nicht mehr existiert… sein nächster Irrtum betrifft den Schwenk zur Frage: Warum Konsum Teil unserer Kultur bleiben müsste? Ja, warum eigentlich? - Das liegt wohl am Prinzip der Arbeitsteilung. Die Dinge des täglichen Bedarfs stellt sich Otto Normalbürger eben nicht mehr eigenhändig her, wie's noch der römische Legionär oftmals zu tun gezwungen war… wenn die einst doch mit zahllosen Anbietern vielfältigsten Waren belebten Städte heutzutage Leerstand an Leerstand reihen, dann hat sich in Sachen Konsum bereits einiges verändert… einigen Bevölkerungskreisen fehlt schlicht das Geld, um freudig zu konsumieren, anderen fehlt die Zeit - und der zunehmend wieder sesslos werdende Mensch wünscht, sich gar nicht mit den Dingen zu belasten, die das Wohnumfeld des sesshaften Menschen einst geschmückt haben… schon die Fassadengestaltung der gegenwärtigen Architektur kommt schmuckloser daher als der simpelste Plattenbau von vor 50-60 Jahren, ohne dessen Sachlichkeit und geometrische Ordnung zur Geltung zu bringen.

    Mit der Postmoderne sind die Städte ihres Heimstättencharakters verlustig gegangen. Schon deswegen ist auch das Flanieren nicht mehr gebräuchlich. Die Stadt ist nicht mehr der zu durchstreifende Raum, den es zu entdecken gilt, sondern lediglich die Kulisse einer zu überwindenden Distanz zwischen Wohnung und temporär aufzusuchenden Topoi, unter denen die Versorgung üblicherweise mit Hast erledigt wird (statt mit Genuss).

    In seiner Blütezeit nahm der Konsum eine besondere Stellung unter den menschlichen Tätigkeiten ein - der Einkauf bedeutete den Reiz der Anregung, anzuschauen, was alles mit dem angesparten oder verfügbaren Geld zu erwerben sei, eine kundige Wahl zu treffen, sich daran zu erfreuen - oder einer nahestehenden Person eine Freude zu bereiten… bereits in den 1930er Jahren reflektierte Theodor W. Adorno darüber, wie das Wohnen und die Fähigkeit des Schenkens so langsam aus dem bürgerlichen Leben entschwänden. Jetzt, etwa 80 Jahre später, ist selbst das Schaufenster ein trostloser Anblick…

  • Die an Einfallslosigkeit und Billigkeit nicht zu übertreffenden Fassaden der Plattenbauten der 60er und 70er Jahre mit

    Sachlichkeit und geometrische Ordnung

    zu beschreiben, ist ein klasse Euphemismus. In diesen Plattenbauten will kein Mensch wohnen, der sich etwas anderes leisten kann; genauso wenig will man in diesen - meist zu sozialen Brennpunkten degenerierten - Wohngegenden flanieren.

    Wenn erst schöne Architektur zum Flanieren einlädt, darf man sich nicht wundern, wenn es das in unseren Städten nicht mehr gibt, wo vieles platt gemacht wurde, was der Krieg noch verschont hatte, zugunsten der autogerechten Stadt. Tatsächlich aber haben sich viele Fußgängerzonen zu Flaniermeilen gemausert, der billigen Nachkriegsarchitektur der angrenzenden Geschäfte zum Trotz.

  • […] Wenn erst schöne Architektur zum Flanieren einlädt, darf man sich nicht wundern, wenn es das in unseren Städten nicht mehr gibt […]

    Die Schönheit traditioneller Architektur rührte von Stolz und Standesbewusstsein des Bürgertums her - indem die Priorität bei Neusbau sich vom Repräsentationsgedanken hin zur Kostensenkung verschob, wurden die Bauten sachlicher - mit der in den 80er Jahren einsetzenden Mischung aus Überdruss und Einfallslosigkeit wurden die baulichen Gestaltungsmittel betont unsachlicher - die Postmoderne zieht Rundungen dem rechten Winkel vor, lehnt Symmetrie ab und umbaut gern ungenutzten Raum… Architektur richtet sich somit nicht mehr generationenübergreifend aus, sondern lediglich auf ihren steuerrechtlichen Abschreibungszeitraum.


    Was zum Flanieren einlud, war die unerschöpfliche Warenvielfalt, die der ortsansässige Einzelhandel bereithielt - wenn Wirtschaftsredakteur Fuchs vom gesellschaftlichen Wandel spricht, der unsere Innenstädte verändert, dann sind gleichfalls endlosen, gesichtslosen Textilfilialen erwähntt, die als erbärmliches Überbleibsel von jener vergangenen Zeit künden, verkennt er die Tatsache, dass die Innenstädte eben nur noch eine kleine Teilmenge der Gesellschaft, nämlich die modebewusste und konsumfreudigere Jugend anlockt… Städte teilen sich also in Wohnquartiere, deren Nahversorger von Rentnern frequentiert wird, in Büroquartiere mit Schickimicki-Gastronomie und in Gewerbegebiete, wo als Versorgungsstätte bestenfalls der von Bicyclerepairman erwähnte Kalli-Imbiss von den dort Werktätigen und Lkw-Fahrern frequentiert wird…

  • Architektur richtet sich somit nicht mehr generationenübergreifend aus, sondern lediglich auf ihren steuerrechtlichen Abschreibungszeitraum.

    ??? Was haben Rundungen, Asymmetrie und ungenutzter umbauter Raum mit steuerlicher Absetzbarkeit zu tun?

    Bei der Postmoderne mag es die eine oder andere Übertreibung geben, aber man erkennt in der Architektur wieder häufiger den Reiz der Ästhetik.

    Ich vermisse bei dir allerdings einen Hinweis auf Schülerstreik und Klimanotstand. Du lässt nach.

    Städte teilen sich also in Wohnquartiere, deren Nahversorger von Rentnern frequentiert wird, in Büroquartiere mit Schickimicki-Gastronomie und in Gewerbegebiete, wo als Versorgungsstätte bestenfalls der von Bicyclerepairman erwähnte Kalli-Imbiss von den dort Werktätigen und Lkw-Fahrern frequentiert wird…

    Und wo kauft der Rest seinen Tagesbedarf ein?

  • […] Bei der Postmoderne […] erkennt [man[ in der Architektur wieder häufiger den Reiz der Ästhetik. […]

    Aha. Welche Ästhetik denn? Die der (in beiden Bedeutungen des Wortes) verspielten Formgebung? Die steuerlichen Abschreibungsfristen spiegeln sich der postmodernen Architektur z.B. darin, dass man nach dem ersten Selfie vor deren Kulisse einen andersartigen Bildhintergrund sucht - man sieht sich fastfoodgleich recht schnell satt am Einerlei des Schiefen und Gewölbten, das keinem Zweck folgt und auch die Vektoren der statischen Lastverteilung nicht mehr nachzeichnet…

  • Ja, auch die Grindelhochhäuser sind Teil der Geschichte Hamburgs, und die Bauten auch ihrer Entstehungszeit verkörperten noch einen ehrlichen Bruch mit den tradierten Bauformen und der düsteren Beengtheit des vorkriegstypischen Gassen- und Gängegewirrs. Die einzelnen Gebäuderiegel stehen weit genug auseinander, dass in die Fenster selbst der zuunterst gelegenen Etagen Licht fällt, die Grünflächen sind ein Hybrid aus öffentlichem Raum und Nachbarschaft, fast wie in den seit den 20 Jahren entstandenen Gartenstädten.

    So wird längst nicht mehr gebaut, die Wohnschachteln, die in Hamburg gegenwärtig entstehen oder zum Erstbezug bereit sind, zeigen, wie es wieder gerade Doktrin oder en vogue ist, enger-zusammenrücken…

    In der NZZ hat Martin R. Dean eine nette Reportage über's Städtereisen veröffentlicht, in der er feinfühlig vom Verlust der Eigenheit der Städte und des städtischen Lebens berichtet, an dessen Stelle die Touristenströme getreten sind.

  • Ach ist schon gut. Von mir aus kannst du dich an solcher "Architektur" ergötzen. :)


    Gibt ja genug davon in Deutschland, nicht nur in Hamburg.

    Wenn unser Völkchen weiter wächst, und alles will in die Städte, werden wir wohl irgendwann auf diese Architektur wieder zurückgreifen müssen....

    Allemagne? C'est un grand Bordel néolibéralement conservateur Merkel'scher l'empreinte


    AMERIKA......oder..... Alles was die Welt nicht braucht....oder....Spiel nicht mit den Schmuddelkindern....



  • Wie's ausschaut dämmert auch noch das Ende der Tütensuppenproduktion heran… Politik und Sortimentsgestaltung marktrelevanter Detailhandelsketten arbeiten daran, die Mode der Paläoernährung (inkl. der epochentypischen Nahrungsmittelbeschaffung) größer herauszubringen. Im Krisenszenario unserer allgemeinen Lebensumstände sind dergleichen Lebensgestaltungsentwürfe doch sehr willkommen.
    Wenn's wenigstens der Jagdwaffenindustrie auf die Beine hülfe! Aber für die 2014 auch nur ein kleines Zwischenhoch.

  • Klar. Mit dem urbanen Graffiti-Geschmier oder der bekanntlich CO2-neutralen nächtlichen Beleuchtung in wechselnden Farben…

    Kann es sein, dass deine Fantasie nicht über deinen verstaubten Horizont reicht?

    Dir scheinen die neuen Hochhauskonzepte nicht bekannt oder nicht geläufig zu sein.

    Allein deine Vorstellungskraft der beschriebenen Immobilie zeigt, wo du kopftechnisch hängen geblieben bist.


    Aber wir sind ja solch kurzsichtige Kommentare von dir gewöhnt. :)

  • Meine englische Bank ist die Citibank, und deren Zentrale ist in Canary Warf - da steht ein Hochhaus neben dem anderen, jedes ist anders, und was Substis langweilige Menschenintensivhaltungshäuser betrifft, so würde man die dort für neue Hochhäuser abreißen und hat es teilweise schon.



    "Oh Tor, im Unglück ist Trotz nicht förderlich!" (Sophokles: Ödipus auf Kolonos)