Die Mentalität des Vergessens, der Umgang mit der Geschichte und der Wandel von Freizeit- und Konsumgewohnheiten

  • Ja, sorry, vielleicht sollte ich Dir sagen, dass ich die meisten Deiner Posts querlese, weil sie mir meist zu langatmig sind. Das ist nicht nett, leider, aber wie man sieht, straft mich das Schicksal und ich übersehe eine Jahreszahl.

  • Du hast durchaus mehr übersehen als nur die Jahreszahl… es war schließlich auch der Monat genannt - und in den verlinkten Zeitungsmeldungen sogar das exakte Ausstrahlungsdatum. Und wer sagt eigentlch, Apnoe-Beiträge wären lesenswerter als langatmige?

    Ich. Ich sage das, denn langatmige Beiträge können zu Apnoe führen, Apnoiker hingegen langweilen niemanden. Ich glaub, Du kennst das Wort gar nicht.

  • Zu den im Nebel der Vergangenheit entschwindenden Erinnerungen gesellt sich zu langsam die Guthabenverzinsung - ganz dreist wird auch noch die Behauptung aufgestellt, die Sparneigung trage Schuld an den Leitzinssenkungen der vergangen Jahre, die tendenziell auch längerfristig anhalten könnte - mit fatalen Folgen für's finanzielle Polster, das Sparern zumeist ja das Alter abzusichern "aufgepolstert" wurde.


    Übrigens berichtet die FAZ (kostenpflichtig, weswegen ich auf einen Link verzichte) darüber, dass Schwedens Schulen künftig die Antike und das Mittelalter aus den Lehrplänen streichen - wahrscheinlich versucht man über die Konzentration auf jüngere historische Epochen dem Trend zum Schuleschwänzen entgegenzuwirken. Die aktuellere Katastrophenmythologie trifft bei der zu bespaßenden Zielgruppe sicher auf weit stärkeres Interesse!

  • Im Grunde umrankt alles, was sich diesem Thread ausführen ließe das gute alte Sprichwort "Tempora mutandur…", das die quasi automatisch sich einstellende Folge im Lateinischen Original mit ausspricht - und dieser Hang zum Wandel ist ja nun nicht grundsätzlich jubelnd zu begrüßen - der Mensch ist schließlich kraft seiner biologischen und mentalen Eigenschaften und Fähigkeiten in seiner Historizität verwurzelt, auch wenn die Moden und der Zeitgeist ihn ja doch bewegen wollen, zum Spielball ihrer eigenen Interessen zu degenerieren… während einer meiner Internetrecherchen zum biographischen Quellenmaterial mehrerer weniger bekannter Erfinder, über die, zumal auf dem deutschsprachigen Buchmarkt, keinerlei Einzelveröffentlichungen vorliegen, stieß ich auf ein amerikanisches Onlinemagazin, und darin auf einen hochinteressanten Artikel darüber, wie, was ursprünglich als gesundheitsfördernd galt, im Laufe weniger Generationen zum krankheitsauslösenden Gefahrenstoff umgedeutet wurde. Jaja, wir werden's noch erleben, dass kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke, sog. Soft Drinks, verboten werden.

  • […] in diesem Thread geht's um all die Dinge, die vom Tagesgeschehen dermaßen übertönt werden, dass sie der Wahrnehmung entzogen werden […]

    Bekanntlich kriselt haben den inhabergeführten Einzelhandelsgeschäften paradoxerweise auch deren einstiger Hauptkonkurrent: Das Kaufhaus. Neben den großen Ketten, deren Filialnetz sich in den letzten Jahrzehnten erheblich ausgedünnt hat, haben bislang einige wenige kleinere Kaufhäuser überlebt, die ja eigentlich inhabergeführte Gemischtwarenläden waren, und in kauflustigerer Zeit gewachsen sind - von diesen stark ortsbildprägenden verschwinden gegenwärtig auch die letzten Überbleibsel. So in Oberursel das in fünfter Generation geführte Unternehmen Rompel. Wenn einstige Flaniermeilen zu Wohnstraßen umfunktioniert werden, nimmt der Leerstand bei den Verkaufsfächen zu, und die potentielle Laufkundschaft bleibt gleich gänzlich weg… hatte nicht kürzlich Richard David Precht im Fernsehen diagnostiziert, dass unsere Gesellschaft ihr unteres Drittel aufgegeben habe, und dass es Städten nicht guttut, wenn es keinen Grund mehr gibt, deren Zentrum aufzusuchen… das städtische Leben basierte immer schon auf dem Handel, dem Austausch und der Kommunikation.


    Tja, und heute sind Handel und Kommunikation entmaterialisiert - und die Formen des Austauschs durch Ideologisierung, Influencer und #hashtags ersetzt…

  • Tja, und heute sind Handel und Kommunikation entmaterialisiert - und die Formen des Austauschs durch Ideologisierung, Influencer und #hashtags ersetzt…

    Wäre es so, wär's ja ok (wobei mir nicht klar ist, was du in diesem Zusammenhang unter "Ideologisierung" verstehst). Aber es ist ja viel schlimmer:


    Zitat

    Besonders ärgert Kügel aber das, was er "Beratungsdiebstahl" nennt. Gerade bei Küchenmaschinen oder Grills komme es häufig vor, dass Kunden ins Geschäft kommen, sich 30, 40 Minuten beraten ließen, bis sie genau wissen, was sie wollen - um es dann kostengünstiger im Internet zu bestellen.

    Das gilt für alles, von Küchengeräten bis Unterhaltungselektronik. Und als es noch nicht den Internethandel gab, sind die Leute anschließend zu "Geiz ist geil" oder "Ich bin ja nicht blöd" gegangen.

    Aber am Hungertuch wird Familie Rompel jetzt nicht nagen müssen.

  • […] als es noch nicht den Internethandel gab, sind die Leute anschließend zu "Geiz ist geil" oder "Ich bin ja nicht blöd" gegangen. […]

    In der Tat ist das Phänomen bereits vor ca. 40 Jahren beklagt worden - allerdings blieben seinerzeit dem gewöhnlichen Einzelhändler immer noch genügend Kunden, die den Weiterbetrieb des Ladengeschäfts erlaubten… mittlerweile fehlt es an Laufkundschaft, weil verödete Einkaufsstraßen, in denen die Hälfte aller Schaufenster verklebt oder mit dem Hinweis, dass die dazugehörige Ladenfläche zu vermieten sei, versehen sind, nicht dazu einladen, dort mal bummeln zu gehen…


    Kleinstädte trifft's diesbezüglich oftmals noch schwerer - hier sehen wir das unweit des Niederrheins gelegene Vluyn, das seine einstige Stadtbücherei geräumt hat, und trotz Ansiedlung einer Drogerie und eines Lebensmittelmarkts, wovon sich die Stadtoberen eine Belebung der Fußgängerzone versprachen, stirbt der Ortskern zusehends.

  • In der Tat ist das Phänomen bereits vor ca. 40 Jahren beklagt worden - allerdings blieben seinerzeit dem gewöhnlichen Einzelhändler immer noch genügend Kunden, die den Weiterbetrieb des Ladengeschäfts erlaubten… mittlerweile fehlt es an Laufkundschaft, weil verödete Einkaufsstraßen, in denen die Hälfte aller Schaufenster verklebt oder mit dem Hinweis, dass die dazugehörige Ladenfläche zu vermieten sei, versehen sind, nicht dazu einladen, dort mal bummeln zu gehen…


    Kleinstädte trifft's diesbezüglich oftmals noch schwerer - hier sehen wir das unweit des Niederrheins gelegene Vluyn, das seine einstige Stadtbücherei geräumt hat, und trotz Ansiedlung einer Drogerie und eines Lebensmittelmarkts, wovon sich die Stadtoberen eine Belebung der Fußgängerzone versprachen, stirbt der Ortskern zusehends.

    Die Ursachen sind vielfältig, und nur ein sehr kleiner Teil des Ladensterbens ist auf Maßnahmen zurückzuführen, welche den Verkehr beruhigen sollen. An erster Stelle dürften wohl die Gewerbemieten stehen, gefolgt von den Personalkosten und der mangelnden Flexibilität und Innovationskraft der Ladenbesitzer.


    Dazu kommt das Problem mit der Nachfolge, denn bei vielen Geschäften, die vom Inhaber geführt werden, gibt es keine Nachfolger. Oft haben die Erben ganz andere Berufe und verständlicherweise keine Lust auf 60h-Wochen, die im kleineren Einzelhandel eher die Regel als die Ausnahme sind.

    Religion wird von den einfachen Leuten als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschern als nützlich angesehen.

    Lucius Annaeus Seneca

  • Die Ursachen sind vielfältig, und nur ein sehr kleiner Teil des Ladensterbens ist auf Maßnahmen zurückzuführen, welche den Verkehr beruhigen sollen. […]

    In der Tat sind Probleme des Einzelhandels und der Quartiersmanagement vielfältig - von der Verkehrsberuhigung war an dieser Stelle übrigens gar nicht die Rede, sondern davon, dass trotz der hohen Erwartungen der Attraktivitätssteigerung des Stadtzentrums durch Ansiedlung einer Drogeriefiliale eine Belebung der umliegenden Straßenzüge ausgeblieben ist… nun ist das Sortiment einer Drogerie allerdings auch nicht unbedingt eine wirkliche Attraktion… andererseits wäre die Belebung wohl selbst bei Ansiedlung eines Kinos, eines Friseursalons, eines Ein-Euro-Shops oder einer Shishabar ausgeblieben - oder hätte in den beiden zuletzt genannten Möglichkeiten womöglich sogar das falsche Publikum angelockt…


    Die Gewerbemieten sind hoch, aber in Relation zur durchschnittlichen Kaufkraft waren sie früher auch nicht gerade billig… und daraus folgt, dass die Gewerbemieten vormals durch den Warenverkauf haben erwirtschaftet werden können - und dass trotz niedrigen Lohnniveaus der Durchschnittsbürger sich wohl eher hat zum Kauf verführen lassen… d.h. es hat vormals offenbar Wünsche bzw. Bedürfnisse gegeben, die das Warenangebot des stationären Einzelhandels hat erfüllen können - und wenn Du die mangelnde Flexibilität und Innovationsbereitschaft der Ladenbesitzer explizit nennst, dann steht der doch ein sprunghafterer Wechsel der Verbrauchsgewohnheiten durch den Käufer gegenüber, dem die Bereithaltung einer umfangreichen Produktauswahl durch den Händler nicht zu folgen vermag.


    Und genau diese Fehlentwicklung zeigt sich u.a. darin, dass in annerlei Einzelhandelsgeschäften eine ganze Wand in Kassennähe mit "Gutscheinen", "Vouchern", "Guthabenkarten" etc. bereitsteht, deren Verkauf dem Händler eine Provision einbringt, und deren Bezahlung dem Käufer ermöglicht, irgendwelche online zu beschaffenden Dienstleistungen, Datenpakete oder Pay-TV-Nutzungszeiten etc. zu erwerben…

  • […] Interessanterweise sind viele Einzelhändler gerade für verkehrsberuhigte Zonen, weil das Flanieren, was zu Spontankäufen führen kann, an verkehrsumtosten Standorten den wenigsten Kunden wirklich Spaß macht.

    Nun würde ich ein Eiscafé m. Außengastronomiefläche nicht zum Einzelhandel zählen, auch wenn von der Glastheke aus auch Einzelkugeln in der Waffel bzw. im Becher zum halben Mehrwertsteuersatz verkauft werden…

  • Der "Beratungsdiebstahl" macht aktuell auch andernorts einem Elektrogerätehändler zu schaffen - er wehrt sich jetzt mit einem bei Kauf zu verrechnenden Entgelt für's Kundengespräch… wahrscheinlich wird der stationäre Einzelhandel in absehbarer Zeit ein Eintrittsgeld verlangen müssen, um von den "Kunden", die nur schauen, einen Teil der Ladenmiete und der Kosten für die Warenpräsenz erstattet zu bekommen…