Der leidige Buchhandel

  • Aus den im Altbestand der Politopia-Beiträge in Threads über Literatur dürfte mein ambivalentes Verhältnis zum Buchmarkt und zur Lesekultur bereits bekannt sein - aktuell berichtet das Hamburger Abendblatt, dass, geschädigt durch Hamburgs rege Bautätigkeit, jetzt der Bücherstube Stelterfoht buchstäblich das Wasser abgegraben wird, weil der Kundschaft erschwert wird, den Laden aufzusuchen.

    Das Abendblatt berichtet ebenfalls über das 90-jährige Jubiläum der lokalen und erfolgreich expandierenden Buchhandelskette Heymann, deren Filialen der Nahversorgung ihrer Kunden dienen.

  • Die Krise des Buchhandels lässt gar das Berufsbild des Buchhändlers wanken - und an dieser Stelle könnte man gleich noch das in einem der mit dem Umzug aus technischen Gründen am ursprünglichen Ort nicht mehr fortzusetzenden Thema, in dem eine angekündigte Fernsehproduktion des Bayrischen Rundfunks die Aufgabe publikumswirksamer Literaturvermittlung übernehmen soll. Aber der Wandel, dem der Buchmarkt unterworfen ist, ist weit komplexer. Er untergräbt derzeit derzeit sämtliche Teilnehmer dieses Marktes, ob sie nun Produzenten, Händler oder Kunden sind.

  • Es schwinden die Buchkäufer, es schwinden die Buchhändler, und letztlich bricht der Markt für literarische Werke, die nicht lediglich Kurzweil bieten, weg - die Kurt-Wolff-Stiftung äußerte bereits Besorgnis, die Branche sucht bereits nach einem Orientierungsstandard, aber auch diese Suche wird sich auf Marketingmaßnahmen beschränken, so dass das Buch weiter in postmodernisierter Beliebigkeit verdämmern wird… diese Entwicklung hatte Heinz-Klaus Metzger bereits 1971 kommen sehen - und in seinem Spätwerk wohl auch Zygmunt Bauman.

  • Angebot und Nachfrage - wenn literarische Werke- außer Kurzweil - nicht mehr nachgefragt werden, dann werden auch die Verlage und Buchhändler verschwinden, die diesen Markt nicht bedienen (wollen).

    Laut einer Studie ist einer vom fünf AfD-Wählern genau so dumm wie die anderen Vier

  • Was ist denn von Büchern zu halten, die lediglich eine vorhandene Nachfrage bedienen? (Abgesehen davon mögen ja die Lebensweisheiten und Memoiren ehemaliger "Dschungelcamp"-Teilnehmer im Buchhandel ausliegen - und da der Buchhandel selbst schmerzlich zu spüren bekommt, wie diese Anbiederung an den Massengeschmack seinem Geschäft schadet, läge es doch nah,e, wieder vermehrt auf die konkreteren Lesebedürfnisse der treueren Kunden einzugehen…

  • Buchhandel unterliegt - wie alle Branchen - den Marktgesetzen.

    Eine Konditorei wird ihr Sortiment von handwerklich aufwendiger Buttercremetorte befreien, wenn der Massengeschmack eher zu Muffins oder Donots tendiert, auch wenn Omma Paschulke regelmäßig am Sonntag gerne die Buttercremetorte isst.

    Laut einer Studie ist einer vom fünf AfD-Wählern genau so dumm wie die anderen Vier

  • Wie schön. Dann können wir uns ja vom Buch verabschieden.

    Da ich vor kurzen günstig 2 alt/neue Bücherschränke erworben hatte ging das große Ikearegal in die Kleinanzeige, 3 volle Umzugkartons übrig gebliebene

    Bücher hierhin: http://aktion-buch.de/buecher-spenden/


    Haken dabei - Bücher die älter als 20 Jahre ( ca.) sind, werden nicht angenommen. Ergo....


    Als das Haus meines Senoirs vor ein paar Jahren aufgelöst werden musste, gingen ungefähr 80 % seiner kompleten Bibliothek ins Altpapier bzw. Müll weil dort kein Platz mehr war....

    Wollte keiner Mensch haben, egal ob Klassiker mit oder ohne Goldrand, Wissenschaftsbücher, Antiquarisches etc.

  • […] Als das Haus meines Senoirs vor ein paar Jahren aufgelöst werden musste, gingen ungefähr 80 % seiner kompleten Bibliothek ins Altpapier bzw. Müll weil dort kein Platz mehr war […]

    Und jetzt überleg' mal, wohin diese "Entwicklung" mittelfristig führen wird… mit dem allgemeinen Desinteresse an allem, was nicht aktuell gehypt wird, werden zwangsläufig die als "veraltet" angesehenen Autoren und deren Werke in Vergessenheit geraten, zumal die Titel, selbst wenn ein Online-Antiquariat oder eine Referenzbibliothek sie überhaupt noch im Bestand bzw. im Katalog führt, jedoch niemand danach sucht, mangels "Nachfrage" irgendwann zur Disposition stehen werden.

    Was aber ist der menschliche Schaffensdrang wert, wenn kein Vergleich mehr mit dem möglich ist, was eine Generation zuvor geschaffen wurde? Als die überwältigenden technischen und sozialen Neuerungen im 19. Jahrhundert den Alltag der Bevölkerungsmehrheit umkrempelten, wurde die Idee des Museums und der historischen Vereine, die kleine Schriftenreihen publizierten, populär, bis praktisch jeder Ort einen solchen Verein und ein derartiges Museum zur Bewahrung einer kollektiven Erinnerung aufgebaut hatte…

    und kaum mehr als ein Jahrhundert später stirbt das Interesse an solchen Vereinen aus, der Nachwuchs zieht fort, das soziale Leben einstmaliger Dorfgemeinschaften ist bestenfalls noch auf alten Ansichtskarten oder privaten Fotografien erhalten. Und das Medium Buch reduziert sich zunehmend auf Krimis, Fantasy, Esoterik und sog. Ratgeberliteratur, also meist "persönliche Lebensbeichten" idealtypischer Projektionen.

    Mithin ist der Literatur in vergleichbarer Weise das Leben entzogen, wie es der realen Gesellschaft abhandengekommen ist.

  • Also das passt recht gut in diesen Thread: Moritz Herrmann hat in einem ZEIT-Artikel die literarische Reeperbahn-Verklärungliterarische Reeperbahn-Verklärung als buchgewordenen Amazon-Algorithmus tituliert. Dabei liegt das Heiligengeistfeld doch gleich um die Ecke, und seine Reportage eines sentimentalen Dombummels erscheint doch nicht minder verklärend, und ist zugleich, weil von zeitungspapierener Momentaufnahme, erstaunlich lesenswert.

  • Wie's um die Lesekultur bestellt ist, erkennt man bei den Dauerbrennern

    Vielleicht gar nicht so schlecht, wenn weniger gelesen wird - zumindest in der alten Form mit schwarzer Schrift auf hellem Grund:


    Zitat

    https://www.sueddeutsche.de/ge…sen-wenig-sehen-1.4067043

    Augenmediziner rätseln seit langem, warum Menschen, die viel lesen, leichter kurzsichtig werden.

    Nun präsentieren Forscher aus Tübingen eine mögliche Erklärung: Dunkle Buchstaben auf hellem Grund könnten für die wachsende Kurzsichtigkeit verantwortlich sein.

    Schwarze Schrift aktiviert demnach bestimmte Sehzellen, die den Augapfel wachsen lassen. Dadurch wird es schwieriger, Dinge in der Ferne zu fokussieren.

    Religion wird von den einfachen Leuten als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschern als nützlich angesehen.

    Lucius Annaeus Seneca

  • Wie's um die Lesekultur bestellt ist, erkennt man bei den Dauerbrennern

    Perry Rodhan etc.: >>>Einfühlung, auch in Aliens, war das Gebot der Völkerverständigungsstunde.<<<


    lol - So fing also alles an?




    P.S.: Die Kassererin bei Hugendubel lächelt mich immer sehr freundlich an, wenn ich einmal im Monat mit einem armvoll Bücher nähertrete. :D

  • Vielleicht gar nicht so schlecht, wenn weniger gelesen wird -[…]

    Buchhändler, Verleger und Autoren freuen sich gewiss darauf, auf Taxifahrer oder Call-Center-Agent umschulen zu müssen… und wie velch eine Erleichterung für Lehrer und Grundschüler, demnächst nicht mehr Stunden mit "Lesen" oder "Schreiben" verplempern zu müssen!


    Das Kulturgut Buch wird schließlich sowieso ja nicht mehr so recht geschätzt, der Markt hat's "gerichtet". Was jetzt darauf folgt, lässt sich noch nicht so recht abschätzen, aber die komplette Branche steht derzeit als Katastrophengebiet da.

  • Im Automobilthread habe ich am gestrigen Abend ja einen Film über die Fahrt mit einem Volkswagen von Weimar nach Karlsbad verlinkt, in dem der noch recht junge Erik Ode seiner Beifahrerin ein Buch über die die Strecke bzw. Zwischenstationen des Tagesauflugs vor Fahrtantritt überreicht, wobei leider kein Herausgebername oder Verlag zu sehen ist - die reine Titelsuche für über ZVAB leider nicht zum betreffenden Druckerzeugnis… später im Film fällt der Blick der Kamera ja auf das aufgeschlagene Buch mit einigen Abbildungen - und in der Tat sind entsprechende Reisebilder und historische Ansichten oftmals eine inspirierende Lektüre - im Zeitalter des Automobilismus florierte der Handel mit entsprechenden touristischen Vorabinformationen, die auch an Tankstellen rege verkauft wurden.


    Heute muss man schon froh sein, wenn man im Buchhandel einen Fotoband über die oftmals umfunktionierten Tankstellen früherer Wohlstandsjahre bestellen kann - oder über andere städtische Versorgungsquellen, die zunehmend aus dem Stadtbild verschwinden. Nur schade, dass im Bereich der Belletristik genau dieser Wandel von der Industriegesellschaft in eine Brache kein Thema zu sein scheint.

  • Betrifft zwar nicht unbedingt den orginären Buchhande […]

    In der Tat ist die Käufersuche für regionale Anzeigenblätter etwas wenig themenbezogen - finden sich Abnehmer, bleiben die Blätter ja erhalten, für den Handel ändert sich somit vorerst nichts, davon abgesehen, dass vor allem der Bahnhofsbuchhandel Buchverkauf und Tagespresse vermischt… der "literarische" Wert solcher Druckerzeugnisse wie dem Kölner "Express" ist sowieso höchst zweifelhaft, und insofern passte dieses Marktsegment ohnehin nicht so ganz zur eher bibliophilen Ausrichtung duMonts.

    Inwieweit der deutsche Blätterwald künftig kahler wird oder sich der Konzentrationsprozess auf wenige Verlagsgruppen verschärft, wäre abzuwarten.