Der leidige Buchhandel

  • Nachdem letztes Jahr wegen einer Krise des Komitees der Literaturnobelpreis nicht vergeben wurde, sollen dieses Jahr gleich zwei Preisträger gekürt werden - die Posse um diese hohe Ehrung schaukelt sich also weiter auf. Immerhin soll ja die üblicherweise alljährliche Bekanntgabe des Gewinners die Verkäufe seiner Bücher für einige Wochen doch rege ankurbeln, und das können die Verlage und der Buchhandel natürlich gerade derzeit gut gebrauchen.

  • Na, […] das können die Verlage und der Buchhandel natürlich gerade derzeit gut gebrauchen:

    Das Komitee zur Wahl und Ernennung derTräger des (beinahe) alljährlich verliehenen Literaturnobelpreis verkündete froh, dass die Vorjahreskrise whl überwunden ist, und das Vertrauen wiederhergestellt ist! Wie gesagt: Man darf (und wird!) sich noch wundern, wer jetzt wieder für würdig gehalten wird, das Preisgeld zu empfangen, um eine nette Dankesrede zu halten.


    Bela B. ist jetzt ja auch unter die Schriftsteller gegangen.

  • Neben Hugendubel böte Wiesbaden immerhin auch inhabergeführte Buchhandlungen - darunter Angermann und Vaternahm. Krimis, Thriller und vergleichbare Spannungsliteratur habe ich als Teenager in ausreichender Zahl gelesen - später zogen mich dann doch andere Stoffe, Sujets und Werkabsichten stärker an.

    Angermann hat nur eine geringe Anzahl Bücher. Bekannt ist das Geschäft für seine Karten.


    Apropos Hugendubel: Dort kaufe ich Mängelexemplare. So lange alle Seiten vorhanden sind, ist mir das egal.


    Ich sehe mir ab 20.15 zwei Krimis an. Zum Abschalten lese ich die Krimis. ;)

  • Die ecriture automatique beschäftigte in der frühen Nachkriegszeit die Gemüter und die Phantasien namhafter Publizisten - heute soll's Software geben, die tatsächlich Dichtung ohne Menschenhand verfasst - und bisweilen sogar in veröffentlicht wird. Naja, Roland Barthes hatte ja vor einiger Zeit prognostiziert, dass es künftig keines Autors mehr bedürfe.

    Narration findet sowieso längst außerhalb des Literaturbetriebs statt und erreicht zudem ein weit größeres Publikum.

  • Was jammerst Du, dass es keines Autors mehr bedarf, um ein literarisches Werk zu erstellen - bei der Malerei bist Du nicht so penibel, und was die Musik betrifft, ist Dir jede Kakophonie hohe Kunst..

    Was aber ist der menschliche Schaffensdrang wert, wenn kein Vergleich mehr mit dem möglich ist, was eine Generation zuvor geschaffen wurde? Als die überwältigenden technischen und sozialen Neuerungen im 19. Jahrhundert den Alltag der Bevölkerungsmehrheit umkrempelten, wurde die Idee des Museums und der historischen Vereine, die kleine Schriftenreihen publizierten, populär, bis praktisch jeder Ort einen solchen Verein und ein derartiges Museum zur Bewahrung einer kollektiven Erinnerung aufgebaut hatte…

    und kaum mehr als ein Jahrhundert später stirbt das Interesse an solchen Vereinen aus, der Nachwuchs zieht fort, das soziale Leben einstmaliger Dorfgemeinschaften ist bestenfalls noch auf alten Ansichtskarten oder privaten Fotografien erhalten.

    Der menschliche Schaffensdrang ist und hat einen Wert an sich und nicht erst, wenn er in Museen dokumentiert bleibt. Und wenn der Nachwuchs fortzieht und die Alten aussterben, wen soll es dann noch interessieren? Dass ein Museum die kollektive Erinnerung hütet, ist möglicherweise ganz unnötig, weil es einfach keiner mehr wissen will und es überdies völlig wurscht ist, welches Dorf welche Art von Keramik wann hervorgebraucht hat. Das Interesse wächst erst wieder, wenn nichts, was irgendwann einmal "aufgebaut" wurde, noch existiert, Dann fangen die Ausgrabungen an.


    Vielleicht siehst Du es mal ganz pragmatisch: Wo ist so viel Platz, um den alten Krempel aufheben zu können, wenn der nur an früher erinnert, aber qualitativ nicht an andere Museumsstücke heranreicht?

    Was Du nicht akzeptierst, weil Du es nicht verstehst, ist der Zeitenwandel. Unsere Welt ist eine andere geworden, in der niemand davon profitiert, zu wissen, was war, sondern eher, was kommt.

  • […] Das Interesse wächst erst wieder, wenn nichts, was irgendwann einmal "aufgebaut" wurde, noch existiert, […]

    Wie sollte dann das Interesse wachsen? Aber das in diesem Zusammenhang auch von Dir wahrgenommene kollektive Desinteresse "fördert" den Niedergang des Museumswesens - und der Literatur und muss von daher natürlich in diesem Thread erwähnt werden.


    Geistesgeschichtlich wird unser jetziges Zeitalter als ebenso dunkle Phase in die Geschichte (so es denn jene künftig noch geben wird) eingehen, wie das Frühmittelalter, also die Nachwelt der Spätantike.


    Zur Lage der Dichter und Denker in der gesellschaftlichen Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland in ihren noch verhältnismäßig fetten Jahren (Anfang der 80er) hatte Hans Wollschläger sich ja (wenig beachtet) geäußert. Und verbessert hat diese Lage sich seitdem keineswegs.

  • Und ebenso entgeht den Akklamateuren des aktuellen Ist-Zustandes, dass auch früher schon die Lage der Dichter und Denker eine höchst undankbare war, selbst wenn bestimmte gesellschaftliche Kreise dem Dichten und dem Denken immerhin ein wenig Anerkennung zollten…

  • Der Begriff "Land der Dichter und Denker" ist ohnehin nur ein Propagandagag, er wurde unter anderem benutzt um einem Land, welches weder ein einheitliches Land noch eine Nation war, ein wenig das labile Rückgrat zu versteifen. Es gab und gibt in jedem anderen Land ebenfalls Dichter und Denker, Deutschland war zu keiner Zeit etwas besonderes.

    Religion wird von den einfachen Leuten als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschern als nützlich angesehen.

    Lucius Annaeus Seneca

  • Der Begriff "Land der Dichter und Denker" ist ohnehin nur ein Propagandagag, er wurde unter anderem benutzt um einem Land, welches weder ein einheitliches Land noch eine Nation war, ein wenig das labile Rückgrat zu versteifen. Es gab und gibt in jedem anderen Land ebenfalls Dichter und Denker, Deutschland war zu keiner Zeit etwas besonderes.

    Zumal die 11 Jahre deutschen "Willens" einen so unwiederruflichen Einschnitt in den deutschen Kulturbetrieb vollzogen hat an den Deutschland noch heute zu arbeiten hat. Zum Thema Fliegenschiß....

  • Der Begriff "Land der Dichter und Denker" ist ohnehin nur ein Propagandagag […]

    Aha. Dabei kam diese griffige Formel jener im Zeitalter der Frühaufklärung gelebten Vielfalt der wissenschaftlichen Forschung und der Ästhetisierung der sich langsam aus den zahllosen Mundarten und Dialekten herausschälenden Hochsprache wegen der konkurrierenden Kleinstaaten doch aus dem französischen Nachbarland… (und wurde gar in England gedruckt) - und wie schon die zeitgenössischen Rezensenten aus deutscher Sicht urteilten: Sie, die Deutschen, wollten gar keine Dichter und Denker sein. Im Prinzip strebten sie, die Deutschen, nach militärischer Überlegenheit, schon damals, vor und nach dem Wiener Kongress…

  • Die Dame hat ihren Irrtum ja selbst ziemlich schnell erkannt.

    Zitat

    Dass das alles ein wenig einseitig war, erkannte sie selbst bereits 1814, als Paris von den Preußen besetzt wurde. In diesen Deutschen, so schrieb sie, könne sie das von ihr beschriebene Land keineswegs wiedererkennen.


    Zudem wurden die Grundlagen der Aufklärung in ihrem Heimatland gelegt, z.B. von Pierre Bayle und Bernard le Bovier de Fontenelle, die 200 Jahre früher lebten. Und da sind wir noch lange nicht bei Namen wie Voltaire, Montesquieue oder Condillac, und vor allem Jean-Jacques Rousseau, der zwar Belgier war, aber als einer der wichtigsten Schriftsteller im Hinblick auf die französische Revolution gilt.


    Nicht umsonst sprach man am preussischen Hof französisch, und der Einfluss der französischen Philosophen der Aufklärung, speziell Voltaire fand Zugang in das Buch Anti-Machiavel von Friedrich II.


    All das schmälert sicher nicht die Werke von Leibniz et al, aber die Grundlagen der Aufklärung stammen aus Frankreich und England.


    Sich mit fremden Federn schmücken ziert sich nicht.

    Religion wird von den einfachen Leuten als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschern als nützlich angesehen.

    Lucius Annaeus Seneca