Der leidige Buchhandel

  • in der Tat dürfte die Buchmesse der letzten vielleicht 20 Jahre (man sieht's ja an den Verlagssortimenten) nur den traurigen Zustand der Kaufgewohnheiten und der "Gegenwartsliteratur" spiegeln.

    Ich war zuletzt in den 70ern dort. Da hat man ein Buch Franz Beckenbauers wie auf dem Jahrmarkt angepriesen und verkauft. Fand ich damals schon ziemlich "traurig". (Im darauf folgenden Jahr gab man sich seriös - "Bücher kauft man im Buchhandel".)

  • Wie die NZZ (leider kostenpflichtig) berichtet, gehen dem Buchhandel massiv Umsätze verloren, während zugleich das Vertrauen in die Buchkultur insgesamt auf bedrohliche Weise schwindet. Das Börsenblatt des deutschen Buchhandels blickt dagegen ein wenig optimistischer in die ungewisse Zukunft, schließlich gelang es die Verluste von Mitte April bis Ende Juni ein wenig zu reduzieren

    Leider dürfte der Beitrag jener Titel, die dem Handel Umsatz bescheren, zur Buchkultur minimal sein.

  • Es ging mir nicht um Umsatz; Bestseller-Listen kann ich auch lesen. (Wobei mir niemand den Verdacht ausräumen kann, dass sie letztlich nur manipuliert sind.)

    Aber da du offenbar alle Titel gelesen hast, kannst du mir sicher erklären, warum ihr Beitrag zur Buchkultur minimal ist.

  • Antiquarisches wirst du auch bei der Buchmesse eher nicht finden.

    Das Dumme ist, dass, wie Lisettte Buchholz 2011 veröffentlichte, die Backlist, die vormals dem größeren Teil der aktuellen Verlagssortimente ausgemacht hat, heute völlig an Bedeutung verloren zu haben scheint, denn gelesen/gekauft/wahrgenommen wird nur, was gerade neu auf dem Markt ist. Solange das Buch als Kulturgut ernstgenommen wurde, hatte der einzelne Titel Jahrzehnte lang Zeit, Leser zu finden, Wirkung zu erzielen, weiterempfohlen zu werden… die "Klassiker" genossen das Privileg, gar über Generationen hinweg gelesen, neu aufgelegt oder gar in den schulischen Bildungskanon aufgenommen zu werden,

    Was Schüler von heute an Gegenwartsliteratur im Unterricht durchnehmen, war halt in den letzten Jahren mal Bestseller oder ist in führenden Presseerzeugnissen seinerzeit gelobt worden.


    Den vom Massenmarkt sich sortimentspolitisch abhebenden Kleinverlagen, und einige gibt's immerhin noch, geht's aber langsam an die Substanz, und die staatliche/regionale "Kulturförderung" wirkt da oftmals desaströs.

    Um so mehr freue ich mich, wenn inmitten der schaufenstfüllenden Makulaturware dann doch mal ein unscheinbarer Text auftaucht, der sprachlich wie inhaltlich den Zeitaufwand lohnt, ihn zu lesen. Also ich werd' mir Valentin Groeners passende Lektüre zu den aktuellen Reisebeschränkungen im örtlichen Buchhandel bestellen. Vorrätig wird's ja sicher nicht sein.

  • Laut Hans Ulrich Gumbrecht befinden wir uns in der Masse im Angesicht „ungeahnter Möglichkeiten unserer Existenz“. Das klingt ja nun recht wacklig, also von adäquater Standunsicherheit, die auch ausgesprochen außengesteuerte Menschen Gleichgesinnte suchen lassen… im Zeitalter der Mehrheitsentscheidung, der Massenkultur, des Crowdfunding und der an Statistiken angelehnten Wertschätzung von Dingen, Objekten und Gedanken konnte solch ein, wie der Rezensent in der FAZ es treffend bezeichnet, Ideengestöber, auf dem gegenwärtigen Buchmarkt keine Überraschung.

    Und wenn, wie in der Buchvorstelllung im Deutschlandfunk hervorgehoben wird, Gumbrecht aufgefallen ist, dass Politiker, anders als in den 1930er Jahren ihre Reden nicht mehr vor am Ort versammelten Massen zehntausender Zuhörer halten, dann liegt's sicher daran, dass sie dank Rundfunk und Fernsehen ein weit größeres Publikum erreichen. Der Masse zugehörig ist der einzelne Mensch also selbst noch daheim…

  • Oje, die Vielzahl der in Medienerzeugnissen verbreiteten Neologismen verlangt natürliche eine aktualisierte Neuauflage des Duden. Eigentlich bräuchte man mittlerweile noch ein ergänzendes Standardwerk das die Wörter auflistet, die innerhalb der letzten fünf bis zehn Jahre aus dem "gebräuchlichen" Wortschatz verabschiedet wurden…

  • Monika Maron, einst gefeierter Star der deutschen Gegenwartsliteratur, fällt derzeit bei der Kritik in Ungnade, denn ihr aktuelles Büchlein, "Artur Lanz" betitelt, ist in einem Verlag erschienen, in dem zu publizieren als dem Zeitgeist widersprechend gilt… nun mag, der Zusammenfassung des Inhalts in der Rezension nach zu urteilen, das Büchlein sprachlich wie kompositorisch nicht weltbewegend sein, aber die teils resignierende Grundhaltung bei Beschreibung des alltäglichen common sense und die verlorene Position des sich dagegen behauptenden Individuums ist dem Hauptmotiv ja angemessen.

  • Die Rezension ist ja wirklich vernichtend - wer hätte noch Lust, Marons Wechseljahrs-Echte Kerle Mimimi zu lesen?

    Dass sie anscheinend jetzt nach rechts abzudriften droht, ist nicht so erstaunlich, das passiert in den nicht mehr so Neuen Ländern öfter.

         



    Höflichkeit ist wie ein Luftkissen - scheinbar ist nichts drin, aber es mildert die Stöße.

  • […] wer hätte noch Lust, Marons Wechseljahrs-Echte Kerle Mimimi zu lesen? […]

    Wer das Buch beim Händler bestellt, wird wahrscheinlich sowieso hinterher vom Bundesverfassungsschutz unter Beobachtung gestellt… insofern blieb der Rezensentin ja gar nichts anderes übrig, als sich vom so plakativ wie nur möglich zu distanzieren, und auch die FAZ-Leser in vorauseilender Staatstreue zu warnen, daran Interesse zu zeigen. "DDR-Literatur" war immer schon nur deswegen im Westen ein Thema, wenn darin der real existierenden Staatsverdrossenheit Futter gegeben wurde… Und so darf auch in der Gegenwartslitetatur ausschließlich kritisiert werden, was vergangene Staatsformen bzw. Lebensrealitäten auf's Korn nimmt.

  • Die Rezension ist ja wirklich vernichtend - wer hätte noch Lust, Marons Wechseljahrs-Echte Kerle Mimimi zu lesen?

    Dass sie anscheinend jetzt nach rechts abzudriften droht, ist nicht so erstaunlich, das passiert in den nicht mehr so Neuen Ländern öfter.

    Mag sein wenn aber die Artikelverfasserin am Ende sagt "... Jetzt scheint sie nur noch von ihrer politischen Agenda getrieben zu sein – und das Interesse am Literarischen verloren zu haben.." aber die ganze Zeit was von "suggeriert das".. spricht und auch sonst jede Menge vermeintlich politische Ansichten der Autorin Maron mit in diese Rezension reingepackt...

    Ist es für mich eher das Ihr simpel der fehlende Zeitgeist zuwiederläuft. Die Aussage das man echte Kerle herbeisehnt... Gott, das ist natürlich verdammt Old School da der heutigen Damenwelt der glutäugige Begattungsstier in der Freixenetwerbung zum "Gläser stösschen" schon anscheinend vollkommen ausreicht....

    Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind

  • Wer das Buch beim Händler bestellt, wird wahrscheinlich sowieso hinterher vom Bundesverfassungsschutz unter Beobachtung gestellt…

    Wie - ist das so ein linksradikales Büchlein? In der FAZ-Rezension klang das anders ...

    Langsam gehen mir die Neurechten mit ihrem Mimimi auf den Keks. Monika Maron - fester Bestandteil der Achse des Guten - durfte bis jetzt noch alles veröffentlichen; einschließlich des Unsinns, den sie im BZ-Interview von sich gegeben hat. Und dass Neurechte in die Schweiz ins Exil gehen, ist so wahrscheinlich wie Schnee im Sommer; dort sieht man eher Wirtschaftsflüchtlinge, die sich das Lohn- und Preisgefälle zwischen der Schweiz und Deutschland zunutze machen ...