Der leidige Buchhandel

  • Weißt Du, ein Blick in 30-40 Jahre alte Verlagskataloge genügt, um zu belegen, dass es um die thematische Vielfalt des Buchangebotes seinerzeit besser bestellt war als heutzutage - und dass die früher mal auf Papier gedruckte Ausgabe des VlB es Kunden wie Händlern erleichtert hat, was weder beim Händler noch beim Grossisten vorrätig oder gelistet war, als immerhin bestellbar zu ermitteln.

    Dass Du ein Fan von diesem Self-publishing-Modell von Amazon bist, sei Dir ja gegönnt - der Buchkultur ist mit diesen BoD und Druckkostenzuschussverlagen allerdings nicht gedient.

    Ich kann da naturgemäß erst ab Beginn der 90-er mitreden. Und schon damals war es so, dass viele kleine Veröffentlichungen nicht im VLB aufgetaucht sind. Ganz einfach deshalb, weil sich kein Verlag für ein Buch zu einem lokalen Thema interessierte, das vielleicht 2000 mal verkauft werden kann. Der Autor ließ (meist im Ausland) selbst drucken und holte sich keine ISBN. Damit gab es das Buch für den Handel gar nicht. Das betraf u.a. sehr viele Beiträge zur Höhlen- und Karstforschung, um mal bei meinen Interessengebieten zu bleiben. Darunter etliche Schriften, die heute händeringend gesucht werden und wo aus Verzweiflung heute auf alte Schriften aus 1900 zurückgegriffen wird. Damals war es scheinbar noch möglich, zu solchen Themen bei einem Verlag zu publizieren. Ohne dass der Verlag pleite ging. In wie weit eine solche Entwicklung der Buchkultur gedient hat, sei dahingestellt.


    Amazon hat nichts weiter gemacht, als diese Lücke aufzugreifen. Natürlich nicht aus purer Menschenfreundlichkeit. Die stellen die Infrastruktur und erhalten dafür mindestens 30% vom Umsatz (elektronische Veröffentlichung). Dazu gibt es weder Knebelverträge noch irgendwelche Zuschüsse. Und das Buch ist auffindbar, auch wenn man natürlich selbst Werbung dafür machen muss. Schöner Nebeneffekt: Die Gefahr von Abmahnungen wegen zweier vergessener Worte bei der Anbieterkennzeichnung oder nach DSGVO während der Verkaufsabwicklung oder bei der Formulierung von Widerspruchsregelungen geht auf Amazon über.


    Ich bleibe dabei: Die neuen Möglichkeiten der Veröffentlichung haben der Buchkultur durchaus gut getan. Das meint nicht Druckkostenvorschuss und ähnliche Dinge. Natürlich gab es dabei auch einige negative Entwicklungen. Die positiven überwiegen aber.

  • Es gibt ja noch weitere Argumente, warum ich mir z.B. heute keine Bücher mehr in den Schrank stelle, vor allem nicht aus meinem Fachgebiet. Ich habe vor ein paar Jahren so gut wie alles entsorgt, weil es einfach nicht mehr aktuell war, und seitdem ist die Hauptinformationsquelle für alles, was mit meinem beruflichen Interesse zusammenhängt eben das Internet. Kaum ein anderer Bereich wandelt sich derart schnell wie die IT, wobei es auch in etlichen anderen Fachgebieten heute vollkommen unsinnig ist, sich noch Bücher zuzulegen.

    Das Fachbuch ist im Grunde genommen tot, nur noch Poser und Menschen, die nicht wirklich technikaffin genug sind, um das jeweils aktuellste im Internet zu recherchieren stellen sich Fachbücher ins Regal.

    Im Bereich der Wissenschaft sieht es ähnlich aus. Wer jederzeit Zugriff auf Millionen veröffentlichter Artikel, Studien und Aufsätze hat, die im Volltext recherchierbar sind, benötigt kein Buch. Ein 20 Jahre altes Standardwerk zur Biologie ist zu einem guten Teil heute Altpapier. Es mag hübsch aussehen im Regal, hochwertig eingebunden sein, aber der Inhalt stimmt oftmals mit aktuellen Erkenntnissen nicht mehr überein. Und Updates gibt es auch nicht, außer in Form der altbekannten Loseblattsammlungen. Und wer bitte macht sich heute noch die Mühe, und aktualisiert seine 5 Bände zum Zivilrecht manuell?

    Religion wird von den einfachen Leuten als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschern als nützlich angesehen.

    Lucius Annaeus Seneca

  • Das Fachbuch ist im Grunde genommen tot, nur noch Poser und Menschen, die nicht wirklich technikaffin genug sind, um das jeweils aktuellste im Internet zu recherchieren stellen sich Fachbücher ins Regal.

    Das würde ich in dieser Verallgemeinerung nicht unterschreiben wollen. Natürlich habe ich noch gedruckte Fachbücher im Regal stehen und nutze die auch. Beispielsweise die Exkursionsflora von Rothmaler. Die Bände sind teils 40 Jahre alt, aber auch heute noch sehr nützlich und das beste Bestimmungswerk für das Gebiet Deutschlands. Da stört auch nicht, dass Angaben zum Schutzstatus teils nicht mehr aktuell sind oder Verbreitungsgebiete teils nicht mehr stimmen. Das Internet bietet bislang nichts annähernd vergleichbares und ist an der Stelle, wo es benötigt würde, meist auch nicht verfügbar. Auf meine Sammlungen zur Höhlen- und Karstforschung oder beispielsweise zur FFOWB möchte ich auch nur sehr ungern verzichten. Dazu findet man im Netz (teils aus sehr guten Gründen) zumeist nichts konkretes.

  • [Wären vor …] allem Bücher im Handel […], die im weitesten Sinne politisch und/oder naturwissenschaftlich sind und sich mit Psychologie und Soziologie befassen [,…] würde [das] evtl. das Wissen vergrößern […]

    Dafür gibt es ja die populärwissenschaftlichen Periodika und das Edutainment im Fernsehen… und wie man sieht, steigert sich der Stand der durchschnittlichen Allgemeinbildung auf diese Weise nicht so recht.

  • In der DDR hat es durchaus vielfältige Verlagssortimente gegeben, ...

    Natürlich. Aber eben auch Mangelwirtschaft und Zensur. Was dazu führte, dass gute Fachliteratur größtenteils Bückware war, teils aus Zensurgründen gar nicht erst erschien. Ein völlig anderes System und deshalb nach meiner Meinung nicht zu vergleichen.

  • Welche Bücher würdest Du Dir heute noch kaufen, Dio?

    Zeitlose. Das sind auch die, die noch in meinem, mittlerweile kleinen Bücherregal stehen, fast ausschließlich Philosophen und eine Handvoll Biographien.

    Religion wird von den einfachen Leuten als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschern als nützlich angesehen.

    Lucius Annaeus Seneca

  • Zeitlose. Das sind auch die, die noch in meinem, mittlerweile kleinen Bücherregal stehen, fast ausschließlich Philosophen und eine Handvoll Biographien.

    Dann bist Du ja genau auf Substis Linie.



    "Oh Tor, im Unglück ist Trotz nicht förderlich!" (Sophokles: Ödipus auf Kolonos)

  • […] Das Fachbuch ist im Grunde genommen tot […]

    Es ist eher das Sachbuch, das tot ist, wie die gegenwärtig meistverkauften Titel dieses Marktsegmentes in erschütternder Klarheit zeigen - es steht katastrophal um die Wissbegier unserer Zeitgenossen. Und vielleicht noch erschreckender um das Vertrauen, das sie in jene Autoren setzen, die so zielsicher den Zeitgeist zu treffen verstehen… nicht zufällig überwiegt die TV-Prominenz… das Buch ist also nur noch Begleitmedium, Nebensache, gewissermaßen das kostenpflichtige Gimmick, das dann zusätzlich angeschafft wird.

  • Also, ich habe Bücher immer nach meinen Interessen gekauft, nicht nach irgendwelchen Bestsellerlisten. Und speziell Sachbücher sind nun in meinen Augen noch überflüssiger als Fachbücher, jedenfalls so lange, wie es sich um darin enthaltene Informationen handelt, die man problemlos online recherchieren kann.


    Sachbücher sind Bücher, deren Inhalt in aller Regel nicht ausreicht, um als Fachbuch zu gelten.


    Das überflüssigste Genre speziell im Bereich der Sachbücher dürften Ratgeber zum Abnehmen sein.

    Religion wird von den einfachen Leuten als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschern als nützlich angesehen.

    Lucius Annaeus Seneca

    Einmal editiert, zuletzt von Diogenes2100 ()

  • Eher nicht. Denn Biographien derjenigen Persönlichkeiten, deren Biographen mir lesenswert erschienen, fehlen zumeist auf dem Markt…

    Du kannst es nicht ertragen, wenn jemand auf Deiner Linie ist - oder Du auf seiner, oder? Denn Dio hat mit keinem Wort verraten, wessen Biographien er im Regal stehen hat. Du widersprichst stets unter dem Motto "Was ein anderer gut findet, muss Mist sein"...



    "Oh Tor, im Unglück ist Trotz nicht förderlich!" (Sophokles: Ödipus auf Kolonos)

  • […] Dio hat mit keinem Wort verraten, wessen Biographien er im Regal stehen hat […]

    Lies vorsichtshalber nochmals Diogenes2100s Beitrag #47. Vielleicht fällt Dir dann auf, was er geschrieben hat… aber selbst wenn er nicht alle etwa 20 in Papierform noch vorhandenen Bücher aufgelistet hat: Auf seinem Regalbrett wird logischerweise nur stehen, was bereits in gedruckter Form dereinst im Handel gewesen ist. Und die bereits genannten Namen deuten dezent darauf hin, dass weniger berühmte Persönlichkeiten auch in den nicht genannten Büchern wohl kaum biographiert worden sind…

  • Ich hab nur gelesen, dass er Churchills Biographie hat. und Du hast eine "Handvoll Biographien" und sagst "nur", weil es keine Biographien von Leuten gibt, für die Du Dich interessierst...

    Tja, Erhabener, schreib selbst.



    "Oh Tor, im Unglück ist Trotz nicht förderlich!" (Sophokles: Ödipus auf Kolonos)