Der leidige Buchhandel

  • Die diesjährige Buchmesse in Frankfurt am Main ist die 70. nach Kriegsende - und erstmals ist die Buchmesse zugleich Verkaufsveranstaltung - das wird dem ortsansässigen Buchhandel das Leben noch ein wenig erschweren.

    Oder auch nicht, denn gerade eine Messe macht auf Bücher aufmerksam, die, wenn sie die entsprechende Qualität aufweisen, verstärkt nachgefragt werden und damit den Handel beleben. Leider gehen viele gute Bücher in der Masse der trivialen Editionen unter, so dass man schon etwas Mühe aufwenden muss, um sein Geld nicht für Schund auszugeben.

  • […] eine Messe macht auf Bücher aufmerksam, die, wenn sie die entsprechende Qualität aufweisen, verstärkt nachgefragt werden […]

    Nö. Die Messe macht vor allem auf die aktuelle Produktion aufmerksam, das Medienecho unterstützt dies, und so werden die auf der Messe persönlich anwesenden Autoren stärker nachgefragt - das hat aber nichts mit der Qualität jener von ihnen verfassten bzw. unter ihrem Namen vermarkteten Büchern zu tun.


    Und wie gesagt: Wenn auf der Messe selbst die Bücher gleich vom Messestand des jeweiligen Verlags verkauft werden, erübrigt sich für die Messebesucher jedenfalls der Gang zur Buchhandlung. Das heißt, dass während der Messe der in Frankfurt am Main ansässige Buchhandel vergleichsweise wenig Laufkundschaft zu erreichen imstande war, und dass nach Heimkehr auswärtiger Messebesuchern die Buchhändler an deren Heimatorten vergeblich auf durch die Messe in Kauflust versetzte Kunden warteten.


    Es steht jedenfalls überaus schlecht um die Gegenwartsliteratur und um's Lesen überhaupt. Schaut man jedenfalls, was in großer Zahl nachgefragt wird, ist der Branche sowieso nicht mehr zu helfen.

  • Genau, die Kinder sollen Goethes Faust lesen.

    An Kinderbüchern - gerade auch für Kinder von heute - ist nun wirklich kein Mangel. Was in den Verlagsprogrammen fehlt, ist eher sprachlich und inhaltlich annehmbare Lktüre für Erwachsene… Und die berühmteren Werke Johann Wolfgang von Goethes werden ja weiterhin aufgelegt, obwohl sie längst in praktisch jedem Haushalt stehen…


    Dagegen werde ich nie vergessen, wie mir ein Buchhändler, der jahrzehntelang eine deutschsprachige Buchhandlung in Paris geführt hat, kurz nachdem der sich zur Ruhe gesetzt hat, erzählte, welch eine Entdeckung Ippolito Nievo für ihn gewesen sei, dessen "Bekenntnisse eines Italieners" er gerade zu lesen begonnen hatte.

  • Kürzlich hatte ich ja auf eine weitere Branche hingewiesen, die ähnlich wie de Buchhandel, mit der zunehmenden Kaufzurückhaltung der angepeilten Kundschaft zu kämpfen hat, und deren Produkte zudem dem erheblichen soziokulturellen Wandel folgend unverkäuflich werden… nun mag die Spieleforschung innerhalb der Literatur ein überschaubares Gebiet sein, aber um so nötiger erscheint es mir, auf eine Publikationsreihe des Mozarteums Salzburg hinzuweisen - gut, auch Erwin Glonnegger hatte seinerzeit sporadisch die Geschichte der berühmten und heute noch weitverbreiteten Brett- und Gesellschaftsspiele reflektiert - nächstes Wochenende findet in Hamburg ja gerade eine Spielemesse statt, wo einige Spieleneuheiten vorgestellt werden, die erfahrungsgemäß recht bald wieder vom Markt verschwinden… wie das Buch benötigt das Spiel einige Zeit, bis beim Publikum die Neugier geweckt ist, es kennenzulernen - diese Dauer (der Marktpräsenz) wird jedoch keinem Produkt mehr gegönnt.

  • Woher willst Du das wissen?

    Belegen's nicht die Verkaufszahlen der Erfolgstitel und die Betriebsschließungen des Buchhandels und der Kleinverlage? Am deutlichsten wird der Niedergang der Buchkultur aber vor allem an der Sortimentspolitik der marktgängigen Verlage - und bei der stichprobenartigen Suche bzw. Nachfrage nach Titeln bzw. Themen, die partout nicht lieferbar sind…

  • Belegen's nicht die Verkaufszahlen der Erfolgstitel und die Betriebsschließungen des Buchhandels und der Kleinverlage? Am deutlichsten wird der Niedergang der Buchkultur aber vor allem an der Sortimentspolitik der marktgängigen Verlage - und bei der stichprobenartigen Suche bzw. Nachfrage nach Titeln bzw. Themen, die partout nicht lieferbar sind…

    Du hast mir unterstellt, mich für das Thema nicht zu interessieren - das ist falsch, denn es interessiert mich sehr wohl, was man daran sehen kann, dass ich Dir Fragen gestellt habe, die Du aber nicht oder nur sinnentstellend beantwortet hast, weil Du wohl geahnt hast, dass Deine Antworten verräterisch sind.


    Die "Sortimentspolitik marktgängiger Verlage..." Was für ein hochmütiger Quatsch. Tu nicht immer so, als wärest Du der Zwerg Allwissend, der schon am Buchtitel sehen kann, welche Bücher es wert sind, gelesen zu werden.

    Ich meine ja, dass jemand, der nicht beim Thema bleiben kann, der immer zu Hölzchen und Stöckchen abweicht, gar nicht in der Lage ist, sich einem Buchinhalt zu widmen und innerhalb der Buchdeckel buchstäblich beim Thema zu bleiben.

  • Der Zeitgeist bereitet grad die nächste Stufe der Nivellierung unserer Buchkultur vor - langsam wird die Forderung nach einer Frauenquote laut, sowohl bei den publizierten Büchern als auch bei den Rezensionen… immerhin sollen Frauen ja mehr Bücher kaufen als Männer, möglicherweise lesen sie auch häufiger - elektronische Überwachungsfeatures beim eReader (Kindle, Tolino o.ä.) sind ja denkbar, die mittels Gesichtserkennung und Displaynutzungsdaueraufzeichnung genauere Zahlen liefern können…

  • So traurig wie das sein mag, so muss man aber doch den Inhabern vorwerfen, dass sie nicht bemerkt haben, wie wenig nachgefragt ihr Sortiment heutzutage ist. Ich würde mich nicht trauen, heute ein Landauer- oder Gamaschengeschäft zu führen.

  • So traurig wie das sein mag, so muss man aber doch den Inhabern vorwerfen, dass sie nicht bemerkt haben, wie wenig nachgefragt ihr Sortiment heutzutage ist. […]

    Weitaus schlimmer für die Buchkultur ist jedoch, welche Sortimentsteile heutzutage nachgefragt werden, so dass nach und nach alles andere aus den Sortimenten gestrichen wird… die gedruckte Landkarte präzisiere und objektivierte gewissermaßen das Weltbild, der Globus wurde Symbol und Spielball des Handels und seiner Akteure. Der Touchscreen hingegen ist lediglich die "interaktionsfähige" und zeitgemäße Ausführung der einstigen Mattscheibe. Und der eReader verbannt Textproduktion und Textrezeption in die Obhut seines technischen Reproduktionsmittels…

  • Ich bin Lyrik-Leser.

    Erich Arendt, oder auch Charles Bukowski. etc. pp.

    Ich denke, dass ich alles habe, was diese jemals veröffentlicht haben.

    Wenn ich also einen Buchladen betrete, suche ich die Lyrik-Abteilung.

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    .... und gehe meist nach 10 Minuten wieder.

    O.K. - Thalia hat so etwas.

    Die meisten Ruinen haben zwei Beine.

  • Das macht die elektronische genauso, allerdings mit viel mehr zusätzlichen Informationen.

    Diese "zusätzlichen Information" lenken prima von den Informationen ab, die nicht angezeigt werden… "augmented reality" ist so ausgereift noch längst nicht, als dass sie so hilfreich wäre, wie sie zu sein verspricht. Das die Verknüpfungsfähigkeit unterschiedlichster Daten auf elektronischem Wege ihre Vorteile besitzt, bestreitet ja niemand - dennoch hat das Papier als Informationsträger keineswegs ausgedient. Und es ist ebensowenig entbehrlich. Schon wegen seiner Vorteile der Archivierbarkeit. Elektronische Dokumenten können jederzeit verändert, verfälscht, wie sich's bei eBooks gezeigt hat, abgeschaltet werden…

    Es mag ja Anwendungsbeispiele geben, wo die aktuelle Version einer Land- oder Straßenkarte nützlicher ist, aber wo bleibt das historische Gedächtnis der Stadtentwicklung, wenn nur noch die aktuelle Version online abrufbar ist?

  • Grundsätzlich halte ich es für etwas hochmütig, zu erwarten, dass ein Händler Produkte für nur wenige potentielle Käufer bereithält, nur weil diese wenigen es "schade" finden, wenn manches nicht mehr nachgefragt wird und Händler den Platz für aktuelle Ware brauchen. Immerhin muss ein Händler damit seinen Lebensunterhalt bestreiten.

    Man kann bedauern, dass es etwas "abseitige" Literatur nicht immer verfügbar ist, aber man selbst bietet ja auch nicht an, was keiner will.

  • […] man selbst bietet ja auch nicht an, was keiner will.

    Es wird doch aber in den verschiedensten Branchen angeboten, was eigentlich niemand braucht - und gekauft wird's mitunter dennoch, bisweilen sogar erfolgreich… da der Buchmarkt sich auf Convenienceprodukte konzentriert, verliert das Lesen seine Bedeutung - und der Buchmarkt seine Leser. Und das ist nicht zu bedauern, es ist das Fundament eines kulturellen Verlustes, der nie wieder zu beheben sein wird. Das Buch als Massenware und Verbrauchsartikel fällt in die Bedeutungslosigkeit.