Architektur - das Lebensumfeld in effigie

  • Seine Wohnbauten nach kalifornischem Vorbild für gutbetuchte Auftraggeber sah Walter Brune dereinst als erweiterten Lebensraum - und nach seiner Pionierleistung der Planung des ersten deutschen Einkaufszentrums auf zuvor unerschlossenem Gebiet, das der Entlastung des Stadtzentrums dienen sollte, plädiert er um so eifriger dafür, der fortschreitenden Verödung der Innenstädte Einhalt zu gebieten, statt ihrer Dysfunktionalität Vorschub zu leisten.

    Dagegen wirkt, was Hans Kollhoff postuliert, als strebe er eine populistische Fehleinschätzung historischer Dimension an. Das Altstadtidyll, das gegenwärtig vielen Menschen als ideale Urlaubs- und Shoppingkulisse willkommen ist, war schließlich in seinen jüngeren Jahren alles andere als ein menschenfreundliches Quartier. Es war eine stinkende Kloake, zu dicht bebaut, arm an Tageslicht (das fiel erst in die Fenster, als die Straßenzüge ausgebaut worden waren - um dem heute verpönte Autoverkehr Platz zu verschaffen). Die herausgeputzten Altstadtfassaden, wie sie uns heute als Zeugnisse einer guten, alten Zeit erscheinen, sind eine Folge der Fotographie und der Ansichtskarte. Dagegen ist die Simulation einer stadtbildwahrenden Anmutung durch Backsteinverblendung lediglich eine postmoderne Mogelpackung.

    Die Schnelllebigkeit unserer Zeit steht der Verwurzelung des Anwohners mit seinem Wohnumfeld im Wege - so drückt sich ein Trend zur Heimatlosigkeit nicht nur in der Fluktuation der fort- und zuziehenden Nachbarn aus, sondern auch im Wechsel der Umgebungsbebauung. Und selbst das Mobiliar verweilender Anwohner hat quasi keinen dauerhaften Platz mehr.

  • Dieses Konzept finde ich cool

    https://www.brikawood-ecologie.fr/homepage/


    Panasonic ist mit Ihrer Smart City bezüglich moderner Städteplanung vorbildlich.

    https://www.experience.panason…mart-city-konzept-citynow

    Zitat

    Fujisawa: 70 Prozent weniger CO2-Ausstoß

    Die Community ist komplett mit smarter Haustechnik und Sicherheitssystemen ausgestattet, die Beleuchtung zu 100 Prozent LED-basiert. Ladesäulen versorgen Elektroautos, in denen unsere Akkus werkeln. Und natürlich sorgen wir auch in Fujisawa für klimafreundliche Energieversorgung: Jedes Haus verfügt über einen Brennstoffzellen-Generator und Solar-Stromwandler.


    Der Ausstoß von Kohlendioxid soll in Fujisawa gegenüber einer „konventionell“ versorgten Siedlung um 70 Prozent geringer sein. Zudem wird rund 30 Prozent weniger Wasser verbraucht als in vergleichbaren Gemeinden. Für die Stromversorgung nutzt die Vorzeigestadt gut ein Drittel der benötigten Energie aus erneuerbaren Quellen – dreimal mehr als der landesweite Durchschnitt in Japan.

    https://www.panasonic.com/de/c…en/075-2014-fujisawa.html

    Zitat

    Neu bei der Entwicklung der Fujisawa Smart City ist, dass die Konstrukteure einen intelligenten und komfortablen Lebensstil für die Bewohner in den Mittelpunkt der Planung gestellt haben. Darauf wurden das Design und die technische Infrastruktur der Stadt abgestimmt. „Fujisawa ist ein Gesamtkonzept für alle Lebensbereiche. In dieser Stadt können die Bewohner die ersten sein, die einen rundherum nachhaltigen und intelligenten Lebensstil ausprobieren. ...


    Angebote und Services in den Bereichen Umweltschutz, Energie, Mobilität, Gesundheit, Kommunikation und Sicherheit finden die Bewohner von Fujisawa City am zentralen Platz der Stadt. So gibt es eine Anlaufstelle für Energieverkauf und -einkauf sowie eine Informations- und Leihstelle für umweltfreundliche Pkw und Elektroräder. Zudem werden Seminare für Umweltbildung oder im Handwerken angeboten. Auch viele kulturelle Veranstaltungen werden hier künftig stattfinden.

    Panasonic ist eh ne geile "Firma". Da steckt eine Philosophie des Gründers dahinter.

    Zitat

    Panasonic hat den Anspruch, durch Innovationen über die Grenzen der einzelnen Geschäftsfelder hinweg Mehrwerte für den Alltag und die Umwelt seiner Kunden zu schaffen.

    Und https://www.aircon.panasonic.e…g-and-cooling/philosophy/

    Zitat

    Unternehmensphilosophie

    "In Anerkennung unserer Verantwortung als Industrieunternehmen setzen wir unsere Kraft für den Fortschritt und die Entwicklung der Gesellschaft sowie für das Wohlergehen der Menschheit durch unsere Geschäftstätigkeit ein, um überall auf der Welt die Lebensqualität zu erhöhen."

    Dies ist das grundlegende Unternehmensziel der Panasonic Corporation, wie es 1929 vom Unternehmensgründer Konosuke Matsushita formuliert wurde.

    TM, bedauernd, dass sehr viele der modernen, menschen- und umweltfreundlichen Technologien nur schleppend umgesetzt und eingesetzt werden


    PS: Was bedeutet in effigie?? https://de.wikipedia.org/wiki/In_effigie

  • Im Portal rheinischer Geschichte findet sich eine kleine Betrachtung von Leben und Werk Hermann Josef Stübbens (1845-1936), der in der Blüte seiner Lebensjahre das Gepräge mehrerer im späten 19. Jahrhundert und noch nach der Jahrhundertwende wachsenden Städte mitzugestalten Gelegenheit hatte. Er zählt zu den Pionieren unter den Stadtplanern, und war sich bewusst, dass ei­ne mo­der­ne Stadt nicht schön sein konn­te, wenn sie nicht be­stimm­te wirt­schaft­li­che und so­zia­le Vor­aus­set­zun­gen er­füll­te und auch den prak­ti­schen An­for­de­run­gen von Ver­kehr und Ge­sund­heit ent­sprach - Welch eine Tragik, dass der "Bürger" heutiger Zeit diesbezüglich so gänzlich konträren Vorstellungen den Vorzug gibt.

  • Das mag daran liegen, dass über Jahrzehnte unter "praktischen Anforderungen von Verkehr und Gesundheit" verstanden wurde, Verkehr first, Gesundheit second.

    „Fürchte nicht menschlich zu sein, fürchte, nicht menschlich zu sein.“

    (Manfred Hinrich)


  • Wir haben ja schon mal darüber gestritten - ich finde, Hans Kollhoff hat völlig recht.

    Dein Argument, die heute als schön betrachteten Häuser und Stadtteile seien früher stinkende Kloaken gewesen, ist doch völlig irrelevant, wir leben und wohnen ja heute, und heutzutage sind sie bestens renoviert und sehr beliebt.

    Was Brune - und viele "Nachfolger" - heute bauen, sind die immmergleichen Legohäuser, gestapelte Kästen, in denen manchmal Kopfstände unternommen werden (Flurflohmärkte), um den Bewohnern eine Art Heimatgefühl zu vermitteln, ansonsten werden sie leicht zu Slums. Das Ganze wird dann Bauhaus genannt. Lächerlich. In Wahrheit kann man heute Architekt werden, ohne von Architektur eine Ahnung zu haben, man muss nur als Ingenieur die Bautechnik beherrschen, Geschmack und Phantasie braucht man nicht. Ritter-Sport-Häuser: Quadratisch, praktisch, gut.



    "Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber"

  • ................ Lächerlich. In Wahrheit kann man heute Architekt werden, ohne von Architektur eine Ahnung zu haben, man muss nur als Ingenieur die Bautechnik beherrschen, Geschmack und Phantasie braucht man nicht. Ritter-Sport-Häuser: Quadratisch, praktisch, gut.

    Wenn Urbanisierung und Singularisierung so weitergehen, wird man Bienenwabenhäuserkomplexe bauen. Die beherbergen dann einen Menschen ähnlich den Wabenhotels in Japan, nur mit dem Unterschied, dass sie ständiger Wohnsitz sind. 2,5 m hoch, 3 m lang und 2,5 m breit, mit Klappbett, Innentoilette und Zwangsklimatisierung. Bildschirm an der Decke oder Virtuellrealitybrille zum Aufsetzen. Damit lassen sich die Städte konzentrieren und Mieten bleiben in etwa bezahlbar.

  • Die Verirrungen der 50er Jahre muss man nicht erhalten.


    Man kann Denkmalschutz auch übertreiben. In den May-Siedlungen in Frankfurt aus den 1920er Jahren durften die Bewohner keine Rollläden installieren, weil das nicht zum Ensemble passt. Kein Problem war, die Vorgärten zugunsten einer vierspurigen Straße platt zu machen.

  • Zeichen der Zeit: Selbst der Denkmalschutz ordnet sich den Wünschen und Bedürfnissen der Tourismusförderung unter… immerhin hat man in Liverpool jetzt die Philharmonic Dining Rooms, einen viktorianischen Pub, unter Schutz gestellt.

    In Hamburg dagegen werden denkmalgeschützte Gebäude gnadenlos abgerissen - rund ums historische Zentrum - auch unweit des Deichtorplatzes.

    Der Bodenspekulation, dem Mietwucher und der Gier muss alles weichen. Ein dem Kapitalismus eigenes Gesetz, wogegen man nicht ankommt.

  • Die Verirrungen der 50er Jahre muss man nicht erhalten. […]

    Es würde Dir sicher gefallen, würde eine ganze Epoche aus der Erinnerung restlos ausradiert werden - die 1950er Jahren waren jedoch kulturhistorisch überaus wichtig, selbst wenn die kleinbürgerliche Mentalität damals vor allem Restauration anstrebte und die Moderne (mal abgesehen vom üppiger gedeckten Tisch) abgelehnt hat…

  • Der Bodenspekulation, dem Mietwucher und der Gier muss alles weichen. Ein dem Kapitalismus eigenes Gesetz, wogegen man nicht ankommt.

    Zum Glück, Kater, müssen wir uns dieses Trauerspiel deutscher Intelligenz nicht mehr so unheimlich lange anschauen......

    Allemagne? C'est un grand Bordel néolibéralement conservateur Merkel'scher l'empreinte


    AMERIKA......oder..... Alles was die Welt nicht braucht....oder....Spiel nicht mit den Schmuddelkindern....



  • Es würde Dir sicher gefallen, würde eine ganze Epoche aus der Erinnerung restlos ausradiert werden

    Warum hat man nicht gleich die Trümmerlandschaften 1945 unter Denkmalschutz gestellt? St. Nikolai ist ein bisschen wenig ...

    Die Architektur der 50er Jahre war geprägt von schnellem und billigem Wiederaufbau. Mit Kultur hatte das nicht viel zu tun.

  • […] Ein dem Kapitalismus eigenes Gesetz, wogegen man nicht ankommt.

    Auch andere Staatsformen, Gesellschaftssysteme und Ökonomien haben nur allzugern vernichtet, abgerissen, planiert, was an ihre Vorzeit zu erinnern verdächtig war… die sozialistische Hemisphäre hat beispielsweise Sakralbauten verfallen lassen, das Christentum hat bei seine Ausbreitung bevorzugt die vormaligen heidnischen Kultstätten mit ihren Kirchen überbaut… der Kapitalismus müsste folglich die Prunkbauten früherer Zeiten durch Bankpaläste ersetzen, aber die Filialnetze der Banken schrumpfen, die Kirchen geben eigene Liegenschaften auf, Burgen und Schlösser rentieren sich allenfalls noch als Hochzeitsfeier-Locations oder als Escape-Room-Spielveranstaltungsstätte… selbst von der großen Zukunftsshow "EXPO 2000" steht ja kaum noch einer der Pavillons, die die damaligen Visionen nachhaltigen Bauens visualisierten…

  • Was ist wichtig an einfallslosen, senkrecht aufgestellten Schuhkartons mit Fenstern?

    Na das man es warm hat und nicht nass wird?

    Allemagne? C'est un grand Bordel néolibéralement conservateur Merkel'scher l'empreinte


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  • Na das man es warm hat und nicht nass wird?

    Eigentlich dachte ich, die Zielrichtung der Frage wäre klar, aber bitte:


    Was ist an diesem Baustil so wichtig für den Erhalt unserer Kultur, dass man es erhalten und unter Denkmalschutz belassen sollte?

    „Fürchte nicht menschlich zu sein, fürchte, nicht menschlich zu sein.“

    (Manfred Hinrich)


  • Für manche Leute ist fast alles "Kultur", was sich als solche ausgibt. Sie haben so wenig Zutrauen zu ihrer eigenen Urteilskraft, dass sie blind folgen, sobald jemand "Kultur" ruft. Aber das hatten wir hier schon mal: "Des Kaisers neue Kleider".



    "Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber"

  • der Kapitalismus müsste folglich die Prunkbauten früherer Zeiten durch Bankpaläste ersetzen

    Hat er. In Frankfurt jedenfalls.

    Dort hat man nach dem Krieg auch vieles platt gemacht, was durchaus hätte gerettet werden können. Aber die Sozis wollten den "wilhelminischen Mief" aus der Stadt haben. Dafür können sich die Leute jetzt in Siedlungen aus Hochhäusern im Brutalismus-Stil wohl fühlen.