• Wie kommst Du auf die Idee, die Gesellschaft habe das Sehen verlernt?

    Es besteht viel mehr die Gefahr, dass zu viele ihrer Individuen das Urteilen verlernt haben und sich allzu leicht von reiner Bauernfängerei au Abdullah blenden lassen, und zwar nicht nur (kunst-)beflissene Laien, sondern auch die vorgeblichen Profis, die sich ihrer Sache so wenig sicher sind, dass sie jeden Dunghaufen interpretieren und bejubeln, um nur ja keinen Fehler zu machen und eventuell ein Kunstwerk zu übersehen. Das ist das eigentliche Elend.

  • Wie kommst Du auf die Idee, die Gesellschaft habe das Sehen verlernt? […]

    Du scheinst das beste Beispiel Verlernen der Fähigkeit des Lesens zu sein, denn ich habe nicht geschrieben, die Gesellschaft habe das Sehen verlernt, sondern ausgedrückt, sie sei dabei, es zu verlernen… das ist ein langsamer, jedoch sich beschleunigender Prozess. Und da Bildrezeption sich zunehmend auf Selfies oder Instagram-Promi-Nachrichten beschränkt, und die Kunstwerken entgegengebrachte Aufmerksamkeit zumeist nur der Prominenz/dem Bekanntheitsgrad des Künstlers oder seines Ausstellungsortes geschuldet ist, ist das Werk selbst in den Augen des Betrachters auch nur noch ein Pixelhäuflein, von dem sich der Blick rasch wieder abwendet… Sehen muss man lernen, und auch das ist ein recht langwieriger Prozess, von dem unsere Mitmenschen (und nach deren Vorbild leider auch der Nachwuchs) sich allzugern ablenken lässt…

  • Du hast tatsächlich nicht geschrieben, dass die Gesellschaft das Sehen verlernt HAT. Du hast geschrieben: "Da die Gesellschaft mehrheitlich allerdings das Sehen verlernt, kann nicht verwundern, dass Kunstbetrachtung zu den aussterbenden Fähigkeiten und Kulturtechniken zu zählen ist." Das ist also ein fortschreitender Prozess, hurra, Du hast recht.


    Nur frage ich Dich dann, warum Du schreibst, dass ich das beste Beispiel für das Verlernen der Fähigkeits des Lesens zu sein scheine und nicht anscheinend das beste Beispiel bin.


    Ich meine, wenn schon Krümelkackerei, dann richtig.


    Und was meinst Du zum Verlust der Urteilsfähigkeit, als schleichender Prozess oder nicht?

  • Wie kommst Du auf die Idee, die Gesellschaft habe das Sehen verlernt?

    Es besteht viel mehr die Gefahr, dass zu viele ihrer Individuen das Urteilen verlernt haben und sich allzu leicht von reiner Bauernfängerei au Abdullah blenden lassen, und zwar nicht nur (kunst-)beflissene Laien, sondern auch die vorgeblichen Profis, die sich ihrer Sache so wenig sicher sind, dass sie jeden Dunghaufen interpretieren und bejubeln, um nur ja keinen Fehler zu machen und eventuell ein Kunstwerk zu übersehen. Das ist das eigentliche Elend.

    MMn gibt es keine gute oder schlechte Kunst. Ob einem etwas gefällt, ist völlig subjektiv. Der eine hat ein Bild mit röhrendem Hirsch vor Berglandschaft im Wohnzimmer, der andere steht auf Grafik von Escher, dem dritten reicht eine mit roter Farbe bepinselte Leinwand, und der vierte lässt sich einen Kuhfladen als Kunst verkaufen und bezahlt dafür womöglich einen sechsstelligen Betrag.

    Das ist alles ok. Nur von der öffentlichen Hand bezahlte Kunst sollte mehrheitsfähig sein.

  • @ Dyl: Das kann man so sehen, ich sehe es auch so, aber diese Meinung ist leider nicht mehrheitsfähig.

    Die Kunstsachverständigen, ob gelernt oder ungelernt, erlaub(t)en sich schon immer, ex cathedra dem Volk, auch in Form so reicher wie ahnungsloser Sammler/innen mitzuteilen, was es für Kunst zu halten hat und was nicht. Meiner Meinung nach liegen sie oft daneben, aber die einschlägigen Päpste schaffen es in trauter Allianz mit dem Kunsthandel, Künstler sozusagen zu erschaffen. Und dann traut sich keiner mehr, "Er ist doch nackt!" zu rufen. Aber das Thema hatten wir schon im alten Politopia-Haus.


    @:substi:: Einer, der Kuhdung für Kunst zu halten bereit war, würde mit entsprechender professörlicher Unterstützung auch Helene Fischer als verkanntes Genie anerkennen.

  • Schlechte Idee. Nach genau diesem Prinzip beschränkt sich nämlich, was etwa im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Kultur gezeigt wird, auf Helene Fischer Shows…

    Das Programm des ö/r Fernsehens ist durchaus abwechslungsreicher. Darfst halt nicht nur ZDF gucken, sondern auch mal 3sat, Arte, Alpha ...

  • Ja, und auch da schon zeigte sich, dass mehrheitlich die Störung des Themas Zuspruch fand… eigentümlich, nicht wahr? Und leider, leider ganz typisch für unsere Gesellschaftsform.

    Zumindest ich sehe keine Störung. Vielmehr sind Abweichungen, wenn sie wieder zurückführen, für allerlei Unterhaltungen ganz typisch. Davon leben sie, denn würde man Aussage, Gegenaussage und ein eventuelles Fazit streng aneinanderreihen, wäre die Unterhaltung schnell vorbei. So ist das jedenfalls im richtigen Leben (sic!). Nicht Vorlesungen, sondern Gespräche, Unterhaltungen, sind der Kitt jeder Gesellschaft in all ihren Formen.


    OT: Aber im Ernst, es gibt hier niemanden, der wie Du so viele seiner Beiträge feuilletonistisch aufzuputzen versucht, indem er in possierlichem Schreibstil von Thema zu Thema hüpft und ganz woanders ankommt, als er losgehüpft ist. Das nenne ich OT, aber niemand stört sich daran, obwohl diese Beiträge in der Regel nicht das Geringste zum Thema beitragen und unbemerkt gestrichen werden könnten. Bei passender Gelegenheit werde ich Dir Beispiele zeigen.