Org. Gehlen/BND....eine Aufarbeitung

  • Um einen Geheimdienst verstehen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie er entstanden ist und warum.

    Es ist wichtig zu wissen, welche Ausrichtung er hat, welche Prioritäten gelten und natürlich spielen Personalien eine essentielle Rolle.


    In dem Buch "Geheime Dienste" aus den Ch. Links Verlag wird genau dies gemacht. Dank Einsicht in bisher geheime Notizen, Akten und Korrespondenzen konnte so ein Bild erstellt werden, dass so gar nicht mit dem eigentlichen und öffentlich dargestellten Bild dieses Dienstes harmoniert.


    Die Organisation Gehlen, wie der Vorgänger des BNDs hieß, ist nicht nur von der Personalie her ein Konstrukt, dass von vorn herein ein merkwürdiges Licht auf diesen Dienst fallen ließ. Auch deren Aktivitäten waren von Anfang an nicht das, was eigentlich vorgesehen war.


    Als Auslandsgeheimdienst konzipiert, wurde in den ersten Jahren diese Ausrichtung stark vernachlässigt. Vorrangig interessierte eher was so in Deutschland selbst los war. Es wurde somit von Beginn an gegen Regeln verstoßen. Inlandsspionage stand nicht auf der Agenda.

    Zitat

    Geheimdienste stehen oft im Verdacht, ihre Sonderstellung zu missbrauchen. Dieser Vorwurf traf vielfach auch den Bundesnachrichtendienst. So wurde dem für die Auslandsaufklärung zuständigen BND vorgehalten, für Adenauer bundesdeutsche Demokraten zu bespitzeln. In den siebziger Jahren tagte dazu ein Untersuchungsausschuss, und verschiedene Bücher präsentierten Indizien. Wie vielfältig der frühe Bundesnachrichtendienst und sein Vorläufer tatsächlich über westdeutsche Politiker, Journalisten und Intellektuelle berichtete, zeigt nun Klaus-Dietmar Henke anhand von BND-Akten. Ebenso belegt er, dass diese denunziatorischen Meldungen regelmäßig an Hans Globke und damit an Adenauer gingen, der so wöchentlich Interna über seine Kritiker erhielt. Zusammen mit anderen neuen Studien zu den Bundesministerien nach 1945 wirft dies einen gewaltigen Schatten auf die Ära Adenauer.


    .....


    Bereits 1946 setzten erste denunziatorische Berichte ein. Erich Kästner etwa sei von den Sowjets gesteuert. Der Publizist Eugen Kogon habe direkte Kontakte zu den Sowjets und als "Ober-Kapo" im KZ in einer Villa gelebt. Beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) machten sie Journalisten mit "eindeutig linksradikaler Orientierung" aus. Aus dem Sender übermittelte der stellvertretende Politik-Chefredakteur August Hoppe dramatisierte Verleumdungen. Eine interne Aufstellung von 1951 zeigt, wer unter welchen Gesichtspunkten ausspioniert werden sollte. Bei der SPD sei etwa auf deren Haltung zum Schuman-Plan, zur Parteiführung und zu den Gewerkschaften zu achten, bei der FDP auf deren Koalitionspläne und "zu krasses Unternehmertum" und bei CDU-Politikern auf "Abwanderungsbestrebungen" zu anderen Parteien. Auf der langen Liste der Parteien und Bünde, deren Beobachtung erwünscht war, standen etwa "Rotary international", der "Bund Christlicher Gewerkschafter" und der "Ellwanger Kreis", dem auch viele christdemokratische Politiker angehörten.

    https://www.buecher.de/shop/ka…prod_id/52537353/#reviews


    (Auszüge aus Rezession der Frankfurter Allgemeinen)


    Natürlich kann ich jetzt nicht davon ausgehen, dass sich jeder hier mitdiskutierende User das Buch kauft.

    Ich selbst hänge seit gut 2 Monaten dran. Nicht weil ich so langsam lese, sondern weil ich gern just in Time Infos nachgehe und versuche Quellen außerhalb dieses Kreises der Autoren zu finden. Desweiteren versuche ich auch die angegebenen Quellen zu nutzen und nachzuvollziehen, was dort geschrieben steht.


    Es ist natürlich auch "harter Stoff", dessen "Verarbeitung" auch mal eine Denkpause bedingt.


    Aus diesem Grund soll auch dieser Einstieg nicht all zu lang und detailliert werden. Einzelne Fälle und Vorfälle werden etwas später genauer beleuchtet und vllt. findet sich ja der eine oder andere, der sich auch mit diesem Werk beschäftigt und seinen Beitrag leistet.


    Ich denke, dass der verlinkte Text ein guter Anfang ist. Mehr später.


    mfg

    Wer in Grenzen denkt, denkt begrenzt.

  • Ich hab da eine ARTE Doku gefunden, die sich mit dieser Historikerkommission beschäftigt.

    Sie zeigt einen kleinen aber recht gut zusammengestellten Komplex von Vorkommnissen, die mit der Personalproblematik zu tun hat.



    Ganz interessant finde ich zum Schluß das "Fazit" des Herrn Egon Bahr. ;)


    mfg

    Wer in Grenzen denkt, denkt begrenzt.

  • Ich schiebe mal noch eine nach, die überraschenderweise auch den sogenannten "Heinz-Dienst" erwähnt und darstellt. Interessant ist, dass die Einschätzung dieses Dienstes über die Absichten der Sowjets/des Ostens realistischer ist, als die des Gehlen Dienst.



    mfg

    Wer in Grenzen denkt, denkt begrenzt.

  • Wie viel Einfluß hatte die "Org" auf Personalentscheidungen bei der Bildung des Staatsapparates?


    Einen sehr mächtigen!


    Heute soll es mal um die obige Frage gehen. Vorweg, der Einfluß war da und wurde massiv genutzt, um Sympathisanten, gute Freunde und Gleichgesinnte in Schlüsselpositionen zu bringen.

    Man sollte vor der Bewertung dieses Aspektes wissen, dass die "Org" bis zu ihrer offiziellen Ausrufung als BND ein vom Ausland (USA) finanzierter Geheimdienst war. Das ist später noch wichtig.


    Wie bringt man nun eine Regierung dazu, Personalentscheidungen zu treffen, die im eigenen Interesse sind? Vorrangig durch die von mir erwähnten "Sonderverbindungen", durch V-Männer und freiwillig zutragende "Kontakte". Entschlüsselt heißt das nichts anderes, als dass Menschen aus verschiedenen Bereichen die "Org" mit Informationen belieferten, Interessen in ihrem Ressort durchsetzten und dabei nie offizielle Mitarbeiter der Org" waren.


    Einige möchte ich hier mal aufzählen.

    Hans Globke (Deckname "Globus")

    Franz Blücher (ein freiwilliger Fürsprecher)

    Josef Schwalbner (CSU, Sonderverbindung [SV] J-1817)

    Michael Freiherr von Godin (SV S-1944 Deckname "Gustav")

    Hans von Lex (SV J-1814)


    Für den Anfang soll das mal reichen. Es kamen natürlich im Laufe der Aufbauphase noch einige dazu, diese werde ich in späteren Posts als SV" kennzeichnen.


    Durch die Entscheidungsgewalten dieser Personen und deren Wirkung konnte die Org nun ihnen wohl gesonnene Personen identifizieren und nutzen. Einige machten das aus Überzeugung und andere aus reinem Selbstnutzen. Denn so konnten unliebsame Konkurrenten im politischen Spiel ausgebootet und diskreditiert werden.

    Plakativ dafür ist die Gründung des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Schon die Konzeptionierung dieses offiziellem und vom Parlament kontrollierten Dienst für die Inlandsspionage, stoß dem Herrn Gehlen sauer auf. Denn nach seiner Vorstellung sollte beide Gebiete, Inlandsspionage und Auslandsspionage in eine Hand gehören.

    Auch die Engländer wollte diese Trennung. Aus diesem Grund war das für die Org auch ein Grund, die Engländer als "Feind" zu betrachten.

    In dieser Phase der Bildung dieses Dienstes gab es mehrere Personalien, die für die Führung dieses Amtes in Frage kamen. Die Vorläufer Organisation, das Amt Blank, in diese integriert werden sollte der FWHD (Friedrich Wilhelm Heinz Dienst), dessen Chef Gerhard Graf von Schwerin (Link) wurde.

    Die offizielle Gründung selbst gestaltete sich allerdings etwas schwierig, denn kein Kandidat entsprach den Vorstellungen des Herrn Gehlen.


    In dieser Zeit entwickelte die Org ein Eigenleben, wie es so in der BRD nicht denkbar gewesen ist.

    Da die ersten Vorschläge nicht aus den "Fahnentreuen" Reihen der Gehlen-Leute kamen und es auch nicht absehbar war, sich mit diesen zu arrangieren und sie als Info-Quellen zu nutzen, mußten die weg.


    Und so kam es auch. Jeder Prozess, der gegen einen Kandidaten geführt wurde, war von der Org beeinflußt und mit dramatisierten, überzogenen und erfundenen Argumenten befüttert.

    Es begann mit Maßnahmen gegen Gerhard Graf von Schwerin, die den Auftakt einer Beeinflussungsaktion starteten. Schwerin fasste das einmal kurz zusammen: " Schwerin kritisierte, Adenauers informelle Beratergruppe ehemaliger Generale diffamiere ausgerechnet diejenigen Offiziere als Landesverräter, die Widerstand gegen das NS-Regime geleistet hatten."


    Diese "Beratergruppe" war nichts anderes, als die von der Org eingesetzten und ihre Motivation unterstützenden Kräfte in den Ministerien und der Presse. Es wurde sogar als Argument angebracht, dass einige aus dem Amt Blank englische Geheimdienstmitarbeiter, zumindest aber von den Engländern finanzierte Spione waren. Was natürlich besonders delikat war, denn die Org war ein zu 100% aus den USA finanzierter Dienst. Sie war noch nicht mal offizieller Geheimdienst (Ausland) in der noch jungen BRD.


    Blank selbst hatte seien Probleme mit diesem Dienst und beanstandete das auch.

    Zitat aus seinem Auftritt in Wiesbaden.


    "Dei Abgeordneten hätten ihm alle versichert, dass sein Abteilung die Keimzelle der deutschen Abwehr sein. Der Apparat des General Gehlen käme für diese Aufgabe nicht in Frage, weil außer vielen anderen Bedenken bei General Gehlen beschäftigten Persönlichkeiten beschäftigt würden, denen auf Grund ihrer Vergangenheit mit größter Vorsicht begegnet werden müsse. ...


    ...der Gehlen-Dienst sein ein amerikanisch-deutsches Unternehmen, dass sich nicht auf militärische und wirtschaftliche beschränke, sondern arbeite auch innenpolitisch in der Bundesrepublik."


    Eine Zusammenarbeit mit einem nicht offiziellen Dienst, der aus dem Ausland finanziert sei und nicht der Kontrolle des Parlamentes unterliegt, könne deshalb nicht zugestimmt werden.

    Das Ende der Diskussion war der Prozess und die Verleumdungskampagne, die ihren Ursprung in Pullach hatte.


    So oder so ähnlich verliefen andere Verfahren, die gegen die ersten Personalien im Amt für Verfassungsschutz abliefen. Wieviel Einfluß durch die Politik der USA dort zu finden ist, ist heute kaum noch nachvollziehbar. Lediglich das Konkurrenzverhalten zwischen den Briten und der USA kommt hier beeindruckend zur Geltung. Die USA hatten nie ein Interesse mit den Briten zu kooperieren. Denn durch die strikte Trennung der Auslands- und Inlandsgeheimdieste wäre eine politische Gesinnungskontrolle nie möglich gewesen. Es ging dabei aber nie darum, alte Nazis zu identifizieren und unschädlich zu machen, sondern eher darum, alte Netzwerke wieder zu aktivieren und bestimmte politische Richtungen zu unterdrücken und/oder zu diskreditieren. Wie man am Beispiel der vielen Prozesse gegen BfV Vorsitzenden sehen kann. Schon der Verdacht als ehemaliger "Hitler-Gegner" eingestuft zu werden reichte aus, diese Personalien zu kippen und politisch zu entsorgen.


    Schwerin, Eland und Blank können ein Liedchen davon singen.


    mfg

    Wer in Grenzen denkt, denkt begrenzt.