Gisela Steineckert(88) - ein Interview

  • Das habe ich jetzt ganz langsam und aufmerksam gelesen. Bei einigen Sätzen bin ich richtig erschrocken und hab gedacht: "Und DEM trauern so viele nach?"

    Wahrscheinlich muss man die DDR in sich aufgesogen haben, um manche Ungeheuerlichkeiten ganz naiv zu sagen oder völlig selbstverständlich hinzuschreiben - so wie der Kater, der ganz im Ernst schrieb, man hätte sehr wohl seine eigene Meinung haben können, sie aber eben nicht sagen...

    Aber danke für den Link, man kann sich manches Denken als Wessi ja gar nicht vorstellen.



    "Oh Tor, im Unglück ist Trotz nicht förderlich!" (Sophokles: Ödipus auf Kolonos)

  • "Und DEM trauern so viele nach?"

    Wahrscheinlich muss man die DDR in sich aufgesogen haben, um manche Ungeheuerlichkeiten ganz naiv zu sagen oder völlig selbstverständlich hinzuschreiben - so wie der Kater, der ganz im Ernst schrieb, man hätte sehr wohl seine eigene Meinung haben können, sie aber eben nicht sagen...

    Man muss der DDR nicht nachtrauern, die Mehrzahl, darunter auch ich, tun das auch nicht. Zudem hat die DDR mir ermöglicht, mich allseitig und umfassend zu bilden. Ob das möglich gewesen wäre, wäre ich in der BRD 1946 in einer Arbeiterfamilie geboren worden, sei dahingstellt. Aufgrund dieser Bildung und in Ergänzung durch die Erfahrungen eines Lebens habe ich immer eine eigene Meinung entwickelt und vielfach auch gesagt. Allerdings muss eine Meinung keineswegs staatsfeindlich sein, wenn sie kritisch ist. Auch wusste man mit etwas Menschenkenntnis, wo es angebracht war offen zu reden und wo man besser der Blödheit nicht Futter geben sollte.

  • Das "Zudem" im zweiten Satz ist etwas verräterisch. Es konterkariert Deine Versicherung, der DDR nicht nachzutrauern.


    Auch in der BRD hat es zahllose gebildete Arbeiterfamiliensprößlinge gegeben, es hing eben davon ab, ob sie den Übergang zum Gymnasium geschafft haben oder nicht, und ob die Eltern einen anderen Lebensweg im Sinn hatten, wobei ja Bildung nicht unbedingt vom Gymnasiumsbesuch abhing und -hängt. Was aber keine Rolle gespielt hat, war der politische und bildungspolitische Hintergrund der Familie. Arbeiterkinder wurden nicht gefördert, Professorenkinder nicht von weiterführenden Schulen ausgeschlossen, wenn sie keine Einser-Schüler waren, so dass man nicht umhin konnte.


    Was einen Wessi erschrecken kann, sind Deine zahlreichen Formulierungen, die auf einen engen Maulkorb hinweisen: Man durfte eine eigene Meinung haben, aber nicht unbedingt sagen, Du hast eine eigene Meinung entwickelt, und vielfach auch gesagt...und man brauchte Menschenkenntnis, um zu wissen, wo es angebracht war, offen zu reden...


    Das ist fürchterlich.



    "Oh Tor, im Unglück ist Trotz nicht förderlich!" (Sophokles: Ödipus auf Kolonos)

  • Wenn man der Meinung ist, dass Produkte aus illegalen Siedlungen im Westjordanland boykottiert werden sollten, dann kann eine Meinungsäußerung auch heute noch Konsequenzen haben.


    In jedem Rechtssystem gibt es Einschränkungen und bei Nichtbefolgung Konsequenzen.

    Mal mehr, mal weniger.

    Äußere deine Meinung über die Organisation einer Firma und zeige deren Fehler auf, mit guten Absichten, um etwaige Verbesserungen anzuregen.

    Konsequenz: Persona non grata!

    Begründung: "Wir machen keine Fehler!


    Selbst erlebt, selbst gemacht. Viel Zustimmung bei den anwesenden, viel Verärgerung bei den Verantwortlichen. Und wenn du nach 3/4 Monaten einen triffst, der dabei war, dann geht es runter wie Öl wenn der sagt, dass du damals recht hattest und einige nach der Aktion sehr viel Nachdenklichkeit erzeugt hast.


    Mein Gewissen ist rein. Aber wir sind als Dienstleister bei dieser Firma nicht mehr erwünscht.

    Und das, obwohl wir genau dafür engagiert wurden. ;)


    mfg


    PS: Wenn du genau wissen willst, was da los war, dann nur via PN. :)

  • ...Das ist fürchterlich....

    Fürchterlich war einzig, dass es in Deutschland und weiteren Staaten Faschismus gab, ein fürchterlicher Weltkrieg von Deutschland aus im Ergebnis des I. Weltkriegs hervorging, der zur dt. Teilung führte und die Deutschen an die Nahtstelle zwei divergenter Systeme positionierte, die sich feindlich gegenüber standen. Und noch fürchterlicher ist, dass heute keine Lehren aus der Geschichte gezogen worden sind, dass sich schon wieder ein Wettrüsten abzeichnet und Krieg erneut als politisch akzeptabel betrachtet wird. Hier liegen die Ursachen für ein zivilisatorisch unterschiedliches Grundverständnis auch nach dem Anschluß der DDR an die BRD, der eben keine Wiedervereinigung darstellt, bis heute zumindest nicht.

  • Wenn man der Meinung ist, dass Produkte aus ....

    War damals zwar enorm plakativ aber auch enorm wirksam, der durch Umweltgruppen wie Greenpeace initierte Konsumentenboykott von Shell wegen Brent Spar.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Brent_Spar


    Seit dem wird ein möglicher Aufruf zum "Konsumentenboykott" von wem auch immer und für was auch immer schon im Ansatz verunglimpft und vehement von den Interessantengruppen der Betroffenen mit allen Mitteln bekämpft.


    Ein Zeichen wie wirksam solch ein Verhalten des Einzelnen doch ist.

  • Jup BRM, es ist ein wirksames Mittel. Also wird es verboten. Großdemos sind ja weiterhin erlaubt. Würde man die Logik bedienen, dann würde man merken, dass diese nichts bringen. ;)


    Ich schrub ja schon mal, dass Proteste auf der Straße zwar ein Ventil sein können, diese werden aber nie etwas bewirken. Auch FfF wird sich totlaufen. Früher oder später.

    Und das auch die nichts bringen, beweist das aktuelle "Klima-Paket" der Bundesregierung. ...von wegen Menschheitsherausforderung! Halbgewalgte Ansagen, die nichts mit "Lenkung" und CO2 Grenzwerte zu tun hat.


    mfg

  • Vom "Mundaufmachen" im privaten und beruflichen Bereich war aber gar nicht die Rede. Der Kater hat eindeutig die Politik gemeint. Ich kann meinem Nachbarn auch nicht "offen" sagen, dass ich seine Frau scheußlich finde, ich kann auch meinen Auftraggebern nicht "offen" sagen, dass es schwer wird, an ihren Produkten was zu loben, ich kann aber sogar der Öffentlichkeit mitteilen, dass ich diesen oder jenen Politiker schlecht und unsympathisch finde und ihm alles Schlechte zutraue. Davon war die Rede.

    Kritisiere ich die Produkte potentieller Auftraggeber, werde ich den Auftrag nicht bekommen. Man kann auch Nachteile bekommen, wenn man den rechtslastigen Auftraggebern erzählt, man finde ihre politischen Ansichten unterirdisch. Man schadet eben seinem eigenen beruflichen Fortkommen, aber der STAAT mischt sich nicht ein. Darum ging es.

    Ich weiß nicht, was daran so schwer zu verstehen ist.



    "Oh Tor, im Unglück ist Trotz nicht förderlich!" (Sophokles: Ödipus auf Kolonos)

  • Ich spielte auf die BDS Bewegung an. Das ist Politik. Und die meinte ich auch.


    Und wenn du jemandem, der ein schlechtes Produkt loswerden will, nicht sagst, dass es ein schlechtes Produkt ist, dann ist das ein Opportunismus, den ich zB nicht nachvollziehen kann.


    mfg

  • Vom "Mundaufmachen" im privaten und beruflichen Bereich war aber gar nicht die Rede. Der Kater hat eindeutig die Politik gemeint. Ich kann meinem Nachbarn auch nicht "offen" sagen, dass ich seine Frau scheußlich finde, ich kann auch meinen Auftraggebern nicht "offen" sagen, dass es schwer wird, an ihren Produkten was zu loben, ich kann aber sogar der Öffentlichkeit mitteilen, dass ich diesen oder jenen Politiker schlecht und unsympathisch finde und ihm alles Schlechte zutraue. Davon war die Rede.

    Kritisiere ich die Produkte potentieller Auftraggeber, werde ich den Auftrag nicht bekommen. Man kann auch Nachteile bekommen, wenn man den rechtslastigen Auftraggebern erzählt, man finde ihre politischen Ansichten unterirdisch. Man schadet eben seinem eigenen beruflichen Fortkommen, aber der STAAT mischt sich nicht ein. Darum ging es.

    Ich weiß nicht, was daran so schwer zu verstehen ist.

    Natürlich mischt sich der Staat ein, wenn eine Meinungsbildung Massencharakter annimmt. Die Meinungsführer werden diskriminiert oder anders mundtot gemacht, die staatlichen oder öffentlichen Stellen verweigern Versammlungen oder die Bereitstellung von Räumen, es werden selbst honorige international angesehene Redner ausgeladen, wenn es z. B. um BDS geht. Spätestens mit dem Bundestagsbeschluß zu BDS wurde deutlich, was in Deutschland noch Meinungsfreiheit ist.

  • Natürlich mischt sich der Staat ein, wenn eine Meinungsbildung Massencharakter annimmt. Die Meinungsführer werden diskriminiert oder anders mundtot gemacht, die staatlichen oder öffentlichen Stellen verweigern Versammlungen oder die Bereitstellung von Räumen, es werden selbst honorige international angesehene Redner ausgeladen, wenn es z. B. um BDS geht. Spätestens mit dem Bundestagsbeschluß zu BDS wurde deutlich, was in Deutschland noch Meinungsfreiheit ist.


    Ganz einfach...

    Hat sich direkt der Staat bei den auf den Bildern eindeutig erkennbaren hier ...https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/gesellschaft/2704029863/1.5327741/facebook_teaser/merkel-galgen-auch-im-kleinformat-nicht-strafbar.jpg

    "eingemischt", oder nicht ? Wäre das so in etwa bei "Reserviert für Honi und Konsorten" vor 1989 auch so abgelaufen ?

    Was sind die Konsequenzen für die besagten Pegidisten heute, was wären Sie in der DDR gewesen ?

    Mal generell von einer negativen Versammluingsfreiheit dorten abgesehen.


    Und das mit dem Thema BDS in irgendeiner auch nur annähernd in Vergleich zu ziehen.....

  • ...........Ganz einfach...

    Ob auf irren Pegida- oder AfD Demonstrationen derartige absurde Dinge gezeigt werden, macht dem System nichts aus. Wenn aber BDS in Deutschland aufgegriffen wird und eine Massenbasis erreicht, müsste sich die deutsche Politik grundsätzlich ändern und Israel als Staat wie jeder andere beurteilt werden, dem man Völkerrechts- und Menschenrechtsverletzungen, ethnische Säuberungen und Staatsterror nicht ungestraft durchgehen lassen würde!