Verachtung des Eigenen

  • Hierzuforum fällt mir auf, dass einige User die EU schmähen, die Bundesregierung verachten, unseren Verbündeten USA hassen, die NATO als Gefahr deuten, Marktwirtschaft voll doof finden, Deutschland in Kontinuität zum NS-Staat sehen und generell die westliche Welt ablehnen. Woher kommt sowas? Wie wird man so?


    Stattdessen lieben sie Marxismus, Putin und Russland, als könnten diese die Welt retten. Ich finde das total irre. Kann das jemand erklären?

  • Das meinst du doch ironisch. Ich habe schon Einzelheiten aufgezählt. Fühlst du dich diesen Miesmachern etwa verbunden? :(

    Ich kann Dieter da schon verstehen:

    ... die EU schmähen, die Bundesregierung verachten, unseren Verbündeten USA hassen, die NATO als Gefahr deuten, Marktwirtschaft voll doof finden, Deutschland in Kontinuität zum NS-Staat sehen und generell die westliche Welt ablehnen ...

    Erstens zählst du ein ganzes Paket an Einstellungen auf, so als ob jemand, der einen dieser Punkte so sieht, alle anderen ebenfalls so sehen müsste.


    Zweitens formulierst du - wie es mir leider heute oft üblich zu sein scheint - sehr drastisch im 'Entweder-schwarz-oder-weiß-gut-oder-böse-Stil'. Man muss beispielsweise die EU nicht prinzipiell ablehnen, um z. B. ihre teilweise in Bürokratie erstarrenden Abläufe und Strukturen zu kritisieren, man muss die USA nicht hassen, um z. B. ihre Außenpolitik kritisch sehen zu können, man muss Marktwirtschaft nicht ablehnen, um ihre negativen Auswüchse in den Fokus rücken zu dürfen ... Das ist m. E. genauso wie mit dem Islam (und das wird für die nächsten Wochen das letzte Mal sein, irgendetwas zum neuen Forenhauptmegathema "Islam/Muslime" geschrieben zu haben ;) ). Ich muss die Augen vor der Gefahr aggressiver Fanatiker nicht verschließen, um mich weiterhin mit vielen friedlichen, weltoffenen Muslimen freundschaftlich verbunden zu fühlen und sie vor unberechtigter Kritik in Schutz zu nehmen.


    Was m. E. vielen Diskussionen heutzutage abgeht, ist der Versuch, die Argumente des Gegenübers wahrzunehmen, ernsthaft darüber nachzudenken, ihren Wahrheitsgehalt möglicherweise zu würdigen. 'Man' ist stattdessen entweder strikt und komplett für oder gegen etwas ("Männer sind Schweine ... Ausnahmen gibt's leider keine.") und bleibt für immer und ewig dabei. 'Man' hört sich nicht gegenseitig zu, sondern verkündet ... fast so als wäre man selbst Anhänger einer Religion. ;)

  • Das meinst du doch ironisch. Ich habe schon Einzelheiten aufgezählt. Fühlst du dich diesen Miesmachern etwa verbunden? :(

    Natürlich war das ironisch gemeint. Und was soll mit mir sein? Ich halte die EU in ihrer derzeitigen Verfasstheit für mindestens erheblichst renovierungsbedürftig und keineswegs für segensreich. Jedenfalls für die Masse der EU Bürger. Ich finde, die derzeitige Bundesregierung hat mehr Probleme geschaffen als gelöst. Die Nato ist für mich ein Auflösungskandidat, weil nicht mehr in die Zeit passend und in Teilen ausweislich ihrer Aktionen auch für gefährlich. Marktwirtschaft find ich gut, Marxismus halte ich für eine Utopie und Russland als solches mag ich. Nur so stichpunktartig. Wie passe ich jetzt in dein Schema?? Du verstehst das Problem?

  • Erstens zählst du ein ganzes Paket an Einstellungen auf, als ob jemand, der einen dieser Punkte so sieht, alle anderen ebenfalls so sehen müsste.

    Aber nein, es gibt durchaus verschiedene Ansatzpunkte, die die Feinde des Westen nutzen um ihren Hass zu artikulieren. Sie können, was das betrifft, sogar sehr phantasievoll sein.


    Aber letztlich meinen sie doch alle das gleiche. Eine diffuse Unzufriedenheit gegenüber der eigenen Existenz. Verachtung der Wohlstandsgesellschaft, die sie hervorbrachte und die sie ernährt. Oft heucheln sie Empathie gegenüber unterdrückten Gruppen, aber nur um ihre politische Agenda zu pushen. :(

  • Hierzuforum fällt mir auf, dass einige User die EU schmähen, die Bundesregierung verachten, unseren Verbündeten USA hassen, die NATO als Gefahr deuten, Marktwirtschaft voll doof finden, Deutschland in Kontinuität zum NS-Staat sehen und generell die westliche Welt ablehnen.

    Habe ich hier noch nie gesehen. :kopfkratz2: Warum denkst Du das ?

  • […] Warum denkst Du das ?

    Schade, dass meine Antwort auf Deine Frage in die Resterampe verschoben und damit aus dem Zusammenhang gerissen wurde.

    Die von User "pittbull" hier thematisierte Verachtung des Eigenen ist genaugenommen lediglich das Metaphänomen der nun einmal in unserer Gesellschaft etablierten Sucht nach Neuem bzw. nach exotisch anmutendem. Selbst "politische Überzeugungen" sind im Zeitalter der Massenkultur reine Modeartikel, die saisonal gewechselt werden. Und da unsere Gesellschaftsform (die Inkraftsetzung des Grundgesetzes jährt sich diesen Mai zum 72. Mal) das Rentenalter erreicht hat, zählt es zu den vorerkrankungsgeschädigten und somit gefährdeten Hochrisikogruppen… man könnte es auch so erklären, dass die amtierende Bundesregierung - aber auch das Gros der Bürger - der Erbengeneration angehört, die mit dem ihr in die Hände gefallenen Nachlass nichts anzufangen weiß, und es nur rasch zu liquidisieren gewillt ist…


    So ähnlich handelt ja auch zumeist, wer etwa einen gut eingeführten Handwerksbetrieb oder ein familiengeführtes Unternehmen erbt.

  • ... in unserer Gesellschaft etablierten Sucht nach Neuem bzw. nach exotisch anmutendem ...

    Nennt sich Neugierde und führt zur Weiterentwicklung. Außerdem macht es Spaß (also genau das, wovon offenbar nicht jeder hier genug hat), sich mit bisher Unbekanntem zu beschäftigen. Willst du dein ganzes langes Leben immer dasselbe sehen und tun?


    Glaubst du wirklich, 'früher' sei alles besser gewesen? ;)

  • man könnte es auch so erklären, dass die amtierende Bundesregierung - aber auch das Gros der Bürger - der Erbengeneration angehört, die mit dem ihr in die Hände gefallenen Nachlass nichts anzufangen weiß, und es nur rasch zu liquidisieren gewillt ist…

    Es wäre schön,zu der "geplanten Liquidierung" mal 'n paar Fakten zu erfahren.

    Wer will womit,wann und wie die Republik abschaffen??

    Nebenbei: das Grundgesetz,unsere Verfassung,hat ja nun schon eine Vielzahl von "Renovierungen" erlebt.Alles durch "Staatsstreiche"?

    Kopp hoch und wenn der Hals ooch dreckig ist!

  • Die von User "pittbull" hier thematisierte Verachtung des Eigenen ist genaugenommen lediglich das Metaphänomen der nun einmal in unserer Gesellschaft etablierten Sucht nach Neuem bzw. nach exotisch anmutendem. Selbst "politische Überzeugungen" sind im Zeitalter der Massenkultur reine Modeartikel, die saisonal gewechselt werden.

    Ich finde es ja ein bisschen komisch, dass Du heute den Pitti vertrittst, aber findest Du wirklich ich wäre süchtig nach Neumodischem, wenn ich die EU kritisiere ? Ich meine, ich kann das zwar nicht so gut wie BoJo oder Nigel aber ich habe mich immer um einen Aufhänger bemüht, 8) den ich bei den Amis ja gar nicht groß suchen muss, weil die Amis sowieso noch viel beknackter sind als die Briten. :hehehe: Allerdings entlastet mich Deine Vermutung ja auch wieder in Bezug auf "Feind des Westens", denn ich laufe ja nur Modeerscheinungen nach. :grins:

  • […] findest Du wirklich ich wäre süchtig nach Neumodischem, wenn ich die EU kritisiere ? […]

    Die weitaus meisten meiner Beiträge formulieren, wenn nicht ausdrücklich anders angegeben, auf allgemeingültig oder mehrheitlich zu verstehende Aussagen, die den sich aus dem Zitat ergebenden Bezug beantworten. Auch User "pittbull" wird mit dem Startbeitrag zu diesem noch jungen Thread nicht Dich persönlich gemeint haben, sondern eine Tendenz zur reflexartigen Ablehnung des der Vorgeneration gewissermaßen selbstverständlichen common sense.

    Dass ich "pittbull" in diesem Punkte beispringe, liegt an der Nähe zur Thematik, die ich im "Mentalität des Vergessens"-Thread bereits umrissen habe, worauf ja ebenfalls meist eher in recht themenfremder, intentional jedoch vor allem ablehnender Weise geantwortet wurde und wird.


    Es gibt sicher oftmals gute Gründe, Einzelentscheidungen, die von der EU-Kommission oder dem EU-Parlament etroffen werden, zu kritisieren - aber lehnst Du etwa die EU als Ganzes ab?

    Wie stark die Wirkung des Begriffs selbst eines moderaten Konservatismus, zum Reizwort mutiert ist, zeigt sich etwa in jaki01 Beitrag #10, der sogleich die hier innerhalb der Politopia auch von anderen Usern wiederholt (meist in provokative Absicht) geäußerte Redensart, früher sei alles besser gewesen, hier jedoch als rhetorische Gegenfrage formuliert, nachschiebt.

  • Wie stark die Wirkung des Begriffs selbst eines moderaten Konservatismus, zum Reizwort mutiert ist, zeigt sich etwa in jaki01 Beitrag #10, der sogleich die hier innerhalb der Politopia auch von anderen Usern wiederholt (meist in provokative Absicht) geäußerte Redensart, früher sei alles besser gewesen, hier jedoch als rhetorische Gegenfrage formuliert, nachschiebt.

    Sorry, aber wenn ich dich lese, klingt das so gut wie immer nach "Früher war alles besser!" ... aber sag an, was hat sich deiner Meinung nach denn verbessert?

    Welche Entwicklung findest du spannend? Elektroautos? Die Brennstoffzelle? Selbstfahrende Autos? Die Nutzung von Solarenergie? Blockchaintechnologie/Kryptowährungen? Die Tatsache, dass so gut wie jeder Mensch heutzutage mit einem kleinen Supercomputer herumläuft, mit dem er fotografieren, Videos machen, Musik hören, im Internet surfen und sogar telefonieren kann? Begrüßt du es wenigstens, dass die Schreibmaschine dem Laptop weichen musste? Irgendetwas? Oder ist einfach alles immer nur schrecklich, vom Aussterben der Videotheken bis hin zu Gretas Klimawandel?

  • […] Begrüßt du es wenigstens, dass die Schreibmaschine dem Laptop weichen musste? […]

    Weswegen sollte ich diese "Entwicklung" begrüßen? Was ist so toll daran, dass die Gerätenutzungszeiten sich stetig verkürzen? Dass der Schreibwarenhandel(die Papeterien seltener werden? Dass der PC den Arbeits-/Tempodruck erhöht? Dass mit der Bildschirmarbeit auch die Bereitschaft und Fähigkeit, längere, zusammenhängende Texte zu lesen, flächendeckend nachlässt? Vom sprachlichen Ausdrucksvermögen der Journalisten und der Literaten ganz zu schweigen… dass mit Homeoffice und e-Commerce der persönliche Kontakt zwischen Kollegen, aber auch zwischen Kunden und Ansprechpartner verlorengeht?


    Der Mensch der Zukunft wird seiner Wickelkommode und seinem Strampelanzug gar nicht mehr entwachsen mßssen, wenn die smarte Küche per Onlineshopping das Hotel Mama nahtlos ersetzt, und das autonom fahrende Privatwägelchen an der Wallbox auf den günstigsten Stromtarif wartet, während Otto Normalnerd sowieso kein geeignetes Fahrtziel einfällt, und die Routenvorschlagssoftware erst einmal upgedatet werden muss, und bis zur Bereinigung der in der aktuellen Version vorhandenen Bugs sich mit der Anzeige eines pittorisken Baustellensymbols begnügt…

  • Ich finde die von dir kritisierten technologischen Errungenschaften weiterhin 'supergut' (und auch du selbst benutzt ja Computer und Internet überaus fleißig - kannst dich ja nächstes Mal stattdessen mit einer Schreibmaschine hier einloggen). Es ist richtig, dass ich aufgrund von Technologie bestimmten Menschen nicht mehr persönlich begegnen muss, aber dafür kann ich mehr Zeit mit Freunden und Familie verbringen, m. E. ein ganz dickes Plus.

    Dass dein Textverständnis und sprachliches Audrucksvermögen besser wäre als dasjenige eines 'Bildschirmmenschen' wie beispielsweise mir selbst, wage ich jetzt einfach mal zu bezweifeln.

    So könnten wir uns nun Punkt für Punkt widersprechen, was aber doch eigentlich müßig ist, da es mir nicht darum ging, dich zu nötigen, genau die von mir genannten Entwicklungen ganz toll zu finden ... Stattdessen fragte ich, ob es überhaupt Entwicklungen gibt, die du begrüßt? Sollte dem nicht so sein, betrachtete ich es als weiterhin absolut angemessen, dich der "Früher-war-alles-besser-Fraktion" zuzuordnen.

  • dafür kann ich mehr Zeit mit Freunden und Familie verbringen, m. E. ein ganz dickes Plus.

    Genieße die Zeit mit Freunden und Familie, denn ja älter man wird, desto mehr von Beiden sterben. <3

    Die linke Ideologie hat eine eigene Ansicht, was unter Kultur zu verstehen ist.
    Bestes Beispiel war die Kulturrevolution in China.




  • Wie schön war doch die Zeit,als ich noch mit Hammer und Stichel in die Steintafel schrub. Wie vielen Schreibknechten konnte ich Lohn und Brot geben,wie viele Steinbrecher konnte ganze Dörfer mit ihrer Arbeit ernähren.Und wie heimelig war doch die Zeit,als wir uns noch ums Spanfeuer versammelten und auf der Flöte aus Mammutknochen das eine oder andere Liedlein bliesen. Dumm nur,dass die meisten von uns schon vor dem dreissigsten Jahr des Lebens in das nicht immer grüne Gras bissen....

    Schön war die Zeit,odrrr?

  • Wer diesen immer währenden Zyklus der Veränderung zu hart bejammert belügt sich doch in weiten Teilen selbst und bleibt doppelt hinten dran.

    Wer sich ein wenig mit der Geschichte der "modernen" Gesellschaft beschäftigt weiß das auch. Das Fahrrad. Was für eine Opposition hat dieses Gerät in den 1890ern erlebt. Die Kirchen, die "Sittlichkeits und Anstandsverbände", die Ärzte, die Droschkenbesitzer, die Pferdeverleiher und Stallbesitzer, die Schneider / Bekleidunghersteller generell, Hut und Putzmacher, selbst die Kneipiers und Restaurantbetreiber usw. usw und durch deren Lobbyisten natürlich der Staat und Behörden waren dagegen.

    Und was war nur ein paar Jahre später ?


    Die Menschen die sich das Fahrrad leisten könnten wären zum ersten Male autonom unterwegs. Aber auch ohne ein Rad zu besitzen hat das Rad vielen Vorteile gebracht. Die genannten Institutionen sowie Gaststätten und Restaurants lockerten ihre Kleidervorschriften, die Mode für Frauen veränderte sich hin zu praktikablen Modellen (Ohne Korsett, zB.) Und unverheiratete Frauen, Mädchen konnten viel freier und ohne "lästige" Begleitung unterwegs sein als vorher...


    P.S. Und das sagt jemand der sich äußerlich und in seinen Accessoires zwischen Dowton Abbey, Peaky Blinders und Hercules Poirot bewegt...

  • […] du selbst benutzt ja Computer und Internet überaus fleißig […]

    Das Internet zu nutzen, ich beschrieb es bereits mehrmals, begann ich im Herbst 1997, nachdem man mir in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg ein im Bestand vorhandenes Buch im Lesesaal vorzulegen verweigerte, weil ich mir keinen Leserausweis hatte ausstellen lassen, der ja nur für die Entleihung von Medien nötig gewesen wäre. Ich hatte ja zu keinem Zeitpunkt vor, die angeforderte Ausgabe der Review of Contemporary Fiction aus der Bibliothek zu entfernen, ich wollte im Lesesaal etwas darin nachschauen und ggf. fotokopieren.


    Natürlich gibt es allerlei Kulturtechniken und Fertigkeiten, die dem Fortschritt und dem Nutzen der Menschheit nützlich waren - das Industriezeitalter gibt eindrucksvoll Kunde davon, und das längst nicht nur im Gigantismus der Schwerindustrie…