So etwas nennt sich Kultur?

  • Was wäre in der Türkei los, wenn man dort schriebe "Türk mich nicht voll"?

    Sollten 'die' Deutschen gelassener auf "Deutsch mich nicht voll" als 'die' Türken auf "Türk mich nicht voll" reagieren können, sähe ich das nicht als Schwäche, sondern Pluspunkt. ;)


    Warum sich sofort wutschnaubend empören statt rational darüber nachzudenken, was die Motive dafür sein könnten, diesen Schriftzug am Theater prangen zu lassen?


    Ich versuch's mal: Würde ich jemanden auf Deutsch ansprechend und der antwortete "Deutsch mich nicht voll!", hielte ich ihn wohl für einen Vollidioten. Allerdings fühle ich mich selbst in anderer Hinsicht auch zuweilen 'vollgedeutscht', und zwar dann, wenn es darum geht, wie sich ein Deutscher so zu verhalten hat, um seine 'Werte' zu leben, eine 'Leitkultur' zu implementieren, seine Traditionen zu wahren (wobei dann irgendwelche Leute, die sich für besonders 'deutsch' halten, mir anmaßend erklären wollen, was meine Traditionen bzw. meine Kultur zu sein hätte ;) ). Selbst als Deutscher fühle ich mich da des Öfteren ziemlich vollgedeutscht - wie mag es dann erst so einigen hier lebenden Nichtdeutschen gehen?


    Ich vermute übrigens ich würde mich als Türke in der Türkei wahrscheinlich noch viel 'vollgetürkter' fühlen als ich mich als Deutscher in Deutschland 'vollgedeutscht' fühle. Ich finde diese ganzen Nationalismen, die verlangen, sich von irgendwem ausgedachte Verhaltensweisen zu eigen zu machen, um sich als gutes Mitglied irgendeines Staats, einer Glaubens- oder Wertegemeinschaft zu präsentieren, einfach suuuper anstrengend und oft auch gefährlich.

  • Warum soll sich das nicht Kultur nennen? Um mal bei deinem Threadtitel zu bleiben.


    Ehrlich gesagt, ist es mir völlig egal, was in der Türkei los wäre, wenn man dort schriebe "Türk mich nicht voll". Das wäre allein deren Problem, wenn eine solche Kunstinstallation mit diesem Titel überhaupt stattfinden dürfte. Aber bleiben wir mal in Deutschland, wo die Zeiten, in denen dem Volk ausnahmslos astreine, arische Kunst verordnet wurde, glücklicher Weise vorbei sind. In Deutschland, wo Kunst- und Meinungsvielfalt eine ganz normale Sache sind und von den allermeisten Menschen geschätzt werden. Jeder hat außerdem die Wahl, ob er sich so ein Kunstprojekt ansieht oder nicht, ob er es gut oder schlecht findet. Und kann das ungestraft zum Ausdruck bringen. Diese Kunst- und Meinungsvielfalt scheint allerdings nicht dein Ding zu sein, denn offensichtlich soll es dem Schauspiel Frankfurt untersagt sein oder werden, Kunst aus einem anderen Kulturkreis, in deren Titel empörender Weise auch noch das Wort "Deutsch" vorkommt, zu zeigen. Na jut.

    Ich wette, du hättest keine einzige Zeile geschrieben, wenn diese Kunstinstallation einen französischen, japanischen, ungarischen, schwedischen oder italienischen Urheber hätte. Von daher ...


    Und du hast dir definitiv nicht angeschaut, worum es genau geht. Der Titel der Installation (es kommt das Wort "deutsch" drin vor) und der Name des Urhebers (türkisch) reichten aus, um dich zu empören und reflexhaft zu reagieren. Es kann aber auch sein, dass dir der Hintergrund der Installation völlig egal ist oder dich sogar stört ..., nämlich


    Zitat

    Ein Jahr zuvor, am 19. Februar 2020, starben durch einen rechtsterroristischen Akt neun Menschen in Hanau, die Teil unserer pluralen Gesellschaft waren und diese aktiv gestaltet haben. Im Gedenken an Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, HamzaKurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov zeigt sich das Schauspiel Frankfurt und der Künstler solidarisch mit den Hinterbliebenen und allen Menschen, deren Würde verletzt und deren Leben gefährdet ist.

    Yurdagüls Werk wurde 2001 zum ersten Mal gezeigt. Es hat indes nichts an seiner Dringlichkeit eingebüßt und nimmt – damals wie heute – thematisch Bezug auf die politische Gegenwart in unserem Land.


    https://www.schauspielfrankfur…/deutsch-mich-nicht-voll/

  • In Deutschland, wo Kunst- und Meinungsvielfalt eine ganz normale Sache sind und von den allermeisten Menschen geschätzt werden. Jeder hat außerdem die Wahl, ob er sich so ein Kunstprojekt ansieht oder nicht, ob er es gut oder schlecht findet. Und kann das ungestraft zum Ausdruck bringen.

    Das ist ein wichtiger Punkt: Man hat hier die Freiheit, seiner Version von Kunst, seine Meinungen, Weltanschauungen zu präsentieren, und zugleich ist niemand dazu gezwungen, das gut zu finden und zu beklatschen.

    Ich kritisiere Deutschland ja oft (z. B. wegen seiner elenden Bürokratie etc.), aber die Möglichkeit, seine Meinung zu äußern, ist doch etwas Positives. Ich lese zwar derzeit relativ oft, diese Möglichkeit gäbe es zunehmend nicht mehr, aber ich denke, da wird meistens das Recht, seine Meinung zu äußern mit dem Anspruch, seine Meinung unwidersprochen äußern zu können, verwechselt.

  • Vergleiche mit der Tuerkei? Sei doch froh wenn man die Meinung frei aeussern darf.


    Kunst? Weshalb nicht? Wenn man den Artikel gelesen hat versteht man, dass der Hintergrund nicht antideutsch ist. Deutschland ist multikulturell, und das schon seit Jahrhunderten. Es faengt bei dem Vielvoelkerstaat an, Keltogermanen. Also nix arische Rasse.

    Braeuche wurden auch importiert und man glaubt es sei typisch deutsch.

    Deutsch mich nicht voll bedeutet fuer mich Menschen ihre eigene Kulturen leben zu lassen. Mehr nicht.

    "Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanitaet" ( J. Stoltenberg nach den Terroranschlaegen)

  • Frankreich schafft die römischen Ziffern ab!


    Zitat

    Billig-Humanismus, der tiefes Misstrauen offenbart

    All dies könne belanglos erscheinen, kommentiert Berger, „sagt aber viel darüber aus, was wir geworden sind“. Nach Aussage von Noémie Giard, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Musée Carnavalet, gehe es bei der Abschaffung der römischen Zahlen um einen „universalen Zugang“ zum Museum, um keinen Besucher auszuschließen, auch nicht Ausländer oder Menschen „mit einem psychischen Handicap“. Dies bedeute also, stellt Berger fest, dass jedermann auch „verstehen“ müsse, was auf den Beschriftungen der Ausstellungsobjekte zu lesen ist.

    https://www.tichyseinblick.de/…fen-roemische-ziffern-ab/


    Nicht nur wir kämpfen mit dem Abschaffen Althergebrachtem und Rückschritten in der Kultur wohin man sieht.

  • Siehst du, so erzeugt man in der Kunst Aufmerksamkeit. Bei dir hat das funktioniert.

  • […]. Schreib' doch mal 4000 in Römischer Zahlenschreibweise auf. […]

    MMMM. Wo ist das Problem? Es soll auch in der Gegenwart noch Nationen geben, in denen Längenangaben in "in" (25,4 mm), "ft" 12 in), "mile" (5280 ft) oder Flüssigkeitsvolumen in pint bzw. gallon üblich sind. Von Temperaturangabe in Fahrenheit ganz zu schweigen…

  • auch nicht Ausländer oder Menschen „mit einem psychischen Handicap“.

    Würde es nicht z.B. ausreichend sein, dafür extra Hilfestellung zu geben? :/


    [DAS ZITAT IST AUS DEM ARTIKEL UND NICHT VON FrauLuna]

    „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

  • Frankreich schafft die römischen Ziffern ab! […]

    In der Tat, wie auch im verlinkten Beitrag zu lesen, wird mit der veränderten Schreibweise der Wandel der Museumskultur von der einstigen Bildungsinstitution zum Showroom beliebig werdender Objekte, deren historische Bedeutung sich dem Besucher immer weniger erschließen wird, bis da nichts als sein allfälliges Verblassen sichtbar wird, jetzt erst richtig an Dynamik gewinnen.

  • Würde es nicht z.B. ausreichend sein, dafür extra Hilfestellung zu geben? :/


    [DAS ZITAT IST AUS DEM ARTIKEL UND NICHT VON FrauLuna]

    Wenn die Museologie ihre Bestände "barrierefrei" zugänglich machen will, dann muss der Museumsbesucher auch ohne organisierte Führung, ohne pädagogischen Beistand, ohne Vorkenntnisse und auch ohne jegliches Interesse am seinem Blick zur Verfügung gestellten den "Erlebnisort" Museum zu genießen imstande sein…


    Also werden im Louvre der Zukunft leere Leinwände hängen, und dem Besucher zur Kurzweil Farbeimer bereitgestellt werden, damit er sich selbst mal kann, was er zu sehen wünscht, und vor allem, damit er nichts zertrümmern muss, weil's ihm vielleicht grad missfallen könnte, was er dort zu sehen bekäme…

  • MMMM. Wo ist das Problem?

    Es ist falsch, denn es bricht das System. 40 schreibt der Jesusmörder eben nicht als XXXX sondern als XL, respektive 50-10. Es fehlt also eine Ziffer für 5000, um 4000 schreiben zu können. Capito?


    Es soll auch in der Gegenwart noch Nationen geben, in denen Längenangaben in "in" (25,4 mm), "ft" 12 in), "mile" (5280 ft) oder Flüssigkeitsvolumen in pint bzw. gallon üblich sind. Von Temperaturangabe in Fahrenheit ganz zu schweigen…

    Die benutzen auch ein Stellenwertsystem (zur Basis 10), um ihre Feets und Gallons aufzuschreiben, und keinen antik-römischen Unsinn. Früher war leider alles schlechter. :(

  • Frankreich schafft die römischen Ziffern ab!


    https://www.tichyseinblick.de/…fen-roemische-ziffern-ab/


    Nicht nur wir kämpfen mit dem Abschaffen Althergebrachtem und Rückschritten in der Kultur wohin man sieht.

    Na ja Rueckschritt? Wo? Ich habe in der Schule noch die alte, deutsche Schrift gelernt. Wird auch nicht mehr unterrichtet. Latain? Auch kein Pflichtfach mehr. Also warum sollten die roemische Ziffern nicht verrschwinden?


    Vielleicht sollte man alte Kultur wieder einfuehren, die Runen.

    "Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanitaet" ( J. Stoltenberg nach den Terroranschlaegen)

  • […] Es fehlt also eine Ziffer für 5000, um 4000 schreiben zu können. […]

    Die alten Römer hatten ihrerzeit eben noch nicht die später in Italien als gesetzliches Zahlungsmittel üblicher Lira erfunden, und deswegen auch nicht dringenden Bedarf, ständig mit größeren Zahlen rechnen zu müssen…


    Übrigens hat es im 20. Jahrhundert Uhren mit Zifferblättern gegeben, bei denen die Vier auf dem Zimmerblatt statt mit IV mit "IIII" gekennzeichnet war, um einer Verwechslung mit der in de lenken Hälfte, jedoch auf gleicher Höhe befindlichen "VI" vorzubeugen.

  • Na ja Rueckschritt? Wo? Ich habe in der Schule noch die alte, deutsche Schrift gelernt. Wird auch nicht mehr unterrichtet. Latain? Auch kein Pflichtfach mehr. Also warum sollten die roemische Ziffern nicht verrschwinden?


    Vielleicht sollte man alte Kultur wieder einfuehren, die Runen.

    Vielleicht ... vielleicht ...


    Eins bestimmt:


    Hege Storhaug: Den 11. Landeplage.

  • […] Ich habe in der Schule noch die alte, deutsche Schrift gelernt. Wird auch nicht mehr unterrichtet. Latain? Auch kein Pflichtfach mehr. […]

    Es mag ja sein, dass alte Sprachen aus dem Alltag verschwunden sind (außer, dass uns Latein und Altgriechisch in zahlreichen Fremdwörtern halt doch Tag für Tag begegnen), und dass Inschriften in Balken jahrhundertealter Gebäude oder auch Urkunden bisweilen ungebräuchlich gewordene Formulierungen, Schreibweisen, Schriftzeichen etc. aufweisen, die der eine oder andere Betrachter doch entziffern oder übersetzt haben möchte…


    Du hast natürlich wieder nicht kapiert, dass Tourismushochburg Paris die Verwendung römischer Ziffern von ihren Begleitinformationen zu tilgen begonnen hat - und diese "Säuberungsaktion" rigoros fortzusetzen beabsichtigt. Es ist dem Menschen im Twitter-Zeitalter also eine unzumutbare Mühe, Informationen aufzunehmen, die über die Lesekompetenz der ersten Woche des Schulbesuchs hinausgehen… wie mögen dann eigentlich in sagen wir mal 20 Jahren Doktorarbeiten aussehen?

  • Die alten Römer hatten ihrerzeit eben noch nicht die später in Italien als gesetzliches Zahlungsmittel üblicher Lira erfunden, und deswegen auch nicht dringenden Bedarf, ständig mit größeren Zahlen rechnen zu müssen…

    Die Römischen Zahlen waren zum Rechnen denkbar ungeeignet. Schon mal schriftliche Division oder sowas auf Römisch probiert? Viel Spaß dabei. :D


    Die Römische Zahlschreibweise war für's Aufschreiben kleiner Mengen bis 3999 geeignet, so wie der Knacki seine abgesessenen Tage zählt: Strich-Strich-Strich-Strich und dann Querstrich.


    Übrigens hat es im 20. Jahrhundert Uhren mit Zifferblättern gegeben, bei denen die Vier auf dem Zimmerblatt statt mit IV mit "IIII" gekennzeichnet war, um einer Verwechslung mit der in de lenken Hälfte, jedoch auf gleicher Höhe befindlichen "VI" vorzubeugen.

    Dass man sich zu solchen Verrenkungen genötigt sah, ist doch eine weitere Bestätigung dafür, dass dieser Unsinn auf den Müllhaufen der Geschichte gehört!


    Nix gegen Konservatismus, aber alten Mist der nur Probleme macht, kann man auch ruhig mal über Bord werfen. :)

  • Es mag ja sein, dass alte Sprachen aus dem Alltag verschwunden sind (außer, dass uns Latein und Altgriechisch in zahlreichen Fremdwörtern halt doch Tag für Tag begegnen), und dass Inschriften in Balken jahrhundertealter Gebäude oder auch Urkunden bisweilen ungebräuchlich gewordene Formulierungen, Schreibweisen, Schriftzeichen etc. aufweisen, die der eine oder andere Betrachter doch entziffern oder übersetzt haben möchte…


    Du hast natürlich wieder nicht kapiert, dass Tourismushochburg Paris die Verwendung römischer Ziffern von ihren Begleitinformationen zu tilgen begonnen hat - und diese "Säuberungsaktion" rigoros fortzusetzen beabsichtigt. Es ist dem Menschen im Twitter-Zeitalter also eine unzumutbare Mühe, Informationen aufzunehmen, die über die Lesekompetenz der ersten Woche des Schulbesuchs hinausgehen… wie mögen dann eigentlich in sagen wir mal 20 Jahren Doktorarbeiten aussehen?

    Gehe mal von "einfachen Leuten" aus, internationales Publikum. Wer lernt da noch alte Zahlen und Schriften? Dem Tourismus angepasst.

    Erklaerungen gibt es vermutlich online, uebers Handy.


    Aber wenn man den alten Schiefertafeln nachheult.

    "Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanitaet" ( J. Stoltenberg nach den Terroranschlaegen)