Grundsatzurteil zur Sterbehilfe

  • Wenn Kranke sich den Tod wünschen, darf ihre Behandlung nicht nur unterlassen, sondern nun auch aktiv abgebrochen werden. Dieses Tun ist nicht strafbar, hat der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil zur Sterbehilfe jetzt entschieden.


    Quelle


    Sterbehilfe durch aktives Tun wurde von deutschen Gerichten bisher ausnahmslos als Tötungsdelikt (Totschlag bzw. Tötung auf Verlangen) gewertet. Nun ist endlich ein Machtwort gesprochen: wenn ich im Koma liege und mir durch Patientenverfügung für einen derartigen Fall lebenserhaltende Maßnahmen verbeten habe, darf der Stecker gezogen werden.


    Ich kann dieses Urteil nur begrüßen.

  • Aus Spitzbubes Quelle:


    Die Sterbehilfe liegt in einem problematischen Spannungsfeld. Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland strafbar. Wer jemanden auf dessen eigenen Wunsch hin tötet, wird wegen Tötung auf Verlangen mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Das Recht grenzt dabei aktives Tun von bloßen Unterlassen ab. Passive Sterbehilfe nennt man den Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen. Zulässig ist dies, wenn der Abbruch dem mutmaßlichen oder in einer Patientenverfügung erklärten Willen entspricht. Bei Zweifeln müssen sich die Ärzte für das Leben entscheiden.



    Kann mir jemand erklären, wieso das Schlauch durchschneiden in diesem konkreten Fall eine aktive Sterbehilfe darstellt?
    Der Abbruch der Lebenserhaltenden Maßnahmen (Nahrungsschlauch) war der mutmaßliche Wille der Patientin.


    Reuters schreibt z.B.:


    Passive Sterbehilfe ist in Deutschland erlaubt.Nach einem am Freitag veröffentlichten Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) müssen Ärzte, Betreuer und Pflegeheime lebenserhaltende medizinische Behandlungen beenden, wenn das dem Willen des Patienten entspricht. Aktive Sterbehilfe wie das Verabreichen einer Giftspritze bleibt jedoch verboten.

    So macht das für mich auch Sinn, und entspricht dem, was ich auch vor dem BGH-Urteil für geltendes Recht hielt.

  • Bisherige Rechtslage: die bloße Einstellung lebenserhaltender Maßnahmen war schon erlaubt, z.B. die Einstellung künstlicher Ernährung (passive Sterbehilfe).


    Aktives Eingreifen zur Beendigung derartiger Maßnahmen aber galt als Tötungsdelikt.


    Wie ist da eine sinnvolle Abgrenzung zu treffen? Keinen neuen Nährlösungsbeutel an den Tropf zu hängen soll erlaubt sein. Aber den bereits dranhängenden halbvollen Beutel abzuklemmen wäre dann Totschlag?


    Mit diesem Unsinn hat der BGH nun aufgeräumt.



  • Es verwundert ein wenig, dass dieser thread nicht mehr input erhält.
    Denn dieses Urteil ist ein Meilenstein.
    Es respektiert die Würde des Menschen.
    Nach diesem Urteil kann jeder Bürger in einer Patientenverordnung festlegen, ob er mit allen Mitteln am Leben erhalten werden will, wie es ein profitabler Industriezweig heute ungefragt tut, oder eben nicht.
    Der BGH hat dem Bürger das Recht zur Selbstbestimmung über einen Abgang in Würde attestiert.
    Es handelt sich hier um ein Grundsatzurteil, an dem sich alle Gerichte orientieren können.
    Ein grossartiges Urteil!

  • Schon richtig, Croco, aber dieses Thema wird doch bei vielen erst akut, wenn sie einen eigenen Fall in der Familie oder auch nur im Umkreis haben. Ich finde das Urteil gut und ich hätte es mir vor 10 Jahren gewünscht, als ich im Koma lag und gegen meinen Willen reanimiert wurde. Ich wäre lieber mit etwas Würde verstorben, als ein Leben in Schmerzen zu führen, in dem ich ohne fremde Hilfe nicht auskomme!

  • Schon richtig, Croco, aber dieses Thema wird doch bei vielen erst akut, wenn sie einen eigenen Fall in der Familie oder auch nur im Umkreis haben. Ich finde das Urteil gut und ich hätte es mir vor 10 Jahren gewünscht, als ich im Koma lag und gegen meinen Willen reanimiert wurde. Ich wäre lieber mit etwas Würde verstorben, als ein Leben in Schmerzen zu führen, in dem ich ohne fremde Hilfe nicht auskomme!



    Es ist ein sehr kontroverses Thema.
    Dein Beispiel zeigt es ja.
    Verstehe mich jetzt nicht falsch, aber wenn man dich nicht reanimiert hätte, dann hätten wir dich nicht hier.
    Es geht ja auch nicht um Reanimation. Es geht um hoffnungslose Fälle, die gezwungen werden bis zum bitteren Ende dahinzuvegetieren.
    Heute kann man offiziell festlegen lassen was der eigene Wille in dieser Sache ist.
    Das sollte jeder tun, so bald als möglich, egal wie alt er/sie ist.

  • Bisherige Rechtslage: die bloße Einstellung lebenserhaltender Maßnahmen war schon erlaubt, z.B. die Einstellung künstlicher Ernährung (passive Sterbehilfe).

    Mit diesem Unsinn hat der BGH nun aufgeräumt.



    Korrektur: Die bisherige Rechtslage hing von der Interpretation des angerufenen Gerichts ab.

    Es gab auch Gerichte die Zwangsernährung angeordnet haben weil ein Patient sterben wollte und Ernährung verweigerte.

    Richtig: Diesem Unsinn hat der BGH endlich (...) ein Ende bereitet.

    Aber nur wenn der Wille des Patienten belegt ist!

    PS: Man sollte nicht vergessen, dass sich hinter dem "um jeden Preis ein verlorenes Leben erhalten" eine riesige Industrie versteckt.
    Warum anders hat es derart lange gedauert, bis dieses selbstverständliche und im Grundgesetz verankerte Recht auf MenschenWürde zuerkannt wurde?

    Einmal editiert, zuletzt von zenoncroco ()

  • Es ist ein sehr kontroverses Thema.
    Dein Beispiel zeigt es ja.
    Verstehe mich jetzt nicht falsch, aber wenn man dich nicht reanimiert hätte, dann hätten wir dich nicht hier.
    Es geht ja auch nicht um Reanimation. Es geht um hoffnungslose Fälle, die gezwungen werden bis zum bitteren Ende dahinzuvegetieren.
    Heute kann man offiziell festlegen lassen was der eigene Wille in dieser Sache ist.
    Das sollte jeder tun, so bald als möglich, egal wie alt er/sie ist.

    Schon richtig und ich hätte auch nie mit der besten Freundin von allen, mit meiner, meine alte Hütte in Ägypten besucht, aber auf Dauer geht es mir nur schlechter und ich muss in diesem Schweinestaat sogar wegen einer OP Prozesse gegen eine Kasse führen. Finanziell stehe ich völlig auf dem Schlauch, weil die Rente kaum die Lebenshaltungskosten, Strom und Miete deckt. Sowas kannte ich früher gar nicht, denn da habe ich 18 Stunden Aufnahmetermin im Studio geschoben oder für das Fernsehen gearbeitet und dann war genug Geld da, um auch noch wie wild reisen zu können. Ohne die Unterstützung der Familie wäre ich mit Verlaub, völlig am Arsch und stärker werdende Schmerzen runden meinen Verfall und meine Vergreisung noch ab. :tongue:

  • Ich habe für eine ältere Dame, die mir sehr nahesteht, bereits eine Patientenverfügung geschrieben, die auf ihren Mann ausgestellt war und eine auch für sie. Diese Verfügung würde von mir aufgesetzt, von einem Notar auf seine Richtigkeit hin überprüft, von ihrem Mann, ihr und einem Zeugen unterschrieben und an entsprechende Stellen, wo diese Verfügung von Wichtigkeit ist, weitergeleitet.
    Also, ich ich befasse mich mit der rechtlichen Lage um diese lebenserhaltenden Maßnahmen, hier im Alter, (leider) schon länger. Besonders schlimm ist es, wenn der Mensch (logischerweise) noch lebt und dann über seinen Tod eine Erklärung abgibt. Hat einen faden Beigeschmack, ist aber dennoch eine wichtige Sache.

    Dennoch finde ich dieses Urteil einen wichtigen Meilenstein in der Würde eines Menschen.

  • Wenn Kranke sich den Tod wünschen, darf ihre Behandlung nicht nur unterlassen, sondern nun auch aktiv abgebrochen werden. Dieses Tun ist nicht strafbar, hat der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil zur Sterbehilfe jetzt entschieden.

    .



    Dem folgt diese erstaunliche Entscheidung aus Strassburg.
    So wie ich es verstehe, hat jeder Mensch in Europa das Recht den Zeitpunkt seines Todes zu bestimmen.
    Die Organisation des events ist ihm überlassen.

    Zitat:
    Ein Mensch habe die Freiheit, über Zeitpunkt und Art seines Todes zu entscheiden, befanden die Richter. Dies sei ein Aspekt des Rechts auf Respekt des Privatlebens.

    [url=http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,740613,00.html]Gerichtshof für Menschenrechte: Staat muss nicht bei Selbstmord helfen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama[/url]


  • Heute denken unsere nationalen Volksvertreter noch über ein bißchen mehr nach.


    Vielleicht wird sogar eine "Sterbenachhilfe" daraus ...


    Vermutlich merkt das auf angenehme Highlights fixierte Volk auch gar nicht, wie Kliniken in Hospizen umgewandelt werden, weil die Palliativmedizin kräftig unterstützt werden muß bei so vielen alten Menschen, für die kein Geld mehr da ist ...


    Glücklicherweise läßt bei vielen im Alter die Erinnerung nach. Dann werden auch die, denen wir eine besch... Zukunft gebastelt haben durch Wegschauen, sich nicht mehr so daran erinnern, wie sie sich für unsere Gleichgültigkeit gerächt haben, als sie am Drücker waren ...


  • Was soll die Laberei hier in D , wenn ein Mensch sterben will aus was für schwerwiegenden Gründen auch immer , sollte man das Respektieren , und einen Menschen seinen Exitus Medizinisch so gut es geht zu begleiten .
    Um Würdevoll zu sterben .

    In Holland wird das schon seit 2001 praktiziert , und ist Gesetzlich abgesichert und geregelt .

    Ich glaube in Belgien auch .


    Hier in D müssen Lebensmüde , sich Erschießen , Vergiften , Erhängen , Ersäufen , vor den Zug schmeißen , oder sich ne Ãœberdosis Heroin setzen um noch einmal vor dem Exitus zu den Sternen fliegen .


    Aber wie man sieht , hinken die Schland Dösköppe der Politik mal wieder Lichtjahre hinterher .



    BB


    P.S. Wenn ich weiß ich wäre unheilbar Krank , und hätte vielleicht noch 2- 3 qualvolle Jahre vor mir , würde ich mir beim angesagten Ober Dealer ne super Ãœberdosis Heroin Spritze aufziehen lassen , die ich mir selber setzen würde , nach dem ich mein Leben und Hinterlassenschaften geregelt habe .


    Und ich sterbe dann alleine aber Würdevoll , weil ich es dann so beschlossen habe .


    BB

    5 Mal editiert, zuletzt von BON BOX ()

  • In Holland ist gerade eine Diskussion darüber in Gange, ob der Rahmen der Sterbehilfe ausgebaut werden soll....manch einer befürchtet darin eine Eingrenzung in lebens-und lebensunwert....


    Zunächst einmal ist zu begrüßen, dass sich fraktionsübergreifende Arbeitsgruppen dazu gebildet haben. Außerdem ist es rechtlich schon jetzt nicht unmöglich, in Deutschland als Arzt Sterbehilfe zu leisten.

  • In Holland ist gerade eine Diskussion darüber in Gange, ob der Rahmen der Sterbehilfe ausgebaut werden soll....manch einer befürchtet darin eine Eingrenzung in lebens-und lebensunwert....


    Genau das ist doch bei der ganzen Diskussion der Knackpunkt. Das können andere Menschen als die jeweils Betroffenen überhaupt nicht festlegen.
    Es gibt Menschen, die bereit sind trotz ihrer Krankheit, Schmerzen, Behinderung ihr Leben fortzuführen. Meinen höchsten Respekt davor. Ich könnte das nicht.
    Genauso gibt es aber Menschen, die wahnsinnig würden, wenn sie so leben müßten.
    Das ist aber eine Entscheidung, die nur jeder für sich selber und für sich alleine treffen kann. Und deswegen ist es die falsche Vorgehensweise, die eine oder die andere Richtung als Maßstab für alle festlegen zu wollen.

  • In Holland ist gerade eine Diskussion darüber in Gange, ob der Rahmen der Sterbehilfe ausgebaut werden soll....manch einer befürchtet darin eine Eingrenzung in lebens-und lebensunwert....


    Zunächst einmal ist zu begrüßen, dass sich fraktionsübergreifende Arbeitsgruppen dazu gebildet haben. Außerdem ist es rechtlich schon jetzt nicht unmöglich, in Deutschland als Arzt Sterbehilfe zu leisten.


    Mit den Begriffen lebenswert und lebensunwert wird man gerade hier in Deutschland noch sehr vorsichtig umgehen. Das ist auch richtig, nicht nur aufgrund unserer jüngsten Vergangenheit.
    Die neuerliche Diskussion um die Sterbehilfe wurde, glaube ich, u. a. deshalb neu eingebracht, weil eben nicht in jedem Bundesland es den Ärzten straffrei möglich ist, den Sterbewilligen behilflich zu sein.
    Ich habe natürlich nicht alles verfolgt (S. 10 - ca. S. 70)
    http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/18/18066.pdf
    aber mir ist beim Verfolgen der Debatte wohltuend aufgefallen, wie ernsthaft sich die Redner aufführen. Fast könnte man es Ihnen abnehmen. Ich bin wirklich gespannt, wie das neue Gesetz aussieht und ob es überhaupt kommt oder wieder nur verschoben wird.


    Frdl. Grüße
    Christiane

  • Ich würde sagen, man drückt sich beharrlich darum, die Begriffe "lebenswert" und "lebensunwert" zu verwenden und der historische Background ist für diese Drückerei die willkommene Rechtfertigung. Aber letztendlich geht es doch genau darum: Ob ein Leben noch als lebenswert empfunden wird oder als lebensunwert. Um nichts anderes.