Grundsatzurteil zur Sterbehilfe

  • Eigentlich sollte das neue Sterbehilfegesetz die Geschäftsmäßigkeit des Hilfeaktes ausschließen. Nun zeigt sich, dass es die, die das Gesetz beschützen wollte, u. U. unnötig quält, weil es die Mediziner, die den Schwerstkranken in der letzten Lebensphase am Nächsten stehen, ins Unrecht setzt.
    Ich drücke alle Daumen, dass sich die Palliativmediziner Gehör und für uns alle ggf. Nachbesserungen verschaffen können:


    „Palliativmediziner legen Verfassungsbeschwerde ein - Wenn ein Gespräch schon strafbar ist


    ... Wenn ein Patient fragt, ob die gehortete Medikamentendosis tödlich für ihn sei, darf der Arzt streng genommen nicht antworten. Dieses Gespräch kann geschäftsmäßige Sterbehilfe sein“, erklärt die Filderstädter Fachanwältin für Medizinrecht, Petra Vetter. Sie hat die Beschwerde verfasst. Ein solches Patienten-Arzt-Gespräch wird gefährlich für den Arzt, wenn der Kranke daraus gestärkt in seinem potenziellen Suizidgedanken herausgeht. Denn der Befragte antworte als Arzt. Und weil er seine Ãœberzeugung und ethische Gesinnung nicht täglich wechseln werde, sei es auf Wiederholung ausgelegt, so Vetter weiter. Das sei ein Kennzeichen der Geschäftsmäßigkeit…“
    http://www.stuttgarter-zeitung…df-94a5-1c806580419c.html


    Frdl. Grüße
    Christiane

  • VZ
    Frdl. Grüße
    Christiane


    Ja, man wird von Jahr zu Jahr in Deutschland immer bekloppter....ihr könnt sagen, was ihr wollt, das liegt an dem Mist, den sie bundesweit ins Trinkwasser kippen...

  • Ja, man wird von Jahr zu Jahr in Deutschland immer bekloppter....ihr könnt sagen, was ihr wollt, das liegt an dem Mist, den sie bundesweit ins Trinkwasser kippen...


    Warum ergeben wir uns nicht, den Erfordernissen unserer neuen Religion. Diese neue Religion misst alles in Geld. Aber eben nicht konsequent. Beispiel aus dem Bekanntenkreis: Ein Vater möchte gerne selbst bestimmt sterben. Die Familie möchte zustimmen, bis auf den Sohn, er setzt sich durch und der Wunsch des Vaters wird verhindert.


    Der Vater lebt noch ein halbes Jahr und wie Versicherungen so sind, sie bezahlen in diesem halben Jahr, soweit ich weiß ca. 450.000€. Der Vater Stirbt und dieser Sohn will gleich berechtigt erben. Nun überlegt, die Familie ob der Sohn auch den Wunsch des Vaters verhindert hätte, wenn die Kosten vom Erbe abgezogen wären.


    Außerdem bewegt mich persönlich die Frage, ob die Palliativpflege bei selbst Kosten, auch so großzügig verlangt würde, wenn da Kosten entstünden.


    Viele Fragen, die oft völlig losgelöst von Eigenbelastungen, entschieden werden.


    MfG. Rainer

    Einmal editiert, zuletzt von Rainer Helmbrech ()

  • ......
    Viele Fragen, die oft völlig losgelöst von Eigenbelastungen, entschieden werden.


    MfG. Rainer


    Unter Anderem wenn jemand das 20. Mal wegen einer Straftat verurteilt wird und an der Tat auch kein Zweifel besteht, dann wird Widerspruch eingelegt, nicht deshalb weil da etwas unklar wäre, sondern weil der RA seine Knete bekommt, natürlich nur der Gerechtigkeit wegen.


    MfG. Rainer

  • Ein Paukenschlag, wie ich meine: Das Bundesverwaltungsgericht Leipzig spricht „schwer und unheilbar kranken Patienten“ das Zugangsrecht auf ein Betäubungsmittel zu, das eine „würdige und schmerzlose Selbsttötung ermöglicht“
    http://www.bverwg.de/presse/pr…ilung.php?jahr=2017&nr=11
    und Bundesgesundheitsminister, Bischöfe, Bundesärztekammer und Patientenschützer schlagen bereits Alarm: „Das Gericht hat die Büchse der Pandora geöffnet. Künftig entscheide ein Beamter über Leben und Tod.“
    http://www.sueddeutsche.de/pan…er-suizid-haben-1.3403161
    Ich glaube, dieses Geschrei gegen jegliche Hilfe beim Sterben durch Fachkräfte bzw. gegen die Möglichkeit, an zum einigermaßen schmerzfreien Sterben geeignete Einnahmemittel zu gelangen, ist ein Reflex, der nicht richtig ist. Kein Beamter entscheidet über Leben und Tod. Das ist m. E. Blödsinn. Wenn ein Patient so schwer krank ist, dass selbst eine palliative Begleitung in den Tod nicht mehr zumutbar ist, dann haben diesen Krankheitsgrad Ärzte festgestellt.
    Jetzt wollen Herr Gröhe etc. auf die Urteilsbegründung warten und entspr. die einzelnen Punkte zerpflücken, dass selbst für diese extremen Ausnahmefälle unter den Patienten wieder viel zu viel Zeit ins Land geht.


    Frdl. Grüße
    Christiane

  • Für mich ist die Sache klar - die Unantastbarkeit der Würde eines Menschen beinhaltet auch das Recht auf einen frei gewählten, würdevollen Tod. Und nicht das Recht irgend eines anderen, diesen durch quälende, unnötige Verlängerung von Leiden zu verhindern.

  • Wenn ich der Meinung bin, dass das Leben nicht mehr lebenswert ist,
    dann interessiert mich nicht, ob ich nach einem frei gewählten Tod
    posthum strafrechtlich belangt werde.

  • Wenn ich der Meinung bin, dass das Leben nicht mehr lebenswert ist,
    dann interessiert mich nicht, ob ich nach einem frei gewählten Tod
    posthum strafrechtlich belangt werde.


    Das Problem liegt wohl eher in der Verfolgung derjenigen, die unter Umständen dabei geholfen haben.

  • Das Problem liegt wohl eher in der Verfolgung derjenigen, die unter Umständen dabei geholfen haben.


    Ist mir schon klar. Trotzdem ist auch die andere Variante quasi verboten.
    Das Problem ist meines Erachtens eher, dass sich das Thema nicht wirklich
    juristisch lösen lässt, ohne heftige Kollateralschäden.

  • Ist mir schon klar. Trotzdem ist auch die andere Variante quasi verboten.
    Das Problem ist meines Erachtens eher, dass sich das Thema nicht wirklich
    juristisch lösen lässt, ohne heftige Kollateralschäden.


    Im Gegenteil, nur juristisch wäre das Thema lösbar. Ich denke, es bedarf eines Grundsatzurteils des Bundesverfassungsgerichts über genau dieses Thema, in dem festgestellt wird, wie weit die Rechte von Angehörigen und Ärzten gehen dürfen, einen Selbstmord zu verhindern, der der Erlangung eines Todes in Würde dient.

  • In der Klinik.


    Eine Patientin hat allem Anschein nach eine unheilbare Erkrankung, ist derzeit ohne Bewusstsein.
    Man kann lebensverlängernde Maßnahmen einleiten.
    Die Tochter des Patienten zückt vor dem leitenden Arzt eine Verfügung,
    welche von der Patientin ein paar Jahre vorher unterschrieben wurde, dass sie
    keine lebensverlängernden Maßnahmen in bestimmten Fällen wünscht.


    Der Arzt bespricht die Angelegenheit im Team.
    Die leitende Stationsschwester erzählt, dass die Patientin gestern
    Besuch von mehreren Angehörigen bekommen habe.
    Ihr Zimmernachbar meinte zu ihr, dass es am Krankenbett nur um den
    Nachlass der Patientin ging, dass es wegen der Aufteilung zum Familienstreit gekommen sei.
    Ãœber den Gesundheitszustand der Patientin habe man kein Wort verloren.


    Der Arzt akzeptiert die Verfügung der Patientin nicht.
    Der Fall geht durch Angehörige in die Presse.
    Der Arzt wird von den Medien heftig kritisiert.

  • Der Arzt akzeptiert die Verfügung der Patientin nicht.
    Der Fall geht durch Angehörige in die Presse.
    Der Arzt wird von den Medien heftig kritisiert.


    Dieses Recht steht dem Arzt nicht zu, ganz gleich, was da ein anderer Patient in seinem Nachbarbett aufgeschnappt und wiedergegeben haben mag. Liegt eine unterzeichnete Patientenverfügung vor, hat sich der Arzt danach zu richten. Punkt. Zudem erscheint mir diese story doch insgesamt als recht unwahrscheinlich.

  • Dieses Recht steht dem Arzt nicht zu, ganz gleich, was da ein anderer Patient in seinem Nachbarbett aufgeschnappt und wiedergegeben haben mag. Liegt eine unterzeichnete Patientenverfügung vor, hat sich der Arzt danach zu richten. Punkt. Zudem erscheint mir diese story doch insgesamt als recht unwahrscheinlich.


    Der Arzt hat keine gesetzliche Pflicht zu töten, auch wenn Du das gerne so hättest.
    So was gab's 33-45 vielleicht.

  • Ein Arzt, der den Willen des Patienten missachtet, um dem Erbengesocks eins auszuwischen? Auch hier führt am Gesetz kein Weg vorbei.

  • Der Arzt hat keine gesetzliche Pflicht zu töten, auch wenn Du das gerne so hättest.
    So was gab's 33-45 vielleicht.


    Sie irren. Mit den Verhältnissen und übelsten Machenschaften von 33-45 (Mengele & Co.) hat das nichts zu tun.


    Zitat

    Es gibt eine Fallgestaltung, in der eine Patientenverfügung für den Betreuer oder Arzt nicht verbindlich ist. Das ist der Fall, wenn – eine Patientenverfügung schreibt das Unterlassen von Maßnahmen bei einer Erkrankung vor und – die Erkrankung ist noch nicht in ein Stadium des unumkehrbaren tödlichen Verlaufs getreten und – das Befolgen der Patientenverfügung würde zum Tod führen und – es bestehen noch realistische Aussichten auf Heilung und – der Wille des Patienten kann für die konkrete Behandlungssituation nicht eindeutig und sicher festgestellt werden. Dies hat das Bundesverfassungsgericht unter BVerfG 1 BvR 618/93, Beschluss vom 2. 8. 2001 entschieden.
    [...]
    Ansonsten ist eine Patientenverfügung für einen Betreuer, Bevollmächtigten oder Arzt verbindlich.


    So, wie Sie den Fall geschildert haben (in der Medizin existiert übrigens keine "scheinbare" Prognose) Zitat Miriam: "Patientin...eine unheilbare Erkrankung, ist derzeit ohne Bewusstsein." wäre das ein Fall, da die Patientenverfügung gegen Nichtbehandlung, d. h. landläufig auch als "Apparatemedizin" bezeichnet, auch für den behandelnden Arzt verbindlich wäre. Dabei spielt es keinerlei Rolle, was Angehörige im Vorfeld so von sich gegeben haben mögen, was im Ãœbrigen auch bewiesen werden müßte. Des Weiteren bedeutet das nicht, dass der behandelnde Arzt "tötet", vielmehr ist es ihm genommen, absehbar vergebliche Behandlungen mittels medizinischer Gerätetechnik und Medikation durchzuführen.

    3 Mal editiert, zuletzt von A3103 ()

  • Also bei dem letztlichen Urteil geht es darum, dass ich die Vehikel zum Suizid aus sicherer = geprüfter Quelle ordern darf bzw. bereitgestellt erhalte. Nicht mehr und nicht weniger.


    Frdl. Grüße
    Christiane

  • Ich habe in meinem Umfeld bisher nur einen einzigen Fall miterlebt, den radikale Befürworter von Sterbehilfe möglicherweise als solchen Präzedenzfall deuten würden, der für mich aber trotzdem eher Bestätigung meiner eigenen Einstellung ist.
    Ein Freund, den ich seit meiner Kindheit schon kenne, war ledig geblieben, d.h. ohne Partnerin. Seine drei Brüder hatten Familie gegründet. Der ledige Sohn erhielt das Haus der Eltern, erbte also mehr als die anderen Brüder, hatte dafür aber die Aufgabe, sich im Alter um die Eltern zu kümmern. Es gab keinen Streit unter den Kindern über diese Vereinbarung, zumal die Geschwister ohnehin traditionell ein gutes Verhältnis zueinander haben und außerdem selbst gut versorgt sind.
    Irgendwann wurde der Vater dement. Ab einer bestimmten Phase der Erkrankung konnte man ihn nicht mehr alleine zuhause lassen bzw. war die Mutter während der beruflichen Abwesenheit des Sohns aus Altersgründen nicht mehr in der Lage, ihren Mann mitzuversorgen. Er kam in ein Pflegeheim. Einige Zeit später hatte die Mutter ihren ersten von zwei schweren Schlaganfällen, der auch sie in dasselbe Heim brachte, nur in eine andere Station.
    Nach dem zweiten Schlaganfall lag sie im Wachkoma. Es war schnell erkennbar, dass sie vermutlich nicht mehr ins komplette Wachbewusstsein zurück kehren würde.
    Theoretisch hätte man sagen können: „Warum lässt man diese Frau nicht sterben?“ Aber der Tod wäre so kein natürlicher Vorgang geworden. Man hätte nachhelfen müssen, indem man die Ernährung abstellt und/oder mit pharmakologischer Unterstützung das Sterben einleitet. Die vier Söhne waren sich einig, dass man ihre Mutter nicht töten, dass man beim Sterben nicht nachhelfen solle. Keiner wollte die Entscheidung verantworten, den Tod der eigenen Mutter herbei zu führen.
    Mein Vater war mit dieser Frau seit seiner Kindheit eng befreundet, sie war so etwas wie eine Herzensfreundin von ihm, kam aus demselben, kleinen Dorf wie er. Deshalb begleitete ich ihn mehrmals, als er sie im Heim besuchte. Wir standen am Bett der Frau, die mit geöffneten Augen und einem Lächeln im Gesicht ohne Bewusstsein da lag. Schmerzen dürfte sie keine gehabt haben.
    Die vier Söhne wechselten sich mit ihren Besuchen bei den Eltern ab. Jeder hatte seinen Wochentag, an dem er ins Heim ging. Eines Tages verabredeten sich die vier Söhne, der Vater hatte Geburtstag, die Eltern gemeinsam im Heim zu besuchen. Die Mutter lag bereits seit 9 Monaten im Wachkoma. Die vier Söhne standen eine Stunde am Bett ihrer Mutter und unterhielten sich angeregt, manchmal waren sie auch still.
    Mein Freund erzählte mir später, dass er am Nachhauseweg nach 15 Minuten Fahrt schon an der Haustür das Telefon klingeln hörte. Eine Pflegerin des Heims rief an und sagte, dass soeben seine Mutter gestorben sei. Manche Dinge auf der Welt lassen sich nicht mit unserem formalistisch-materialistischen Weltbild erklären. Und auch nicht damit lösen.

  • Ich hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn man auch in Deutschland Sterbekliniken einführen würde. Man sollte sich aber bewusst darüber sein, dass es hier nur um Patienten geht, die eine Entscheidung, in eine solche Klinik zu gehen, noch im vollen Bewusstsein treffen können.
    Die Streitfälle in dieser Debatte sind eher solche, in denen der Patient nicht mehr eigenständig entscheiden kann. Meines Erachtens sind die Fälle, in denen das Sterben verweigert wird, sehr viel seltener als es die öffentliche Debatte glauben machen will. Diese Debatten haben zu Ängsten geführt, die in Folge eine Inflation schriftlicher Verfügungen nach sich zogen.
    Ich behaupte einmal ein wenig provozierend, dass in unserem Land auf einen Fall von der Apparatemedizin verweigerten Sterbens mindestens 1000 Fälle kommen, in denen die Medizin bewusst nachgeholfen hat. Und zwar nicht im Sinne einer grundsätzlich moralisch verwerflichen Tat. Eine formelle Entscheidung, die ein Mensch Jahre vorher getroffen und in Form einer Verfügung schriftlich fixierte, ersetzt nicht die tatsächliche, konkrete Situation, in der nach aktuellen Kriterien entschieden werden muss. Eine schriftliche Verfügung ist bis zu einem gewissen Grad immer ein theoretisches Konstrukt.
    Ich habe mich schon oft gefragt, ob die Geburt meiner Tochter oder die Begleitung des Sterbens meines Vaters bis zu seinem letzten Atemzug das beeindruckendere Ereignis war, abseits der Freude bei der Geburt und der Trauer beim Sterben.
    Tod und Sterben haben für mich beinahe etwas Heiliges an sich, wenn man die Erfahrung des Begleitens machen durfte. Beides in ein formalistisches, juristisches Korsett zu zwängen, ist eine Form der Entheiligung. Die konkreten Situationen sind immer sehr individuell und auch so zu entscheiden. Ich wäre da eher für eine Lösung, die dem nächsten Freund oder Angehörigen die letztendliche Entscheidung gewährt, in Abstimmung mit dem Patienten, der das zu Lebzeiten mit der entsprechenden Person vereinbaren kann.