Grundsatzurteil zur Sterbehilfe

  • Meine Richtschnur für diese heikle Frage war stets die Barmherzigkeit und das wurde auch mein Maßstab, diese Frage für mich zu beantworten. Wenn sich medizinisch und lebenspraktisch zweifelfrei zeigt, dass sich ein mit Sicherheit sterbender Mensch in einem Siechtum (unerträglicher Zustand) quält, gebietet es Erbarmen, allen, den übrigen Menschen, Angehörigen und auch Ärzten und Pflegern. Die Schweiz, Holland und Belgien – um nur unmittelbare Nachbarstaaten als Beispiele zu nennen – bieten eine solche legale Sterbehilfe seit vielen Jahren an. Sechs-Augen-Prinzip (3 Ärzte). Jedem sterbenden Tier bietet ein mitfühlender Mensch einen „Gnadentod“, aber extrem leidende und hoffnungslose Menschen, selbst und gerade wenn sie zugleich noch bei Bewusstsein sind, wird oder wurde das hierzulande kategorisch verwehrt, so dass der eine oder andere empathische Arzt verdeckte Hilfe leistete, indem er weitere Behandlungen einstellte und dem Leidenden ein humanes Sterben und eine Erlösung aus dem Siechtum ermöglichte.


    Präzedenzfälle, die sowohl ethische als auch medizinische Grenzfälle darstellen, stellen natürlich auch aus meiner Sicht ein besonderes Problem dar. Daher ist auch nur eine individuelle Betrachtung und Bewertung jedes Einzelfalles notwendig.

    Ich habe Leute Monate leiden sehen (nahezu unerträglich über Monate), bei Bewustsein und insofern unmenschlich, vollgepumpt mit den härtesten Opiaten zur Schmerzbekämpfung, was auch indirekt zu Dämmerzuständen der Patienten führte. Solche Umstände und absehbar erfolglose "Therapien" heiße ich grausam und lehne sie ab. Das Urteil, das hier zur Debatte steht, war hierzulande überfällig.


    Was Koma-Patienten angeht, ohne Bewusstsein, ist alleine die Frage nach der Patientenverfügung entscheidend. Hat der Patient zuvor eine solche unter Zeugen unterzeichnet und eine medizinisch als als solche nicht erfolgreiche Therapie abgelehnt, ist diese Verfügung auch für Ärzte und Klinik verbindlich.

    4 Mal editiert, zuletzt von A3103 ()

  • Es darf weiter "gemutmaßt" werden:


    BGH-Urteil zur Patientenverfügung: Voraussetzungen für Abbruch von lebenserhaltenden Maßnahmen

    https://www.juris.de/jportal/p…&nid=jnachr-JUNA170303666

    Manchmal, denke ich, die Richter befassen sich mehr mit sich selbst und üben sich in der Kunst der Auslegung, weil sie etwas aus ihrem langen Studium ziehen möchten, als dass sie sich für die Menschen ins Zeug legen. Ich weiß nicht, wie lange sich diese Rechtstreitigkeiten hinziehen, wer und wann und mit welcher Formulierung für einen Abbruch von lebensverlängernden Maßnahmen denn auch endlich seinen Willen bedient bekommt, aber die Formulierung am Schluss:
    „Entscheidend sei dabei, wie die Betroffene selbst entschieden hätte, wenn sie noch in der Lage wäre, über sich selbst zu bestimmen“ klingt wie ein Hohn.

    So macht eine vorausschauende Verfügung bald überhaupt keinen Sinn mehr.

    Frdl. Grüße
    Christiane


  • Richtern Blödheit zu unterstellen - geht mir eigentlich ab.


    Aber, es ist wohl so.

  • Richtern Blödheit zu unterstellen - geht mir eigentlich ab.


    Aber, es ist wohl so.


    Die Blödheit liegt auf unserer Seite, weil wir die Urteile ausbaden. Die Reihenfolge stimmt nicht. :smile:


    Frdl. Grüße
    Christiane

  • Die Blödheit liegt auf unserer Seite, weil wir die Urteile ausbaden. Die Reihenfolge stimmt nicht. :smile:


    Frdl. Grüße
    Christiane

    Nö, das ist unlogisch. Wenn "wir", als Bürger ohne jeden Einfluß auf z. B. richterliche Fehlurteile, die ***** ausbaden müssen, kann das ja nicht an unserer kollektiven "Blödheit" begründet werden. Dann läuft einfach mal wieder etwas falsch.

  • Da war das Bundesverwaltungsgericht schon einmal so frei und hat uns unter fest umrissenen Umständen eine gewisse Art Entscheidungsrecht eingeräumt:
    „Das allgemeine Persönlichkeitsrecht aus Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG umfasst auch das Recht eines schwer und unheilbar kranken Patienten, zu entscheiden, wie und zu welchem Zeitpunkt sein Leben beendet werden soll, vorausgesetzt, er kann seinen Willen frei bilden und entsprechend handeln. Daraus kann sich im extremen Einzelfall ergeben, dass der Staat den Zugang zu einem Betäubungsmittel nicht verwehren darf, das dem Patienten eine würdige und schmerzlose Selbsttötung ermöglicht.“
    http://www.kostenlose-urteile.…ehrt-werden.news23940.htm
    und unser Bundesgesundheitsminister hat nix Besseres zu tun, als dagegen vorzugehen, indem er jeglichen Spielraum, den man als Patient vielleicht noch hätte, per neuem Gesetz einschränken will
    http://business-panorama.de/news.php?newsid=477597

    Nichts, aber auch gar nichts wird den Todkranken noch an Entscheidungsfreiheit gewährt.
    Ich meine, bei allem Verständnis, Gesetze zu schaffen, um der Willkür Herr zu werden, gibt es ein paar Nischen, die man den Menschen lassen sollte und wenn es einfach dadurch geschieht, dass man keine (weitere) Regelung trifft.

    Frdl. Grüße
    Christiane

  • Und der neue Bundesgesundheitsminister legt nach:


    So bleibt von dem letzten Rest an freiem Willen in der größten Not nix mehr übrig. Trotz Urteil aus dem letzten Jahr meint auch Herr Spahn, Schwerstkranken den Zugang zu lebensbeendenden Medikamenten zu verwehren:
    http://www.spiegel.de/gesundhe…edikamente-a-1215871.html
    Und dabei hat es sich das Gericht nicht leicht gemacht und umfangreich begründet, warum es richtig ist, in absoluten Notlagen einen Zugang zu dem allerletzten Medikament zu schaffen.
    https://www.bverwg.de/020317U3C19.15.0


    Und nun? Amazon gibt es (noch) nicht her http://www.sueddeutsche.de/wir…uch-die-kranken-1.4037001 ,
    das Darknet? Zynismus. Unser Staat duckt sich mit wohlfeilen Worten weg und stellt sich über das Grundgesetz.

    Frdl. Grüße


    Christiane

  • Das ist ein schwieriges Thema. Der Zugang zu den erforderlichen Substanzen ist ein zweischneidiges, gefährliches Schwert, das zu brisanten und ungewollten Begleiterscheinungen führen kann. Letztlich zeigt es sich einmal mehr: um die wirklich wichtigen Dinge sollte man sich selbst (rechtzeitig) kümmern und darf sich dabei nicht auf andere verlassen.

  • Einen Vorrat rechtzeitig ordern? Warum soll unser Staat sich schon wieder aus seiner Verantwortung stehlen können? Ich leg mir nicht etwas in den Schrank und muss ständig daran denken, sondern ich brauche die Möglichkeit, wenn der Fall der Fälle eintreten sollte.


    Frdl. Grüße
    Christiane

  • Dem Staat darf überhaupt keine Verantwortung in der ganz persönlichen Frage zustehen, seinem Leben ein vorzeitiges Ende zu setzen oder nicht, wenn eine absehbar kurzfristig letale Erkrankung vorliegt. Es ist eine Frage der Menschenwürde, diese wahrscheinlich letzte wesentliche persönliche Entscheidung selbt treffen zu dürfen.


    So lange Rechtsprechung staatlichen Eingriffen Vorschub leistet, halte ich es für legitim, nach eigener freier Entscheidung Vorkehrungen zu treffen, z.B. durch Bevorratung geeigneter Medikamente. Dieser letzte Ungehorsam gegenüber dem Staat als Ausweg aus der letzten großen Lebenskrise muss allein aus Gründen der Menschenwürde gestattet sein.


    Allerdings müssen der industriellen Sterbehilfe rechtlich tragfähig und dauerhaft die Grundlagen entzogen werden. Auch hier ist die Menschenwürde der führende Maßstab.

  • Wie ich schrieb, ich verlasse mich ungerne darauf, dass andere das tun, was erforderlich ist.
    Das ist ja auch insbesondere dann schwierig, wenn nicht einmal gewiss ist, dass es auch die entsprechenden Möglichkeiten dazu geben wird.
    Dass eine sehr umstrittene Frage letztlich genau im eigenen Sinne entschieden und geregelt wird, ist ungewiss, Tendenz zu eher unwahrscheinlich. Gewissheiten kann ich nur selbst schaffen.
    Es machte ja auch wenig Sinn zu fordern, dass die Sonne immer dann scheinen soll, wenn ich den Sonnenschein gerade benötige oder einfach nur haben will. Es wäre ja nichts, was ich ablehne, also, diesen Einfluss zu haben, aber die normative Kraft des Faktischen holt uns doch immer wieder auf den Boden zurück. Ich sehe nicht, dass die Hürden bezüglich der aktiven Sterbehilfe - die ja auch Rechtssicherheit für Angehörige, als verantwortliche Exekutive (im Sinn von Treuhänder, Sachwalter und Bevollmächtigte für die folgenden Schritte) beinhalten müsste - in nächster Zukunft Realität werden wird. Die werden ja zu Tatgehilfen und landen auf ganz unsicherem Terrain. Wer will das trauerden Hinterbliebenen on Top zumuten?