Humanismus, Menschenrechte und Revolution als evolutionärer Prozess



  • Viele vergessen, dass man sehr schnell selber in die Situation kommen kann, deswegen hüte ich mich vor Verurteilungen.

    Das social standing ist wirklich ein Faktor. Gestern war im Heute Journal ein Bericht über weibliche Singles mit Uni-Ausbildung und Karriere, die sich einfach weigerten, sich einen Mann zu suchen, der ihrem social standing nicht entspricht. Selbst schuld.
    Es gibt nämlich auch intelligente und interessante Männer ohne akademischen Abschluß.

    Aber als Arbeitsloser gänzlich nichts zu tun, stelle ich mir auch nicht so toll vor. Die obligatorischen 4 Stunden der Indios würde ich mir selbst auferlegen und wenn ich einfach eine Fremdsprache lernen würde.

    Wenn ich jetzt nicht mehr arbeiten müßte, aus einem positiven Grunde, also dem berühmten Lottogewinn, dann würde ich mir ganz schnell eine Aufgabe suchen, um nicht zu "verkommen".

    Ich würde mich vor mir selbst schützen müßen, um nicht jeden Tag in der Kneipe zu landen. Geld hätte ich ja dann.

    Solange noch Jugend und Energie da ist, ist doch der Drang da, irgendetwas zu machen. Nur Müßiggang und Ruhe kann man erst als Rentner, sprich: Alter ertragen.

  • Naja, es stimmt nur teilweise. Teils ist es auch schlicht falsch.

    die evolution der bürgerrechte in europa beginnt meiner meinung mit den freien städten, die sich von der herrschaft der adeligen emanzipiert haben. in diesen städten hatten bürger rechte, daher auch heute noch der begriff bürgerrechte.

    Tatsächlich bestand die Adelsherrschaft meist weiter (vor allem in den italienischen Stadtstaaten, von denen der Humanismus dann ausging).
    Gleichwohl entstand in Abgrenzung zum Bauernstand ein davon abgegrenztes Bürgertum mit erweiterten Rechten (siehe Stadtrechte). Insoweit waren sie (gerade im deutschen Raum) meist freier. Ãœber den Stadtrat partizipierten sie an der politischen Entscheidung über das Geminwesen (allerdings gab es auch Dorfräte, Ältestenräte etc., vor allem für rechtliche Entscheidungen. Auch vergisst man oft die seit dem frühen Mittelalter bestehende Allmende, das gemeinschaftliche Dorfeigentum).
    "Stadtluft macht frei" rührt daher vor allem von der Lehensfreiheit: die Städte waren dem Kaiser direkt unterstellt als sog. freie Reichsstädte. Unterstellt waren sie aber schon !
    Allerdings entwickelte sich über die Zünfte ein regelrechtes Kastenwesen.
    Daneben gab es durchaus auch freie Bauern und wieder anders lagen die Dinge bei Kloster- und Kirchenbesitz (Basel, Köln, Mainz etc.).

    diese tradition mündete in die philosophische debatte des humanismus und der aufklärung, welche der dominanten dogmen der christlichen kirchen und herrscher von gottes gnaden entgegengetreten ist.

    Das ist insofern falsch, als die Debatte um den Humanismus von ausgesprochen christlichen Kreisen ausging. Als Urhber wird meist Petrarca genannt, dessen Vater schon zum Papstkreis gezählt wird und der seinerseits Priesterweihen hatte. Als Ort gibt man deshalb Florenz an, allerdings spielen auch andere italienische Stadtstaaten (aber stets unter Adelsherrschaft) eine Rolle.
    Richtig ist, dass via Renaissance die Aufklärung ausgelöst wurde. Allem voran geschah das in Städten, wo seit jeher Kapital akkumuliert wurde (siehe schon gotischen Kathedralenbau, eine Koproduktion von Adel und Bürgerschaft).
    Allerdings muss man enttäuschen: massgeblich waren die norditalienischen Fürstenhöfe, allen voran die Medici. Dort wurde der Begriff "rinascimento" auch erstmals gebraucht. Die Bürgervor allem in D, deren Zunftsystem in Frage gestellt wurden, waren zunächst eher wenig begeistert.
    Weiter nördlich firmierte das Ganze auch eher unter "reformatio" und beschrieb den (durchaus auch bäuerlichen) Kampf gegen Kirchenprivilegien. Vor allem der Ablasshandel und kleine Modifikationen des Rechts zugunsten der Kirche hatte teils das überkommene Erbrecht ausgehebelt und zu erklecklichen Pfründen geführt, was den Bauern gar nicht zusagte.


    Das "siecle des lumieres" / Zeitalter der Aufklärung wurde massgeblich von einer französisch - englischen Oberschicht in engem Zusammenhang zum französischen Landadel, teils auch zum englischen entwickelt, und / oder im universitären Bereich . (Descartes = Kleinadel; Locke = Wissenschaftler, Oxford; Rousseau = Priesterseminar, Hauslehrehr und Sekretär beim Landadel, dann Paris; Voltaire = Jesuitenschule, adeliges Umfeld; und als echte Ausnahme: Kant, "nur" Uni).


    Diese teils explosiven Schriften und die Kritik am (Aber-)Glauben und der Institution Kirche nebst dem überkommenen feudalen Lehenssystem kursierten in Adels- Künstler- und Wissenschaftlerkreisen:

    und schließlich in die franz. revolution gemündet ist, welches das bürgertum von der herrschaft der adeligen und der kirche befreit hat.

    Letztendlich, denn man vergisst meist, dass diese Revolution eigentlich nur das feudale System reformieren sollte. Dass auch der König ermordet wurde, war dem "Terreur" geschuldet, der sich seither meist immer im Gefolge einer revolution einstellt.
    Ein auf die Stadt Paris beschränkter Prostest ging vom Marsch der Marktweiber nach Versailles aus. Es ging um staatlich fixierte Brotpreise und das waren vor allem Bäuerinnen.

    von nun an bildet sich eine neue konservative, nämlich eine bürgerliche.
    mit einfluß, kapital und machtbewußtsein.
    aber diese konservative beruht auf dem fundament der revolutionäre, nicht auf einer eigenen leistung.

    Kapital war seit dem Mittelalter beim städtischen Bürgertum akkumuliert. Was an Einfluss gewann war das vermögen, nachdem es bis dahin um Stand und Grundbesitz gegangen war (eben Feudalismus).
    Das Bürgertum empfand sich und war allerdings äusserst progressiv. Die Restauration ging von den nach wie vor bestehenden teilfeudalen Staaten gelegentlich des Wiener Kongress und nunmehr exklusiv dem Adel aus (die bis zur Revolution geltende Einberufung der Generalstände war ja bedauerlicherweise im Zuge der Revolution mit abgeschafft worden).
    Der Progressivität dieses nun vom Code Civil definierten Bürgertums ist vor allem eine rasante Industrialisierung zu verdanken (die von Bazuern und Landadel vielfach bekämpft und behindert wurde, teils sogar noch bevor sie vom entstehenden Proletariat als arbeitsplatzzerstörend empfunden wurde).


    Noch bei der 1848er Revolution kann man das städtische Bürgertum als revolutionär betrachten (ein deutscher Nationalstaat z.B. galt damals als revolutionär, da er das Adelsgefüge bedrohte).


    Erst mit der Entstehung eines Teilhabe fordernden Proletariats (ebenfalls städtisch) mutierte der weiterhin unveränderte bürgerliche Standpunkt zum konservativen (ungeachtet progressiver Ansichten über Wissenschaft / Technik / Fortschritt / Kunst oder Kultur).

    das pflanzt sich bis heute fort.
    die grünen erfinden den gesellschaftlich relevanten umweltschutz, und die CDU antwortet mit klaus töpfer.

    Fortpflanzen tut sich vor allem der Irrtum über den Begriff Konservativ, der nicht negativ zu sein braucht (etwa ist es "konservativ", an bestehender sozialer Sicherheit festzuhalten, während es progressiv sein kann, neue "Werte" zu fordern; konservativ kann sein, gegen Auslandseinsätze der Bundeswehrt zu sein, progressiv dagegen, eine veränderte Weltlage zu berücksichtigen = d.h.: das Attribut konservativ / progressiv besagt nichts über die "Moral").


    Die GRÃœNEN haben natürlich nicht den Umweltschutz erfunden. Davon wird seit Jahrhunderten und warnend seit Beginn der Industrialisierung geschrieben.
    Sie haben ihn (zusammen mit dem sog. ökologischen Umbau der Wirtschaft) allerdings zum politischen Hauptprogramm erhoben. Das wurde, wegen anhaltenden Erfolgs, inzwischen kopiert.

    der entscheidende impuls zu notwendigen veränderungen kommt so gut wie nie aus den reihen der konservativen, sonder immer von außenseitern der gesellschaft. die konservativen "vereinnahmen" dann die gesellschaftlich relevanten veränderungen, so lange bis sie total vergessen haben, dass diese veränderungen nicht aus den eigenen reihen stammen, sondern vom politischen gegner.

    Es hängt von der Forderung ab: ist sie eine konservative (=bewahrende) ?
    So wurden und werden viele Umweltforderungen der GRÃœNEN als konservativ betrachtet (nicht im negativen Sinn).

    und nun "untergraben" die reaktionären kräfte die gesellschaftliche fortentwicklung, indem sie die werte relativieren und verkaufen.

    Reaktionär heist ja: fortschrittsfeindlich, rückwärtsgerichtet, unzeitgemäss, von gestern, illiberal (es kommt von der bezeichnung für diejenigen, die die Errungenschaften der französischen revolution nicht übernehmen und diese nicht weitertragen wollten).
    Reaktionär ist in Deutschland derzeit zum Beispiel DIE LINKE

    für alle relevanten fakten bin ich dankbar für diese diskussion.

    Relevanz ist immer relativ. Das Thema ist zu gross, um es detailliert abzuhandeln. (+ Konnte nicht alle posts lesen, evt. ist Manches schon abgehandelt)

  • Danke für diesen Beitrag. So habe ich einiges noch nicht reflektiert und auch nicht gewusst.

    :thumbsup:

  • danke für den ausführlichen beitrag.


    mein historisches wissen ist in der tat nur wenig belastbar, besonders was zahlen und daten betrifft.
    ich habe eher versucht die verschiedenen stationen zu beschreiben die evolutionäre marken setzen, was die entwicklung von menschenrechten, bürgerrechten und gegen autoritäre strukturen erkämpfte mitbestimmungsrechte betrifft.


    ganz falsch ist diese darstellung sicher nicht, wenn auch im detail nicht ausreichend.
    das ganze ist in der tat viel zu komplex.


    den begriff konservativ benutze ich für immer den teil der bevölkerung der sich den neuerungen und ideen widersetzt.
    natürlich haben z.b. die grünen den umweltschutz nicht erfunden, daher habe ich "gesellschaftlich relevanten" umweltschutz geschrieben.


    wenn man so will ist das nämlich auch ein sehr "konservatives" anliegen, ein bewahrendes anliegen.


    allerdings auch ein revolutionäres konzept, weil es dem herrschenden zeitgeist widerspricht, welcher die natur als müllkippe und gnadenlos auszubeutenden rohstofflieferanten betrachtet.
    konservativ bedeutet in diesem sinne eher der industrie und landwirtschaft freie hand zu lassen sich die erde total untertan zu machen.


    die begrifflichkeiten sind schwer voneinander zu trennen.


    gruß baku

    Einmal editiert, zuletzt von bakunicus ()


  • Deshalb mein Beitrag mit einem Kurzauszug einer Rede.


    Demokratie, Freiheit, Menschenrechte. Hier steht doch in der westlichen Demokratie
    Kohle im Zentrum.
    Auch der "soziale Status" wird mit materiellem Wohlstand gemessen.
    Und wo bleibt der Mensch, sprich Humanismus?



  • ... sagst es. die werte der gesellschaft sind auf den sozialen- und vermögens-status eingedampft...(so war es übrigens schon immer, und ist es, in den allermeisten kuturen, bis heute geblieben...)
    die frage, die sich stellt, ist aber folgende: wen juckt's??


    wer sich von aussen durch be- und abwertungen beinflussen und beeinträchtigen lässt, ist offensichtlich nicht gefestigt. denn wäre innere zufriedenheit und anerkennung der eigenen leistungen und des erreichten zustandes vorhanden, wäre die meinung von aussen mit einem (echten) achselzucken erledigt.


    die akzeptanz hängt somit davon ab, wie der eigene status in sich und vor sich selbst repräsentiert wird.
    es ist eine frage, wie der einzelne sich selbst "verkauft".
    ich kenne selbständige, die haben finanziell eher weniger zur verfügung, als ein H4-empfänger, arbeiten aber 10-12 stunden am tag, meistens auch am wochenende.
    die sind zwar "arm", aber durchaus stolz auf sich ... sie leben von und in der erwartung, dass ihr einsatz später früchte trägt.
    ein bauer, aus einem entfernten familienzweig, war noch nie im urlaub, die längste reise war etwa fünfzig kilometer in die nächte großstadt, die fahren eine schrottmühle, haben jeden tag die gleiche klamotten im wechsel seit jahren an, aber haben eine high-teck-trecker und sonstiges zum dranhängen vom feinsten. der wertvollste bewegliche besitz (gehört vermutlich zu großen teilen der bank ;) ). arbeitszeiten von sonnenaufgang bis spät in die nacht, wenn gekalbt wird open end...


    andere dagegen sitzen, obwohl ganz offensichtlich befähigt, wie paralysiert und fragen sich und die welt, wie es weitergehen soll...
    ich könnte ein ganzes buch schreiben, was alles geht und wie man es machen könnte, aber auch hier: wen juckt's?
    wo kein antrieb ist, hilft auch kein ansporn...
    denn: wer nicht weiss, wohin er will, dem ist kein wind der rechte...
    da steckt eigentlich alles drin...
    wohlgemerkt: ich spreche über menschen mit befähigungen und potentialen...


    das größte denkbare vermögen sind wir selbst. unser gehirn und unsere hände und unsere sprachferigkeiten befähigen uns dazu, beeindruckende dinge zu tun und großartiges zu leisten...
    aber nicht immer endet das mit/in einem vollen geldspeicher...:joker:


    das sein - meines zumindest - definiert sich nicht über den besitz, sondern die zugrunde liegenden einstellungen und vollzogenen handlungen.
    nicht über worte, sondern taten... (ausnahmen sind diejenigen, deren werkzeuge worte sind - das "tun" also das verfassen von texten ist...)


    und so bewerte ich andere menschen nicht nach ihren autos oder häusern - die, nebenbei bemerkt, in den meisten fällen der bank gehören - sondern über ihre verhaltensweisen...


    und wenn leute, die es besser können sollten, nur jammern und lamentieren, bin ich nicht sonderlich amused.
    meistens sage ich nichts dazu.
    heute mache ich eine ausnahme und bin auch schon wieder...
    :weg:(wech)....

    6 Mal editiert, zuletzt von A0468 () aus folgendem Grund: fehlert...

  • Laß mal 'ne ISBN-Nummer rüberwachsen bitte. Plus Autor und Titel.



    Für ein tieferes Verständnis der Ideen Hayeks empfiehlt sich die Lektüre folgender Werke:

    • Die Verfassung der Freiheit, 3. Auflage, Tübingen 1991, Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).
    • Recht, Gesetzgebung und Freiheit, 3 Bände, München 1980, Landsberg am Lech 1981, verlag moderne industrie.
    • Die Anmaßung von Wissen, Tübingen 1996, Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).
    • Die verhängnisvolle Anmaßung - Die Irrtümer des Sozialismus, Tübingen 1996, Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).

    ISBN-Nummern mußt du schon selber ermitteln. Ich habe mir als Student aus Kosten- und Reinschmiergründen immer Kopien gemacht und abgeheftet, wobei ich die überflüssigen Deckseiten weggelassen habe.

  • [...]
    Weiter nördlich firmierte das Ganze auch eher unter "reformatio" und beschrieb den (durchaus auch bäuerlichen) Kampf gegen Kirchenprivilegien. Vor allem der Ablasshandel und kleine Modifikationen des Rechts zugunsten der Kirche hatte teils das überkommene Erbrecht ausgehebelt und zu erklecklichen Pfründen geführt, was den Bauern gar nicht zusagte.


    In den bauernkriegen ging es nicht nur um die adligen und klerikalen pfründe sondern auch um freiheitsrechte. Mit luthers verrat wurde jeglicher revolutionsversuch für 300 jahre unterbunden und der feudalismus zemeniert.


    [...]


    Noch bei der 1848er Revolution kann man das städtische Bürgertum als revolutionär betrachten (ein deutscher Nationalstaat z.B. galt damals als revolutionär, da er das Adelsgefüge bedrohte).[...])


    Das beschriebene ist der konservative flügel, der eine konstitutionelle monarchie und erbkaisertum erhalten wollte. Der progressive flügel dieser revolution bildete sich in Baden aus, mit weitreichenderen forderungen.

  • "Marsch durch die Institutionen"...
    Gacker...


    Aussitzen als Form des Kampfes... als Marsch...
    Pruuust.


    Jupp, so kann man´s auch sehen...


    Also wer auf seinem Weg keine Schneise aus Blut schlägt, der hat nichts getan ?

  • Also wer auf seinem Weg keine Schneise aus Blut schlägt, der hat nichts getan ?

    Alter Schwede!
    Begnadete Replik!
    Dieser Scharfsinn!
    Die Schlußfolgerung!
    Grandios!


    Nachdem du nun, vor gar nicht allzu langer Zeit, gut auf ein paar Milliarden Menschen
    verzichten könntest, weil das Naturgesetz will es so, mir jetzt den unterstellen wollen hat was.
    Dir ist schon klar, dass du dich mit solchen Mist völligst diskreditierst?