WAS BEDEUTET "NEOLIBERAL"?

  • Wie ein Begriff, der früher Gutes meinte, zum Schimpfwort wurde.




    Kinder beschimpfen sich manchmal auf dem Schulhof. Das kennt Ihr sicher. Politiker tun das, natürlich in höflicher Form, im Parlament, wo die Vertreter des Volkes sich zu großen Debatten treffen und über Gesetze abstimmen. Zu einem der liebsten Schimpfwörter in der politischen Auseinandersetzung hat sich das Wort »neoliberal« entwickelt. »Sie sind neoliberal«: Damit will ein Abgeordneter sagen, der andere kümmere sich nicht um die Armen und Benachteiligten im Land, sondern mache die Reichen nur reicher und große Unternehmen noch mächtiger.


    Wirtschaft für Kinder: Was bedeutet "neoliberal"? | Wirtschaft | ZEIT ONLINE


    Obwohl der Artikel in der "Zeit" unter der Rubrik "Wirtschaft für Kinder" erschien, halte ich ihn für lesenswert, da er in einem guten Maße offenbart, wie der Begriff "Neoliberal" entstanden ist und aus welchem Grund er heutzutage eine völlig andere Bedeutung erlangt hat.


    Hier sollten sich Politik und Wirtschaft mal kräftig an die Nase fassen und überlegen, ob sie den Begriff überhaupt noch ungestraft mit Erhardt's Idee der "sozialen Marktwirtschaft" in Verbindung bringen dürfen.....


    Oder wie seht ihr das?


    Ich sehe das so:


    Einmal editiert, zuletzt von techniker1 ()

  • Neoliberalismus hat wohl nichts mehr mit sozialer Marktwirtschaft zu tun.

    Er geht auf den Konsens von Washington zurück und beinhaltet folgendes:
    1.
    In jedem Schuldnerland ist eine Reform des Steuersystems notwendig
    a.
    Absenkung der steuerlichen Belastungen der höchsten Einkommen, um diese zu produktiven Investitionen anzuregen und gleichwohl
    b. Ausweitung der Anzahl der Steuerpflichtigen

    2.
    Rasche und vollständige Liberalisierung der Finanzmärkte

    3. Gleichbehandlung von ausländischen und inländischen Investoren

    4. Zerschlagung und Privatisierung des öffentlichen Sektors,

    5. Deregulierung der Volkswirtschaft der einzelnen Länder,

    usw.

    Was uns das bisher gebracht hat, wird hier und woanders seit langem diskutiert.

    Nichts Gutes!

  • Wie du siehst, braucht es nur die Zeit, die schlechte Politik und noch schlechtere Politiker, um aus harmlosen Begriffen ganz mies belegte Kampfbegriffe zu machen. Diese Zeit ist jetzt und die Politiker sind auch schlecht genug. Eigentlich unvorstellbar schlecht!

  • Neoliberalismus ist das, was die Reichen und Privilegierten schon immer praktizierten, mit dem Unterschied dass früher die Priester und Kirchen die Aufgaben erledigten, die heutzutage die "Experten" und ihre verschiedenen "wissenschaftlichen" Institutionen übernommen haben. Es ist eine Weltanschauung, die (bewußt) alle offensichtlichen Möglichkeiten der Eliten übersieht deren Macht zu festigen.


  • Schon im ersten absatz kann man erkennen, daß das heute nichts mehr mit Erhardt zu tun hat:


    "[...] Am Ausgangspunkt stand
    der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft
    die alte konservative soziale Struktur endgültig zu über-
    winden.[...]"


    Durch billiglöhne, leiharbeitssklaverei in tateinheit mit Hartz1-4, zusätzlich zu den sich zyklisch abwechselnden zweiklang - einerseits dürfe der aufschwung nicht durch hohe lohne gefährden andererseits wäre man gerade in der krise und könnte deshalb keine höheren löhne bezahlen, abzocken der kundschaft durch quasimonopole usw usf hat sich das ad absurdum geführt und Erhardt wird nur noch wie eine monstranz vorne weg geführt bei der prozession der gierigen.

  • Jo, und wenn man unsere Liberalen nach Erhardt befragt, ist der völlig unbekannt....:smilielol5:


    Oder man wird gefragt:


    ...wen meinen Sie? Heinz Erhardt?
    Ja, den kenne ich!



    Die Made


    von Heinz Erhardt


    Hinter eines Baumes Rinde
    wohnt die Made mit dem Kinde.
    Sie ist Witwe, denn der Gatte,
    den sie hatte, fiel vom Blatte.
    Diente so auf diese Weise
    einer Ameise als Speise.


    Eines Morgens sprach die Made:
    "Liebes Kind, ich sehe grade,
    drüben gibt es frischen Kohl,
    den ich hol'. So leb denn wohl.
    Halt! Noch eins, denk, was geschah,
    geh nicht aus, denk an Papa!"


    Also sprach sie und entwich. —
    Made junior jedoch schlich
    hinterdrein, und das war schlecht,
    denn schon kam ein bunter Specht
    und verschlang die kleine fade
    Made ohne Gnade. — Schade.


    Hinter eines Baumes Rinde
    ruft die Made nach dem Kinde.
    :smilielol5:

  • Früher war es ja auch so, dass durch das Konsumieren
    Geld direkt den Unternehmen in D wieder zufloss. Früher gab es sogar soziale Geldgeschenke der Politik, nur damit die Wirtschaft richtig angekurbelt wurde.

    Aber welche Wirtschaft soll denn in D noch angekurbelt werden, wenn die deutschen Unternehmer in China und sonst wo produzieren lassen?

    :rolleyes:


  • Ach es geht um HEINZ Erhard. Sag das doch gleich :joker:
    [FONT=Times New Roman, Times, serif]Warum die Zitronen sauer wurden[/FONT]


    [FONT=Times New Roman, Times, serif] Ich muß das wirklich mal betonen:
    Ganz früher waren die Zitronen
    (ich weiß nur nicht genau mehr, wann dies
    gewesen ist) so süß wie Kandis.

    Bis sie einst sprachen: "Wir Zitronen,
    wir wollen groß sein wie Melonen!
    Auch finden wir das Gelb abscheulich,
    wir wollen rot sein oder bläulich!"

    Gott hörte oben die Beschwerden
    und sagte: "Daraus kann nichts werden!
    Ihr müßt so bleiben! Ich bedauer!"
    Da wurden die Zitronen sauer . . .

    Heinz Erhardt
    [/FONT]

  • Für mich würde ich Neoliberal wie folgt zusammen fassen:


    "Neuliberal" wie das Wort schon sagt. Nicht mehr Liberal wie im ursprünglichen Wortsinne, sondern nur noch wirtschaftsliberal und nicht gesellschaftsliberal.
    Daher gibt es ja auch authoritäre/faschistische Neoliberale, wie z.B. Pinochet, was sich mit der Bedeutung gesellschaftsliberal ausschliessen würde.
    Neoliberalismus ist die Endstufe der Huldigung des Materialismus und des Sozialdarwinismus.

  • Für mich würde ich Neoliberal wie folgt zusammen fassen:


    "Neuliberal" wie das Wort schon sagt. Nicht mehr Liberal wie im ursprünglichen Wortsinne, sondern nur noch wirtschaftsliberal und nicht gesellschaftsliberal.
    Daher gibt es ja auch authoritäre/faschistische Neoliberale, wie z.B. Pinochet, was sich mit der Bedeutung gesellschaftsliberal ausschliessen würde.
    Neoliberalismus ist die Endstufe der Huldigung des Materialismus und des Sozialdarwinismus.

    :thumbsup:
    Also pauschal würde ich es mit neufreiheitlich übersetzen, aber bei der Betrachtung der entsprechenden Akteure als Geld und machtgierige Nichtskönner eindeutschen. ;)

  • Neoliberal ist für mich die "Neue Soziale Martwirtschaft "nur das das wort sozial falsch ist .:smilielol5:

  • Neoliberal im Kontext

    Vorbemerkung: Man kann Geschichte und Ansätze neoliberaler Theorie mit zeitgenössischen Entwicklungen vergleichen, die alle bis heute nachwirken. Siehe zum Beispiel: Kritische Theorie
    Wenn heute über „Neoliberale“ gesprochen und gestritten wird, dann hat das nur noch wenig mit der ursprünglichen Idee zu tun. Die frühen Neoliberalen wünschten sich den Staat schlank, aber stark, um nicht zur Beute von Interessengruppen zu werden.

    Vorgeschichte in Kürze

    Vor allem nach dem 1. Weltkrieg waren Liberalismus und Kapitalismus in Misskredit geraten. Zumal die russische Revolution in ihren Anfängen gerade die Phantasie von Teilen des intellektuellen Bürgertums weltweit faszinierte. Mindestens ebenso viele aber fühlten sich von den revolutionären Stimmungen bedroht. Die Weltwirtschaftskrise tat später ein übriges.

    In diese Stimmungslage hinein zielte 1922 ein Buch des Wiener Nationalökonomen Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft, um den Liberalismus zu rehabilitieren. Als Wurzel des bekämpften Sozialismus macht er eigenartigerweise die Romantik aus und schreibt:

    Zitat

    Der »denkende und vernünftig handelnde Mensch« suche das Unlustgefühl aus der Nichtbefriedigung von Wünschen durch Wirtschaft und Arbeit zu überwinden. »Er schafft, um seine Lage zu verbessern. Der Romantiker ist zum Arbeiten zu schwach. […] Er haßt die Arbeit, das Wirtschaften, die Vernunft.«

    . Sein brilliantester Schüler ist Friedrich August von Hayek.

    Der Begriff entsteht

    Paris, August 1938: Man ahnt schon den zweiten Weltkrieg, der in knapp vier Wochen auf einer denkwürdigen Konferenz in München noch einmal um ein Jahr verschoben werden würde. Von der romantischen Revolution des Jahres 1917 ist nurmehr Stalinismus übrig, die Befürchtungen dagegen haben Faschismus und Nationalsozialismus hervorgebracht.

    Beim sogenannten Colloque Lippmann treffen sich Philosophen und Ökonomen, um eine Antwort auf totalitäre Strukturen zu finden. Angesichts der politischen Landkarte Europas ist man in der Defensive.
    Anlass war die Hochzeitsreise des amerikanischen Journalisten Walter Lippmann, ehemals Sozialist, jetzt Liberaler, der die kollektivistischen Systeme Kommunismus und Faschismus als verwandt betrachtete und in dessen 1937 erschienenem Buch The Good Society – dt.: Die Gesellschaft freier Menschen man liest:

    Zitat

    »Der Kollektivismus funktioniert nicht, da er mit der Wirtschaftsordnung, nach der die Menschen sich ihr Brot verdienen, völlig unvereinbar ist.«

    Vielmehr sah er die Herausforderung in der Organisation der arbeitsteiligen Gesellschaft. Allerdings liest man auch das verbreitete heroische Vokabular der damaligen Zeit:

    Zitat

    die Mission des Liberalismus ist, die leitenden Grundsätze des Ãœbergangs von der primitiven Lebensweise in verhältnismäßig autarken Gemeinwesen zum Leben in einer großen Völkergemeinschaft mit aufeinander angewiesenen Facharbeitern zu zeigen, dann hat der Liberalismus nichts Geringeres vor als die Umstellung der Menschheit auf eine neue Lebensweise.«

    Insgesamt 25 Personen folgen Rougiers Einladung, darunter der Geschichtsphilosoph Raymond Aron, die Ökonomen Wilhelm Röpke, Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek, Jacques Rueff und Alexander Rüstow.

    Am Ende einigt man sich auf den Begriff »Neoliberalismus«. Relativ einig auch ist man sich darin, dass der Laissez-Faire-Liberalismus des 19. Jahrhunderts zu Monopolen und Kartellen geführt hat, deren Bildung es aber entgegenzusteuern gilt.
    Walter Eucken, Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow werden als Vordenker der deutschen sozialen Marktwirtschaft in die Geschichte eingehen. Friedrich von Hayek und Milton Friedman werden die Grundlagen für die Liberalisierung und Deregulierung der Weltwirtschaft – und damit auch der Globalisierung – entwickeln.
    Am Beginn des 21. Jahrhunderts wird „neoliberal“ fast ein Schimpfwort sein.

    Einige Positionen dieser Zeit

    Einige Grundpositionen sind innerhalb der Richtung nicht umstritten:
    Privateigentum an Produktionsmitteln und Vertragsfreiheit gelten als Voraussetzung jeder Marktwirtschaft und damit auch der Demokratie.

    Kontrovers sieht man die Rolle des Staates:

    Altliberale
    Der Östereich – US Amerikaner Ludwig von Mises (sog. Österreichische Schule; ähnlich: Hayeck) sieht darin einen

    Zitat

    »Zwangs- und Unterdrückungsapparat. Das Wesen der Staatstätigkeit ist, Menschen durch Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung zu zwingen, sich anders zu verhalten, als sie sich aus freiem Antriebe verhalten würden.«



    Neoliberale
    Dagegen setzt der deutsche Soziologe und Ökonom Alexander Rüstow

    Zitat

    »einen starken Staat, der über den Gruppen, über den Interessen steht, einen Staat, der sich aus der Verstrickung mit den Wirtschaftsinteressen, wenn er in sie hineingeraten ist, wieder herauslöst«


    (Rüstow musste schon 1933 aus Deutschland fliehen und lehrte zur Zeit des Colloquiums an der Universität Istanbul)

    Lippmann selbst verweist auf die Fehler des 19. Jahrhunderts:

    Zitat

    »Die Ãœbelstände […] waren zu zahlreich. Sie ließen sich nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man den Massen Resignation predigte. Sie hätten die erste Sorge der Liberalen sein sollen, das Hauptthema ihrer Forschungen, die dauernde Aufgabe ihrer Politik.«



    2. Weltkrieg

    Unter dem Eindruck der Ereignisse entstehen Schlüsselwerke des Jahrhunderts:
    1944 veröffentlicht Hayeck in London The Road to Serfdom / Der Weg zur Knechtschaft: Die staatsgläubigen Demokratien sieht er auf demselben Weg wie das stalinistische Russland und das faschistische Deutschland.
    Karl Popper, ebenfalls aus der Österreichischen Schule und 1936, rechtzeitig vor dem Anschluss, aus Wien nach Neuseeland emigriert, veröffentlich 1945 in London Die offene Gesellschaft und ihre Feinde: Es ist eine Ablehnung jedweder totalitärer Regime und ihrer Philosophien.

    Parallel etwa diskutieren Adorno und Horkheimer im Exil in LosAngeles die Dialektik der Aufklärung aus (Kritische Theorie)
    Gegenspieler der Liberalen Ökonomen in London aber ist John Maynard Keynes, der 1936 unter Hinweis auf die Erfolge in Russland, Italien und Deutschland (unter Ablehnung der Systeme selbst) Grundlegendes zur erfolgreichen staatlichen Steuerung (heute: Globalsteuerung) veröffentlicht hatte. Keynes wird 1944 zur Konferenz nach Bretton Woods / USA geladen, bei der die ökonomische Nachkriegsordnung im Hinblick auf den schon erwarteten Kriegsausgang besprochen wird.
    Dort setzt ihn allerdings der amerikanische Wortführer Harry Dexter White schachmatt. Es war im Wesentlichen Whites Plan, den die erschöpften Delegierten am Ende im "Gold Room" des Hotels unterzeichneten. Kurze Zeit später wurde White als sowjetischer Spion enttarnt...

    Nach dem 2. Weltkrieg

    Am 1. April 1947 trifft man sich auf Einladung Hayecks in Mont-Pèlerin am Genfer See. Neben 15 der 26 Teilnehmer aus Paris 1938 sind die späteren Ökonomie-Nobelpreisträger Milton Friedman und George Stigler dabei. Auch die Philosophen Hans Barth und Michael Polanyi nehmen an dem für zehn Tage angesetzten Treffen teil. Hayeck eröffnet dieses Gründungstreffen der künftigen Mont Pèlerin Society mit einem Zitat von John Maynard Keynes:

    Zitat

    »Die Ideen der Nationalökonomen und Philosophen wirken stärker, als allgemein angenommen wird, und zwar sowohl wenn sie recht haben, als auch wenn sie irren. Tatsächlich wird die Welt kaum von etwas anderem regiert.«



    Dem einstmals neoliberal genannten Flügel gelingt 1948 mit der Freiburger Schule um Walter Eucken gemeinsam mit Ludwig Ehrhardt die modellhafte Soziale Marktwirtschaft der BRD. Nur eine Währungsreform in Verbindung mit einer Freigabe der Preise konnte einen wirtschaftlichen Aufschwung bringen, glaubte Eucken. Genau dies wagte Ludwig Erhard im Juni 1948 – gegen den Widerstand einer breiten Front von Zweiflern.

    Auf dem Weg zu Laissez-Faire und Monetarismus

    Und nachdem man in Deutschland ausgerechnet Karl Popper (der sich so vehement gegen jedwedes totalitäre Regime verwahrt hatte) im sogenannten Positivismusstreit quasi in die totalitäre Ecke gestellt hatte, ferner mit dem Rückzug Röpkes und Rüstows der sozialstaatlich orientierte (deutsche) Flügel quasi verschwand, gelingt es den ehemals sogenannten Altliberalen Mises und Hayeck, jetzt unterstützt von Milton Friedman, im gerade nach scharf rechts geputschten Chile Pinochets die spätere Dreieinigkeit Privatisierung, Deregulierung , Kürzung der Sozialausgaben auszuprobieren. Vergessen sind da die Freiheit und die Bürgerrechte. Unter dem (im Grunde falschen) Label Neoliberalismus wird das Rezept gewaltstaatskompatibel.

    Das aber sind schon die (zunächst chilenischen) Chicago Boys der 80er Jahre (um Milton Friedman) und dessen Monetarismus. Diese sogenannte jüngere Chicagoer Schule um Friedman glaubte nicht mehr, dass der Staat als echter Wettbewerbshüter auftreten könne, sondern sah ihn fest in der Hand von Interessengruppen. (Man vergleiche das mit gerade heute populären Vorstellungen).

    Dazu zwei Hayeck Zitate, die einigermaßen charakteristisch sind:

    Zitat

    "Die Verführung durch die ,soziale Gerechtigkeit' droht uns diesen größten Triumph persönlicher Freiheit wieder zu nehmen. Und es wird nicht lange dauern, bis diejenigen, die die Macht haben, ,soziale Gerechtigkeit' durchzusetzen, sich in ihre Stellungen eingraben werden, indem sie die Wohltaten der ,sozialen Gerechtigkeit' zur Belohnung für die Ãœbertragung jener Macht austeilen und um sich selbst die Unterstützung einer Prätorianergarde zu sichern, die garantiert, dass ihre Ansicht von dem, was ,soziale Gerechtigkeit' ist, sich auch durchsetzt."

    Zitat



    "In der Praxis entsteht ein Kampf um die Macht organisierter Interessen, in dem Argumente der Gerechtigkeit lediglich als Vorwand dienen."



    Ihre (logische) Folgerung: Je weniger Staat, desto besser der Markt.
    Die Stationen sind bekannt: Thatcherism, Reaganomics

    Vorausgegangen war der Niedergang der Lehren Keynes’, dessen Rezepte nicht mehr gegen die Krisensymptome der 70er Jahre mit der ansteigenden Arbeitslosigkeit geholfen hatten, sowie das Ende der Währungsregulierung nach dem System Bretton Woods schon Anfang der 70er Jahr: Die Golddeckung des Dollar war nicht mehr haltbar.

    Teils mehr, teils weniger werden die Gedanken der Privatisierung, Abbau der Staatsquote und Deregulierung weltweit übernommen. Meist aber als Mischform mit anderen Konzepten.
    (In Deutschland etwa kann man bei einer Staatsquote von etwa 45% und einer Abgabengrenzbelastung von etwa 60% derzeit nicht von „entfesseltem Kapitalismus“ sprechen.)

    Noch einmal blitzt zum Abschluss des Kalten Krieges der Geist der 30er Jahre auf:
    Als der Sozialismus 1989/90 zusammenbricht, kommentiert Nobelpreisträger James Buchanan sarkastisch: „Der Sozialismus ist tot, aber der Leviathan lebt weiter.“ Gemeint war der vom Philosophen Thomas Hobbes als „Leviathan“ bezeichnete Staat, der den Bürgern soziale Sicherheit verspricht, dabei jedoch ihre Freiheit beschränkt.

    Dann beginnt die „kreative Phase“ des Finanzsektors.
    Im übrigen ist die Entwicklung seit 1989 / 90 wohl weitgehend bekannt....

    KRITIK

    Die Kritik ist seit den diversen „Blasen“ und ihrem Platzen lautstark und zahlreich, ergeht sich allerdings gerne in einer allgemeinen und wenig erhellenden Kapitalismuskritik.

    Konkret zum (sogenannten) Neoliberalismus wird genannt:

    Echter Liberalismus stelle die Wirtschaft in den Dienst der Gesellschaft. Nicht ökonomischer Gewinn, sondern die Freiheit des Einzelnen stehe im Zentrum.
    Aus dem (neo)liberalen Gedanken sei dagegen per Monetarismus ein Pekuniarismus geworden. Das heisst: es zählt nicht mehr Kapital, sondern Geld. Alles wird in Geld bewertet; es dominiert Denken und Handeln der Befürworter und Gegner.

    Nie sei so viel Kapital vernichtet worden, nie sei die (Netto-) Investitionsquote so niedrig gewesen, vor allem in den USA.

    Es kam nicht zu Transparenz, wirtschaftlicher Leistungskraft und Wertsteigerung, sondern zu den größten Betrugsskandalen der Geschichte an den Aktionären, zur größten Kapitalvernichtung und zu den schlechtest geführten Unternehmungen, zu den historisch raffiniertesten Bilanzfälschungen und zur schlimmsten Sorte von Wirtschaftskriminalität.

    Shareholder Value und Wertsteigerung haben zu einer der größten Fehlentwicklungen der Wirtschaft geführt, zur Fehlallokation von Ressourcen, zu Innovations- und Investitionsfeindlichkeit und zur systematischen Fehlleitung der Unternehmensführung.

    Nicht mehr das Unternehmen selbst, sondern Interessengruppen seien so zum Gegenstand geworden. Der allein entscheidende Customer Value (die Kundenorientierung) sei ins Hintertreffen geraten.


    ____________________________________________________
    Einige Quellen:

    Der Neoliberalismus wird 70 - FAZ , August 2008

    Neoliberalismus - DIE ZEIT Zeitgeschichte 2008

    Was Neoliberalismus wirklich ist - FAZ 2007

    Seid liberal, nicht neoliberal - CICERO 2005
    _________________________________________________________

    Vergleichen kann man Neoliberalismus hier im Forum mit

    Kritische Theorie, etwa zeitgleich entstanden vor vergleichbarem Hintergrund

    Postmoderne, eine halbe Genration später zunächst aus der Kunst entstanden.

    13 Mal editiert, zuletzt von koboldblau ()


  • "Neuliberal" wie das Wort schon sagt. Nicht mehr Liberal wie im ursprünglichen Wortsinne, sondern nur noch wirtschaftsliberal und nicht gesellschaftsliberal.


    So wie er heutzutage praktiziert wird ist er alles andere als wirtschaftsliberal. Es wird doch ständig in den Markt eingegriffen, oftmals zu Gunsten einiger Branchen und damit automatisch zum Schaden anderer Branchen. Lobbypolitik hat nichts mit Wirtschaftsliberalismus zu tun, viel mehr ist es das Gegenteil davon. ;)

  • alles nur substanzlose Begriffe , es gab ne zeit wo man sich unter so etwas , was vorstellen konnte .


    heute ist es Kartoffelbrei aus der Tüte von aldi und co


  • ...Früher gab es sogar soziale Geldgeschenke der Politik, nur damit die Wirtschaft richtig angekurbelt wurde.


    die Politik hat noch nie Geld zum verschenken gehabt.
    s. 1,7 Bll. Staatsverschuldung.
    Man hat für einige Wählerstimmen Kredite aufgenommen.
    Das rächt sich jetzt.
    Es geht ja noch dreister, Link muß ich suchen:
    "2 Mrd. her, damit wir ein Elektoauto entwickeln können"
    Es soll Zeiten gegeben haben, da haben haben die Unternehmen aus ihren Gewinnen Neuentwicklungen finanziert. Und die Gewinne eingestrichen. Oder auch nicht.
    Gemäß derzeitiger Politik hat das arme Schwein die Risiken zu bezahlen.


  • Wie ich das sehe, ist hier gut beschrieben:


    >Unsozial sind immer die anderen


    Was der DDR früher der Klassenfeind ist dem sozial Empfindsamen heute der Neoliberale. Das Wort ist ein politischer Kampfbegriff, er dient vor allem der Diffamierung des politischen Gegners, gleichgültig ob innerhalb oder außerhalb der eigenen Partei. Das gilt für den CSU-Vize Horst Seehofer genauso wie für die SPD-Vizin Andrea Nahles und deren ehemaligen Parteigenossen und jetzigen Oberlinken Oskar Lafontaine.


    Als neoliberal gelten hierzulande generell Leute, die sich mit dem Rüstzeug der Ökonomie den Problemen der Wirklichkeit stellen und dabei auch noch Sympathie für das Wirken von Märkten erkennen lassen oder die Globalisierung für eine gute Sache halten. Das tut man nicht, das zeugt von Kälte, geistiger, emotionaler, moralischer sowieso. Manchmal reicht - um unter Neoliberalismus-Verdacht zu geraten - auch schon die Vermutung, dass zwei plus zwei vier ergeben könnte."<



    [url=http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,533857,00.html]Anti-Neoliberalismus: Unsozial sind immer die anderen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik[/url]


    ;)


  • na ist die neue rechnung nicht 2+2 = 4 - :love-politopia:

  • Da hast du also brav die Meinung des Spiegel hierher kopiert. Hast du mal wieder keine eigene Meinung? ;)


    Das hat sie natürlich vorher vergessen:


    Neoliberale, das sind doch diejenigen, deren Daseinszweck darin besteht, Arbeitsplätze zu vernichten, Löhne zu drücken und kleine Kinder zu fressen.


    oder


    Der Wettbewerb brauche deshalb einen Schiedsrichter, damit sich die Mächtigen nicht auf Kosten der Schwachen bereichern könnten. Diese Rolle sollte nach Ansicht der Neoliberalen ein starker Staat übernehmen. Sozial sei die vom Staat beschützte Markwirtschaft, weil jeder einzelne von den Früchten des Wettbewerbs profitieren könnte, als da sind: niedrige Preise, höherer Produktivitätsfortschritt, als Folge davon mehr Arbeitsplätze und höhere Einkommen.


    Und noch etwas zum Lachen aus dem Spiegel Bericht:


    Noch lustiger aber ist - nicht wahr liebe Anti-Neoliberale - dass ausgerechnet Neoliberale für einen starken Staat eintreten. Das tun Sie doch auch immer. Sind Sie vielleicht auch Neoliberaler? Sind Sie, verehrter Herr Seehofer, als Verbraucherminister nicht sogar zwangsläufig Neoliberaler, weil auch Sie die Verbraucher vor den mächtigen Konzernen, zum Beispiel den Energieversorgern, in Schutz nehmen?


    Wenn er genau das mal tun würde!!!!


    Stattdessen läuft es genau im Gegenverkehr, ich frage mich Kojo, wo du lebst?


    Die Politik verteilt an die Konzerne Milliarden, die sie dem Bürger einerseits durch Steuern entlockt, und andererseits vorenthält.


    Diese Milliarden werden von den Konzernen jedoch nicht wie früher, bei den Gewinnen, reinvestiert, sondern eher als Managervergütungen, Dividendenerhöhungen weitergegeben.
    Es kann ja nicht sein, das die angebotene Ware beim kunden billiger wird, nein, sie muß stetig teurer werden, damit die Aktionäre/Teilhaber/Gesellschafter noch mehr Reibach machen.


    Und genau das hat mit dem Neoliberalismus a la Ludwig Erhardt nicht mehr die Bohne zu tun.


    Ich habe den Spiegelbericht auch gelesen, aber was da alles zur Rettung der Neoliberalen Ehre außen vorgehalten wurde, spottet jedweder Beschreibung....:thumbsup: