Wir sind ein systemisches Risiko

  • So redeten sie, besonders die Global Players unter den Banken, nachdem sie die Weltwirtschaft in eine schwere Krise gestürzt hatten: "Helft uns, weil wir ja systemisch sind, und ohne uns wird alles zusammenbrechen."

    Oberflächlich betrachtet sieht das nach einer Globalisierung der oft beklagten Anspruchsmentalität aus, aber nur oberflächlich.

    Der eine Unterschied besteht darin, dass die auf Hartz 4 Angewiesenen keine materiellen Polster haben, die sie nutzen können, während die anderen ihre Polster beseite geschafft haben und dann kläglich jammern.

    Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass die auf Hartz 4 Angewiesenen "auf dem Amt" einen Wartezettel ziehen und Geduld üben müssen, während den anderen per Lobby die Türen zu Merkel und Brüderle im "rund um die Uhr Service" dienstbereit offenstehen.

    Der dritte Unterschied besteht darin, dass die systemischen Nadelstreifen nach der Maxime leben: "Ohne systemisches Risiko kein Funfaktor." Dies bleibt den anderen - aus systemischen Gründen - verwehrt.

    Ich habe gestern den Weissager meines Vertrauens befragt, was demnächst zu erwarten sei. Ohne lange zu zögern orakelte er: "Die Erzeuger von Kernenergie haben für sich entdeckt, systemisch zu sein."

    Normalerweise tut sich mein Weissager mit einer Antwort recht schwer. Normalerweise wirft er vorher Vogelfedern und Mäuseknochen in die Luft und liest dann aus dem zu Boden Gefallenen seine Weissagungen. Normalerweise ...

    ... aber was ist in diesen Zeiten schon normal.

    Ich werde in Erwägung ziehen, meinen Weissager zu wechseln.


  • Es wird eine Menge an Energie benötigt werden, um den Begriffen "systemrelevant" und "alternativlos" ihre zugedachte Bedeutung zu nehmen.

  • Es wird eine Menge an Energie benötigt werden, um den Begriffen "systemrelevant" und "alternativlos" ihre zugedachte Bedeutung zu nehmen.



    Noch viel schlimmer als "systemrelevant" und "alternativlos" ist die bereits erfolgreich durchgeführte Einführung der Bezeichnung "Sozialschwache" für Arme.

    Bereits erfolgreich durchgeführt deshalb, weil Max Mustermann und Lieschen Müller diese Bezeichnung schon ganz selbstverständlich nachplappern. Offensichtlich ohne zu wissen, was sie da eigentlich sagen: nämlich dem Wortsinn nach ein freundlich klingendes Synonym für "asozial". Macht man Max Mustermann und Lieschen Müller darauf aufmerksam, weisen sie es natürlich weit von sich, arme Menschen automatisch auch für asozial zu halten.

    Die unterschwellige Botschaft dieser neudeutschen Bezeichnung für Arme kommt aber trotzdem an. Es ist inzwischen normal geworden, arme Menschen für asozial zu halten und diesen entsprechend zu begegnen. Das widerum bildet dann einen sehr fruchtbaren Nährboden für Restriktionen gegen die vermeintlich Asozialen, siehe zum Beispiel die massiven Verschärfungen im neuen ALG II-Gesetz.

    An eine erfolgreichere Einführung einer neuen (freundlich klingenden, aber abwertend wirkenden) Bezeichnung für etwas Altbekanntes kann ich mich nicht erinnern.

    Wohin soll das noch führen? Dahin, dass wieder keines was gewusst hat, denn sie wissen ja heute schon nicht, was sie sagen?

  • Es wird eine Menge an Energie benötigt werden, um den Begriffen "systemrelevant" und "alternativlos" ihre zugedachte Bedeutung zu nehmen.





    Ja, die Sprache prägt das Bewusstsein und das Bewusstsein die Sprache :-)


    Es ist sicher an der Zeit mal ein Lexikon für 'Neudeutsch-Sprech' an den Start zu bringen, damit wir humanistisch, demokratisch Verblendeten, die noch mit einem Rest an (Allgemein)Bildung ausgestattet, einer sozialen, freiheitlichen Bürgergesellschaft im Sinne der Aufklärung und dem Geist des Grundgesetzes verfallen sind; endlich begreifen, dies sind Ideen von Gestern! :-)


    Sehr schön zb.:
    Sie gehen einem Beruf nach!? - Sind sozusagen ein Berufstätiger, oder schon etwas abgewandelt: eine Angestellte/Angestellter - bzw. Arbeitnehmer(in)


    Diese Bezeichnungen sind aber leider noch zu irreführend - weisen zurück in eine längst vergangene Epoche, menschlicher Verwirrungen, in der man der absurden Annahme verfallen war, dass jemand der eine Arbeit für ein Betrieb/Unternehmen ausführt, also eine Lohnabhängige(er), noch in irgend einer Form als 'Mensch' zu bezeichnen und anzusehen ist.


    Wie gesagt völlig abwegig, ja ich möchte es mal als kranke Verirrung bezeichnen, die letztlich nur im Kommunismus enden kann! - Siehe die Bezeichnung: Werktätige! - Wer möchte schon an einem Werk tätig sein!? - Geld abgreifen, dies ist doch der Sinn des Lebens - oder!?


    Also das moderne und somit alternativlos, fortschrittliche Vokabular (übrigens massgeblich von der innovativen Deutschen Bank eingeführt - Dank auch!) ist doch: 'Humankapital' und noch besser für den unterbemittelten, gemeinen 'Ressourcenvernichter' verständlich und längst in allen angesagten Wirtschaftsfakultäten für das systemrelevante BWL-Studium gelehrt ist die Bezeichnung: 'BETRIEBSMITTEL' - für diese undankbare Spezies, die teilweise immer noch nicht begreifen will, dass: 'Sozial ist was Arbeit schafft' (Nachtrag zu „Sozial ist, was Arbeit schafft“ � INSM Watchblog).
    Wir 'Lohnanspruchsdenker' sollten doch wirklich mal froh sein, dass man uns überhaupt in unserem sinnlos dahinvegetierenden Dasein in irgendeiner Form beschäftigt und wir zumeist nichtmal dafür zahlen müssen. Also wirklich - Wir haben doch schliesslich Globalisierung - und der fleissige Bäcker u. Friseur etc. in Shanghai wartet nur auf die Millionen neuen Kunden aus Deutschland. :-)


    Und wenn wir dann mal nicht, trotz uneigennützig, aufopfernder Anstrengungen seitens der umsichtig, nachhaltig agierenden Shareholder Value Manager (Deren heculeshaften Aufgabe - Dimensionen wir Gemeinen natürlich niemals verstehen werden :-D ) beschäftigt werden können, wird man nicht gefeuert oder entlassen/ welch untreffent böse Wortwahl! - Mann/Frau wird 'frei gestellt'! So zu sagen (wie es unser Alt-Kanzler Kohl mal bezeichnete) in den 'Freizeitpark Deutschland' eingeladen.


    Auch ist die Bezeichnung: 'Sozialschwache' oder auch 'Prekariat' immer noch ein bissel zu beschönigend. Dies sind klipp und klar 'Leistungsverweigerer' , so wie die altmodisch, irreführend als Obdachlose bezeichneten: 'Wohnungsverweigerer' sind.


    Auch führt zb. der Begriff: 'Kunde' in die Sackgasse systembehinderden Anspruchsdenkens!
    Wir sollten dankbar funktionierende 'Konsumenten', besser noch: 'Angebotsempfänger' sein.
    (Aber wir sind ja Gott sei Dank auf dem richtigen Weg zur Zukunft, wo jetzt endlich schon die Kids mittels stetiger, medialer Werbeberieselung auf den alternativlosen Glauben für das seligmachende Logo/Produkt konditioniert werden - Dank auch ihr Werbephychologen und BWLer!)


    Also Leute umdenken! - Die Bürgergesellschaft war Gestern ( Wie wir ja wissen, mit all seinen Verwerfungen und Unzulänglichkeiten)
    Die Zukunft und das Glück in orwellschen Dimensionen hat längst begonnen!!!


    Angenehme Frühlingstage auch!


    :thumbsup:


  • Interessant, was du hier schreibst.
    In meiner Kindheit hat man noch offen "asozial" ausgesprochen, aber es gab nicht diese Masse an Arbeitslosen, es bezog sich auf Menschen, die sich asozial verhielten.
    Sozial schwach? Im Duden gab es das nicht in der Kombination.


    Du hast recht, das Schicksal der "zwischen die Stühle gefallenen" wird auch sprachlich verschönert.
    Von den Asozialen, die sie dorthin befördert haben.
    In der Tat, es ist eine umgekehrte Welt.


  • Die "Obdachlosen" waren "Alternative", bis sie in Massen erscheinen mussten.

  • Noch viel schlimmer als "systemrelevant" und "alternativlos" ist die bereits erfolgreich durchgeführte Einführung der Bezeichnung "Sozialschwache" für Arme.
    .........................
    An eine erfolgreichere Einführung einer neuen (freundlich klingenden, aber abwertend wirkenden) Bezeichnung für etwas Altbekanntes kann ich mich nicht erinnern.
    ........?



    Wenn Arme wirklich "sozial schwach" wären, würden sie in der derzeitigen Gesellschaft nicht mehr überleben können! Es ist erschütternd, mit welchen Verformungen der dt. Sprache sich die Menschen abfinden! Ähnlich verblödend sind die Begriffe "Arbeitgeber und Arbeitnehmer"!

  • Diese Sprachungetüme und -entgleisungen werden kreiert und verbreitet durch die Presse.
    Wessen Sprachrohr ist die Presse? Das Sprachrohr der Politik!
    Wann braucht die Politik den Bürger? - Am Wahltag!
    Haben die Politiker ein Interesse, daß der Bürger die Politik versteht? - Nein!

    Betrachten wir einmal grob das Wahlverhalten der Bürger:
    50% haben resigniert, verstehen den Laden nicht mehr, oder sehen keine Möglichkeit etwas zu ändern, bilden die größte Patei, die NICHTWÄHLER

    Dann haben wir noch einen großen Block der Rentner, ich vermute mal, daß die wenigsten von denen Nichtwähler sind. Aber ein großer Teil dieser Wähler gehört zu der konservativen Variante: das haben meine Eltern schon immer gewählt und ich wähle die auch schon mein ganzes Leben. Denen ist das Geschwätz also auch egal.

    Der schäbige Rest versucht sich also durch diese Verbalentgleisungen durchzuwursteln, trifft sich unter anderen in Foren wie diesen!

    Ich vergaß aber noch die Karrieregeilen und angehenden Politiker!!: die saugen diese idiotische Ausdrucksweise auf wie die Muttermilch, wenden sie bei jeder Gelegenheit an, und sonnen sich offensichtlich in dem Bewußtsein, nur noch von einem kleinen Teil der Mitmenschen verstanden zu werden! Und sie nutzen geschickt die Möglichkeiten, mit diesen Wortungetümen um die Wahrheit drumherumzureden, wie ihre großen Vorbilder!!!

    Mit Demokratie hat das natürlich nicht mehr viel zu tun, aber Wahltage sind ja auch nicht so oft!
    :banana75: