Alevitische Gedichte und Sprüche

  • Alevitische Gedichte und Sprüche


    Aufgrund historischer Gründe, die ich hier nicht näher erläutern möchte, dafür gibt es mehrere passende Threads Aleviten, Aleviten vom Osmanischen Reich bis zur heutigen Türkei, spielen Gedichte, überlieferte Redewendungen, Sprüche usw. ein sehr wichtiges Element des alevitischen Glaubens.


    Ich möchte hier nun diese Sprüche und Gedichte sammeln und ggf. auch über einzelne Inhalte diskutieren.


    Anfangen möchte ich mit einem Gedicht von Pir Sultan Abdal.
    Ich werde zuerst die türkische Version und danach die deutsche posten und auch eine moderne musikalische Interpretation mit einfügen.


    Kurz-Info Pir Sultan Abdal:

    Zitat

    Pir Sultan Abdal (* um 1480; †1550) war ein türkischer Dichter alevitischen Glaubens, der heute als Freiheitsvorbild vieler Aleviten gilt.
    Seine Lyrik ist reich an Fantasie und sufistisch inspirierten Metaphern über Gott, die Natur und die Liebe zu den Mitmenschen.

    Quelle


    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Şu kanlı zalimin ettiği işler[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Gaip bülbül gibi zâreler beni [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Yağmur gibi yağar başıma taşlar[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Dostun bir fiskesi pareler beni [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Dar günümde dost düÅŸmanım bell’oldu [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]On derdim var ise şimdi ell’oldu[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Ecel fermanı boynuma takıldı[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Gerek asa gerek vuralar beni[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Pir Sultan Abdal’ım can göÄŸe aÄŸmaz [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Hak’tan emrolmazsa ırahmet yağmaz[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Şu ellerin taşı hiç bana değmez[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Ä°lle dostun gülü yaraler beni[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Alçakta yüksekte yatan erler[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Yetişin imdada aldı dert beni [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Başım aldı hangi yere gideyim[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]GittiÄŸim yerde buldu dert beni [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Oturup benimle ibadet kıldı[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Yalan söyledi de yüzüme güldü[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Yalın kılıç olup üstüme geldi[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Çaldı bölük bölük böldü dert beni [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Ãœstümüzden gelen boran, kış gibi[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Yavru şahin pençesinde kuş gibi[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Seher sabahında rüya, düÅŸ gibi[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Çağırta bağırta aldı dert beni [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Abdal Pir Sultan’ım gönlüm hastadır[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Kimseye diyemem gönlüm yastadır[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Bilmem deli oldu bilmem ustadır[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Åžöyle bir sevdaya saldı dert beni [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Seyyah olup ÅŸu ölemi gezerim[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Bir dost bulamadım gün akÅŸam oldu[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Kendi efkârımca okur yazarım[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Bir dost bulamadım gün akÅŸam oldu[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Ä°ki elim kalkmaz oldu dizimden [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Bilmem amelinden bilmem özümden[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Akıttım kanlı yaÅŸ iki gözümden[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Bir dost bulamadım gün akÅŸam oldu [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Yine boralandı dağların başı[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Akıttım gözümden kan ile yaşı[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Emaneti alır ol veren kişi[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Bir dost bulamadım gün akÅŸam oldu[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Bozuk şu cihanın pergeri bozuk[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Yazıktır ÅŸu geçen ömrüme yazık [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Tükendi daneler kalmadı azık [/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Bir dost bulamadım gün akÅŸam oldu[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Pir Sultan’ım eydür ummana dalam[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Gidenler gelmedi haberin alam[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Abdal oldum çullar giydim bir zaman[/FONT]
    [FONT=Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif]Bir dost bulamadım gün akÅŸam oldu.


    Deutsche Version (aber in anderer Strophenform, habe nichts anderes gefunden):


    [/FONT]Ich, Pir Sultan, wenn ich die Berge wäre,
    Voll blauer Hyazinthen Garten wäre.
    Die Welt ganz Blume und ich Biene wäre
    Fänd‘ süßern Honig nicht als Liebchens Zunge!


    Ich ward zu Bächen die im Strom versprühten,
    Zu Rosen ward ich, die zur Unzeit glühten
    Zu Asche ich, drin kerne Funken glühten
    O Freund, verbrannt, verbrannt von deiner Liebe!


    Die Taten des blutdürstigen Tyrannen, -
    Sie lassen schluchzen mich wie Nachtigallen -
    Wenn Steine regengleich auch auf mich fallen -
    Ein Daumenschnelln des Freundes schlägt mir Wunden.


    Am Galgentag sind Freunde rar geworden,
    Zehn Schmerzen sind nun fünfzig gar geworden,
    Das Todesurteil ist nun klar geworden -
    Erschlagen werd ich und werd aufgebunden.
    Nicht steigt die Seele in die Himmelshöh -
    Befiehlt Gott nicht, fällt milder Regen je?
    Die Steine dieses Lands tun mir nicht weh -
    Des Freundes Rose konnte mich verwunden.


    Warte nur Hizir Pascha,
    Auch deine Pläne werden durchkreuzt.
    Dein Sultan, auf den Du Dich verläßt,
    Auch er wird eines Tages gestürzt.
    Sollten die Richter und Mufti mich verurteilen,
    Sollten sie mich erhängen,
    Sollten sie mich köpfen,
    Ich werde von meinem Weg nicht kehren.


    Liedinterpretation:


    [ame='http://www.youtube.com/watch?v=RBtIJKKGfaY']Kanlı Zalim - Oğuz Boran - YouTube[/ame]


    Pir Sultan Abdal wurde am Ende seines Lebens durch die osmanische Obrigkeit hingerichtet.

  • Der alevitische Dichter Aşık Daimi (1932-1983) und die im Alevitentum vorhandene En-el Hak - Vorstellung, das Gottes Funke in jedem Menschen vorhanden ist:



    Kainatın aynasıyım

    Mademki ben bir insanım


    Hakkın varlık deryasıyım


    Mademki ben bir insanım


    Ä°nsan hakta hak insanda


    Ne ararsan var insanda


    Çok marifet var insanda


    Mademki ben bir insanım


    Tevratı yazabilirim,


    İncil`i dizebilirim Kuran`ı sezebilirim,


    Mademki ben bir insanım.


    Daimiyim harap benim


    Ayaklara turap benim


    AÅŸk ehline ÅŸarap benim


    Mademki ben bir insanım

    Deutsche Ãœbersetzung:

    Ich bin der Spiegel des Universiums


    Denn ich bin ein Mensch.


    Ich bin der Ozean der Wahrheit


    Denn ich bin ein Mensch.


    Der Mensch und die Wahrheit sind Eins


    Was du suchst, findest du im Menschen


    Der Mensch besteht aus Erkenntnissen


    Denn ich bin ein Mensch.


    Ich könnte die Thora schreiben


    Die Bibel könnte ich in Verse fassen


    Den verborgenen Gehalt des Koran erfühle ich


    Denn ich bin ein Mensch.


    Ich, Daimi bin ein Trümmerhaufen


    Ich bin die Erde unter den Füßen


    Ich bin ein Instrument, durch dessen Klang Gottes Liebe auftönt.


    Denn ich bin ein Mensch.

  • Das Cem-Ritual


    Das Cem-Ritual ist eine spirituelle alevitische Versammlung in dem auch der Semah (ritueller Tanz) eine wichtige Rolle spielt.


    Urquelle des Cem ist der so genannten "Cem der Vierzig" (türk.: Kırklar Cemi)Quelle ist das so genannte Buyruk eine Sammlung von Glaubensinhalten und des Wertesystems der Aleviten. Es gibt verschiedene Versionen wobei das Imam Cafer-i Sadik Buyrugu wohl als Inspiration für alle nachfolgenden Buyruks gilt.


    Aus diesem Buch ist folgende Geschichte, die die Geschichte des Cems der Vierzig erzählt und so als Quelle für die heutige Form des Cem-Rituals angesehen wird:


    Als Muhammet von der Himmelsreise zurückkehrte, sah er in der Stadt ein Heiligtum das seine Aufmerksamkeit erregte. Er ging bis zur Tür. Drinnen unterhielten sich einige Personen. Muhammet klopfte an, um einzutreten. Jemand rief von innen: „Wer bist du? Wozu willst du kommen?“ Muhammet antwortete: „Ich bin der Prophet. Lasst mich herein. Ich möchte die schönen Gesichter der Heiligen (erenler) sehen.“ Von drinnen ertönte es: „Ein Prophet hat in unserer Runde keinen Platz. Geh und sei Prophet deiner Gemeinde“. Daraufhin ging Muhammet von der Tür fort. Als er weggehen wollte, kam eine Stimme von Gott. Sie gebot „Muhammet, geh zu jener Tür!“. Auf dieses Gebot hin ging Muhammet erneut zur Tür und klopfte an. Jemand fragte von innen: „Wer ist da?“. Muhammet antwortete: „Ich bin der Prophet. Lasst mich herein! Ich möchte eure gesegneten Gesichter sehen“. Von drinnen ertönte es: „Ein Prophet hat in unserer Runde keinen Platz, im übrigen brauchen wir keinen Propheten.“ Der Gesandte Gottes wandte sich nach diesen Worten ab. Als er sich entfernen wollte, gebot Gott erneut: „Muhammet, kehre um! Wohin gehst du? Geh und öffne jene Tür!“ Der Gesandte Gottes stand wieder vor der Tür. Er drückte den Türknauf. Als von innen eine Stimme erklang: „Wer bist du?“, antwortete er: „Ich bin ein unbedeutender Habenichts, gekommen um Euch zu sehen. Erlaubt ihr mir einzutreten?“ In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Von drinnen hieß es: „Sei gegrüßt! Willkommen, du bringst uns Segen, macht alle Türen auf!“ Er wurde hineingeführt.

    Dort saßen die Vierzig Heiligen versammelt und unterhielten sich. Muhammet sagte: „Die heilige Tür, die Tür der Wohltaten steht offen. Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“ und trat mit seinem rechten Fuß ein. Drinnen saßen neununddreißig gläubige Seelen. Muhammet schaute sich um und sah, dass sie zweiundzwanzig Männer und siebzehn Frauen waren. Die Gläubigen waren bei seinem Eintritt aufgestanden. Alle boten ihm einen Platz an. Ali war auch in der Versammlung. Muhammet setzte sich neben Ali ohne ihn zu erkennen. Viele Fragen tauchten bei Muhammet auf – wer sind diese Personen? Sie wirken alle gleichrangig, aber wer ist höher, wer niedriger? Obwohl er nicht fragen mochte, hielt er es doch nicht länger aus.
    „Wer seid ihr? Wie heißt ihr?“ fragte er. „Wir sind die Vierzig“ antworteten sie. „Wer ist euer Oberer, wer sind die Unteren? Ich habe es nicht erkennen können.“ „Wir sind alle gleich, die Unteren sind auch die Oberen, Vierzig für Einen, Einer für Vierzig.“ „Aber einer fehlt, wo ist er?“ „Das ist Selman, er ist auswärts. Er macht einen Sammelgang (parsa). Aber warum fragst du? Selman ist auch hier, betrachte ihn als anwesend.“
    Muhammet bat die Vierzig, ihm dies zu beweisen. Darauf streckte Ali seinen gesegneten Arm aus. Einer der Vierzig sprach die Formel aus und ritzte Alis Arm mit einem Messer. Alis Arm begann zu bluten. Gleichzeitig bluteten auch die Arme der anderen. In diesem Augenblick drang ein Blutstropfen durch das Fenster und tropfte in ihre Mitte. Das war Blut aus dem Arm Selmans, der auswärts war. Danach verband einer der Vierzig Alis Arm. Das stillte auch die Blutung der anderen. Jetzt kam Selman von seinem Bettelgang zurück. Er hatte eine einzige Weintraube mitgebracht. Die Vierzig legten diese Traube Muhammet vor und sagten: „Oh Diener der Armen, tue einen Dienst und teile diese Traube unter uns auf!“ Muhammet war besorgt und dachte: „Sie sind vierzig Personen und es gibt nur eine einzige Traube, wie kann ich sie aufteilen? In dem Augenblick sprach Gott zu Gabriel: „Unser geliebter Muhammet ist in Not, eile ihm zu Hilfe! Hol aus dem Paradies einen leuchtenden Teller, übergibt ihm diesen Teller. Er wird darin die Traube zerdrücken und ihren Saft den Vierzig zu trinken geben.“
    Gabriel holte einen leuchtenden Teller aus dem Paradies und kam damit zum Gesandten Gottes. Er brachte ihm Gottes Gruß dar und legte ihm den Teller hin. „Mach Saft daraus, oh Muhammet“, sagte er.

    Die Vierzig beobachteten, was Muhammet wohl mit der Traube machen würde. Plötzlich sahen sie einen leuchtenden Teller vor Muhammet erscheinen. Der Teller leuchtete wie das Licht der Sonne. Muhammet gab einen Tropfen Wasser in den Teller, dann zerdrückte er mit seinem Finger, auf dem glänzenden Teller die Traube zu Saft. Er reichte den Vierzig den Teller. Die Vierzig tranken von diesem Saft. Dann wurden sie alle berauschst wie bei der Schaffung der Menschen. Sie standen von ihren Plätzen auf und sagten: „Bei Gott!“ und reichten sich die Hände. Sie begannen den Semah-Tanz. Muhammet tanzte mit ihnen den Semah. Der Tanz fand bei einem göttlichen Licht statt. Während des Tanzes fiel Muhammets heiliger Turban zu Boden. Er zerfiel in vierzig Streifen. Jeder der Vierzig nahm einen Streifen und gemeinsam machten sie sich daraus einen Rock. Später fragte Muhammet nach ihrem Pir und ihrem Leiter (Rehber). Sie sagten: „Unser Pir ist ohne Zweifel Ali, der Sah-i Merdan. Unser Leiter ist Gabriel, Friede sei mit ihm.“ Nun erst bemerkte Muhammet, dass Ali unter ihnen war. Ali kam auf Muhammet zu; da Muhammet ihn sah, bot er ihm einen Platz an. Die Vierzig schlossen sich Muhammet an, verneigten sich vor Ali und wiesen ihm den Weg.

  • Dieses Video ist interessant, aus drei Gründen:


    1. Ist das ein Gedicht von Pir Sultan Abdal
    2. Wird das Gedicht im Stile der Makammusik (mit Rockeinlagen) gespielt: Nihavend Nefes (wie es bei den Bektaschis üblich ist)
    3. Singt das einer der berühmtesten türkischen Rocksänger armenischer Herkunft: Hayko Çepkin


    Ich höre das gerade den ganzen Tag an ...



    Hier die natürliche Variante - ohne Rockeinlagen von Nezih Uzel: